LONDON (IT BOLTWISE) – Der Krypto-Analyst Scott Melker sagt, er würde XRP „niemals wieder“ anfassen. Seiner Begründung nach trennt der nächste Marktzyklus stärker zwischen Token mit echter Nutzens-Logik und solchen, die vor allem frühe Investoren bereichern. Gleichzeitig bleibt er für Bitcoin langfristig sehr bullisch und beschreibt sein Vorgehen als konsequentes Dollar-Cost-Averaging. Für die Breite des Markts erwartet er Konsolidierung und Risiken für viele kleinere Netzwerke.

Im Krypto-Markt ist es selten, dass jemand so klar Stellung bezieht wie Scott Melker, wenn es um einzelne Assets geht. In einer Episode seines Podcasts „51 Insights – What Matters in Digital Assets“ am 23. September erklärte er, er werde XRP künftig meiden und formuliere das sinngemäß sogar als „XRP. Sorry, guys.“ Dahinter steckt keine kurzfristige Volatilitäts-Analyse, sondern eine grundlegende Kritik an Projekten, die zwar hohe Kapitalmengen einsammeln, aber erst danach die eigentliche Produkt- und Nutzenentwicklung für das Ökosystem ernsthaft nachziehen. Für Anleger ist das vor allem deshalb relevant, weil Melker genau dort den Unterschied zwischen einem Blockchain- oder Unternehmenskonstrukt sieht, das Aufmerksamkeit gewinnt, und einem Token, dessen Wert sich im Alltag tatsächlich in Form von Gebühren, Umsätzen oder sonstigem Value Accrual widerspiegelt.
Technisch betrachtet ist diese Trennung zwischen „Ökosystem-Aktivität“ und „Token-Wert“ eine Frage der Mechanik: Wer nur Transaktionen abbildet oder ein Netzwerk bewirbt, erzeugt nicht automatisch einen ökonomischen Anspruch auf zukünftige Cashflows. Melker argumentiert, dass viele frühere Token-Wellen vor allem von Narrativen und langfristigen Versprechen getragen wurden, während bereits verfügbare Produkte, Einnahmen oder reale Nutzungsdaten weniger im Mittelpunkt standen. Besonders kritisch sieht er die Marktphase 2020 bis 2021, als Venture-Investoren relativ nahe an Token-Launches investierten und damit in der Theorie von großen Kursbewegungen rund um die initialen Zuteilungen profitieren konnten. In seiner Einschätzung benötigten etwa 99% dieser Projekte den Token eigentlich nicht; bei vielen sei der Token primär als Instrument zum Kapitalaufbau eingesetzt worden.
Für den nächsten Marktzyklus leitet Melker daraus eine Erwartung ab, die auch die Bewertungslogik vieler Marktteilnehmer verändern dürfte: Statt der Suche nach dem nächsten Asset, das „100-fach“ laufen kann, sollen sich Werte stärker dorthin verlagern, wo eine echte Nutzensschicht und eine messbare Wertschöpfung im Protokoll oder im Geschäftsmodell sichtbar werden. Als etablierte Layer-1-Netzwerke nennt er Ethereum und Solana, weil sie seiner Darstellung nach bereits von institutioneller Nutzung profitieren. Gleichzeitig bringt er mit Hyperliquid ein Beispiel für ein Projekt, bei dem er konkrete Nutzungs- und Ertragsmechanismen sowie Token-Rückkäufe als Indikatoren für eine wertorientierte Token-Ökonomie sieht. Für viele Unternehmen und Entwicklerteams ist das ein Signal, dass „Token-Marketing“ nicht automatisch die langfristige Nachfrage sichert, wenn am Ende keine Gebührenströme, keine wirtschaftlichen Anreize und keine nachhaltige Nachfrage nach Blockspace oder Plattformleistungen entstehen.
