HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – In der deutschen Schiffbauindustrie wächst der Auftragsdruck, zugleich verschärft sich laut dem VSM ein Personalproblem. Reinhard Lücken beschreibt die Branche als wachstumsstark und verweist auf die SMM als festen Branchentreff in Hamburg. Als Engpass identifiziert er vor allem Fachkräfte, die sich nicht allein durch Wechsel aus der Automobilindustrie decken lassen. Er warnt zudem vor einer möglichen Regierungsbeteiligung der AfD nach den anstehenden Landtagswahlen, weil dies die Rekrutierung von Personal zusätzlich erschweren könne.

Die deutsche Schiffbauindustrie erlebt derzeit Rückenwind – nur eben nicht in allen Dimensionen zugleich. Der Hauptgeschäftsführer des Verbands für Schiffbau und Meerestechnik (VSM), Reinhard Lücken, ordnete die Lage in Hamburg vor der SMM (Shipbuilding, Machinery & Marine Technology) ein. Während die Branche nach seiner Darstellung stabil wachsende Perspektiven hat, entsteht parallel ein Engpass, der sich bereits heute an vielen Stellen als Bremse bemerkbar macht: „Wo finden wir das Personal?“ Diese Frage steht bei ihm nicht am Rand, sondern im Zentrum der aktuellen Diskussion.
Technisch und operativ wirkt sich der Mangel an Fachkräften direkt auf Projekte aus, die im Schiffbau ohnehin stark von Prozesswissen abhängen. Werften müssen für Schweißarbeiten, Montage, Rohrleitungsbau, Elektroinstallation und die Systemintegration in komplexen Plattformen zuverlässig Personal planen. Wenn der Personalzugang stockt, verschiebt sich nicht nur die Fertigungszeit, sondern auch die Fähigkeit, Qualifikationsprofile in Teams zusammenzubekommen – etwa wenn gleichzeitig Nachwuchs aufgebaut und erfahrene Kräfte gebunden werden müssen. Lücken ließ offen, welche konkreten Berufsgruppen gerade am stärksten fehlen; die Stoßrichtung ist jedoch klar: Ohne belastbare Rekrutierungskanäle geraten selbst gut gefüllte Auftragsbücher schneller an ihre Grenzen.
Dass die Branche vor allem Fachkräfte sucht, die über klassische Pipeline-Wege nicht sofort verfügbar sind, begründet Lücken mit dem Abgleich zwischen potenzieller Umorientierung und tatsächlichem Bedarf. Er könne sich zwar vorstellen, dass Menschen aus der Automobilindustrie in den Schiffbau wechseln – doch das reiche seiner Einschätzung nach nicht aus, um den Bedarf zu decken. In der Praxis bedeutet das: Der Schiffbau kann zwar von Industrietransfers profitieren, aber er bleibt bei bestimmten Qualifikationen und Fertigungsspezifika auf externe Zufuhr angewiesen. Deshalb nennt Lücken auch Fachkräfte aus dem Ausland als Teil der Lösung, was die Debatte in Richtung Rekrutierung, Anerkennung und nachhaltige Bindung von Personal verschiebt.
Gleichzeitig verknüpft der VSM-Geschäftsführer das Personalthema mit einem politischen Risiko. In Bezug auf eine mögliche Regierungsbeteiligung der AfD nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt warnte er eindringlich davor, dass gerade das Thema Fachkräfte „echt Schaden“ nehmen könnte. Seine Argumentation lautet: Nicht jede politische Entscheidung wirkt sich unmittelbar auf Produktionshallen aus, aber Rahmenbedingungen für Arbeitskräftegewinnung, langfristige Planbarkeit und Investitionssignale beeinflussen indirekt, wie schnell Unternehmen Teams aufbauen können. Er stellt dabei heraus, dass der Blick nicht auf nur ein Bundesland verengt werden dürfe: Mecklenburg-Vorpommern sei ein wichtiger Werftstandort, Sachsen-Anhalt sei im Binnenschiffbau sogar das Bundesland Nummer 1.
Aus Branchenperspektive ist der Kontext wichtig, weil Schiffbau selten ein „Ein-Euro“-Geschäft ist, bei dem man Engpässe einfach durch kurzfristige Beschaffung überbrückt. Selbst wenn Material oder Zulieferkapazitäten verfügbar sind, bleibt die kritische Pfadkomponente häufig die Verfügbarkeit von Menschen mit praxisnaher Erfahrung und den dazugehörigen Sicherheits- und Qualitätsstandards. Genau deshalb wird die politische Diskussion über Zuwanderung und Fachkräftestrategien für viele Unternehmen zu einem Teil des Risikomanagements. Lücken bringt diese Verknüpfung in eine klare Bewertung: „Das muss man den Menschen deutlich machen, für die Wirtschaft ist das eine Katastrophe.“
Für den Markt ergeben sich daraus mehrere Konsequenzen, die über das Tagesgeschäft hinausgehen. Erstens steigt der Druck, Rekrutierung frühzeitig als Bestandteil der Projektplanung zu behandeln – ähnlich wie Kapazitätsplanung für Trockendock- und Produktionslinien. Zweitens gewinnen Partnerschaften mit Bildungsträgern, Weiterbildungsprogrammen und internationalen Recruiting-Kanälen an Gewicht, weil sie nicht nur kurzfristig Lücken schließen, sondern Qualifikationsstrukturen aufbauen. Drittens wird die Wettbewerbsfähigkeit auch daran gemessen, wie schnell Unternehmen trotz Fachkräfteknappheit neue Aufträge abwickeln können, ohne dass Qualitätssicherung und Nacharbeit die Kostenbasis sprengen.
Daneben bleibt SMM als Taktgeber für Netzwerke und Technologie-Austausch relevant. Wenn der Auftragszuwachs mit einem Personalengpass kollidiert, verschieben sich auf Messen häufig die Gespräche: weniger nur über Schiffskonzepte und Ausrüstung, sondern auch über Workforce-Modelle, Zusammenarbeit entlang der Lieferkette und die Frage, wie Zulieferer und Werften ihre Bedarfe koordinieren. Für Entscheidungsträger in Reedereien, Werften und Zulieferindustrie bedeutet das: Personalpolitik ist nicht nur HR-Thema, sondern Teil der technischen Umsetzungsgeschwindigkeit. Im Zeichen Künstlicher Intelligenz können zwar Assistenzsysteme bei Dokumentation, Planung oder Qualitätschecks helfen, doch die Engpasslogik im Schiffbau bleibt primär menschlich – und damit politisch und organisatorisch gestaltbar.
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