Neben dieser Value-Frage adressiert Melker auch die technische Landschaft selbst: Er rechnet mit Konsolidierung in der Blockchain-Welt. Seine Prognose lautet, dass zahlreiche kleinere Layer-1- und Layer-2-Netzwerke entweder zu „Zombie Chains“ werden oder ganz verschwinden könnten. Das ist aus Systemsicht plausibel, weil Ökosysteme Infrastruktur- und Pflegekosten haben, während Nutzer- und Entwickleraufmerksamkeit stark um knappe Ressourcen konkurriert. Wenn dann die ökonomische Basis fehlt – etwa durch zu geringe Gebühren, zu schwache Anwendungsnachfrage oder nicht funktionierende Anreizstrukturen – kippt die Dynamik oft in Richtung Stagnation. Für Investoren bedeutet das, dass Portfolios weniger als breite Wette auf „Wachstum überall“ funktionieren könnten und stattdessen stärker nach Betriebsmodell, Nutzerzahlen und Verteilung von Einnahmen geprüft werden müssen.
Bei Bitcoin hingegen bleibt Melker konsequent bullisch, und zwar weniger über die kurzfristige Prognose als über seine Strategie. Er setzt auf Dollar-Cost-Averaging und „vergisst“ das Asset laut seiner eigenen Beschreibung bewusst. Gleichzeitig zeigt seine Argumentation, wie stark er Rücksetzer nutzt: Er kaufte weiter, als Bitcoin nach dem Peak um $126.000 in den Bereich um $60.000 fiel, und wurde dabei mit sinkenden Preisen noch aktiver. Für ihn war die Spanne von $60.000 bis $80.000 dabei so etwas wie eine „Liquidation Sale“-Zone – also der Bereich, in dem aus Liquidationen entstandene Zwangsverkäufe opportunistische Einstiegsmöglichkeiten schaffen. Was die nächste Preisphase angeht, nennt er für Bitcoin Potenziale zwischen $220.000 und $250.000, räumt jedoch ein, dass frühere Ziele aus vorherigen Zyklen zu optimistisch waren.
Für Marktteilnehmer ergibt sich daraus ein klares, praktisches Bild: Der nächste Krypto-Zyklus könnte weniger von der reinen Token-Erzählung getrieben sein und mehr von belastbaren Geschäftssignalen. Genau deshalb passt seine XRP-Aussage in ein größeres Bewertungsraster, in dem die Frage nach „Value Accrual“ die zentrale Rolle spielt. Für Unternehmen heißt das auch: Wenn Krypto-Use-Cases in Produkte übergehen, müssen sie intern so geplant werden, dass Gebühren, Umsatzbeteiligungen oder zumindest wiederkehrende Nachfrage aus dem realen Betrieb entstehen können. Für Entwickler wiederum verlagert sich der Fokus weg von kurzfristigen Token-Boosts hin zu robusten Anwendungen, deren Nutzerinteraktionen langfristig im Protokoll oder im Businessmodell sichtbar werden. In einem Umfeld, in dem es Melkers Darstellung zufolge zunehmend um echte Utility geht, dürften gerade die Teams und Netzwerke gewinnen, die Konsumenten- und Entwicklerinteressen in wiederholbare Wirtschaftsmechaniken übersetzen.
Gleichzeitig sollte man die Aussage nicht als einfache Asset-Empfehlung missverstehen. Melker zeichnet eher eine „Marktverdichtung“ nach: weniger Projekte überstehen, mehr Kapital findet den Weg zu wenigen dominanten Plattformen oder zu Ökosystemen, die bereits heute Umsätze und Nutzung demonstrieren. Dass er Bitcoin dabei ausdrücklich als strategisch priorisiertes Asset beschreibt, zeigt zudem, wie stark Vertrauen in die Marktstruktur und in die historische Rolle eines Assets seine Entscheidungen beeinflusst. Insgesamt deutet seine Argumentation auf einen Zyklus hin, in dem die Unterscheidung zwischen Technologie und Token-Ökonomie nicht mehr theoretisch bleibt, sondern im Kursverlauf härter bewertet wird.
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