LONDON (IT BOLTWISE) – Sicherheitsforscher zeigen, wie ein KI-Agent in „Claude Cowork“ eine Linux-VM verlassen kann, um auf dem Host-Mac beliebige Dateien zu lesen oder zu schreiben. Der Schlüssel liegt in einer gemeinsam genutzten Dateistruktur und einem Kernel-Weg, der aus einer unprivilegierten Nutzerumgebung Root-Rechte macht. Betroffen waren laut Angaben vor dem Patch rund 500.000 lokale macOS-Sessions. Für Unternehmen bedeutet das: Lokale Agenten-Workloads müssen härter isoliert werden, auch wenn die App eine Sandbox verspricht.

Ein scheinbar sauber gekapselter KI-Agent ist in der Praxis doch nicht immer „eingesperrt“: In „Claude Cowork“ wurde eine Sandbox-Exit-Schwachstelle beschrieben, die es ermöglicht, die Grenzen einer innerhalb der macOS-Desktop-App gestarteten Linux-VM zu durchbrechen und anschließend auf dem Host-Dateisystem zuzugreifen. Der zentrale Angriffsweg wurde als SharedRoot bezeichnet. Damit rückt ein typisches Entwurfsrisiko in den Fokus, das bei Agentenplattformen häufig unter dem Begriff „Isolation“ verkauft wird: Selbst wenn die Arbeitsumgebung in eine VM verlagert wird, kann eine falsch konfigurierte Host-Freigabe oder ein Kernel-Fehler den Schutz aushebeln.
Berichten zufolge liefen vor dem Patch etwa 500.000 macOS-Nutzer in Cowork lokal, bevor die Korrektur wirksam war. Der praktische Nachweis soll dabei über eine gezielt verbundene Ordnerfreigabe erfolgt sein: Die Forscheraktivität beschreibt, dass der Agent nach dem Start einer frischen Cowork-Session innerhalb der VM den Host erreichte und Dateien außerhalb des vorgesehenen Verzeichnisses nicht nur auslas, sondern auch schreiben konnte. Für Sicherheitsverantwortliche ist dabei weniger die „Escape“-Dramaturgie entscheidend als die Folge: Durch Zugriff auf beliebige Pfade unter dem Benutzerkonto lassen sich sehr schnell sensible Artefakte wie SSH-Keys oder Cloud-Zugangsdaten abgreifen.
Technisch basiert der Ablauf auf der Architektur von Cowork für macOS. Die Desktop-App läuft demnach als angemeldeter Benutzer und erstellt für die eigentliche Agentenarbeit eine Linux-VM über Apples Virtualization Framework. Jede Session bekommt einen eigenen, wegwerfbaren unprivilegierten User sowie eine seccomp-Regelung zur Anwendungssandboxierung. Die für den Agenten relevanten Ordner werden außerdem in die VM eingeblendet – und zwar über einen Root-Daemon namens coworkd. Genau dort liegt die sprichwörtliche Sollbruchstelle: Laut Beschreibung wird das Host-Dateisystem nicht nur fragmentiert geteilt, sondern als Ganzes in die VM mit Read-Write-Rechten gemappt; damit kann ein Angreifer über geeignete Pfad- und Rechtepfade effektiv Host-Ressourcen erreichbar machen und die Sandbox-Intention unterlaufen.
Der beschriebene Exploit-Chain-Teil setzt anschließend auf Kernel-Schwachstellen und Namensraum-Eskalation. Der Weg führt über das Laden eines Linux-Netzwerk-Subsystems in einen unprivilegierten User Namespace und nutzt eine neu offengelegte Schwäche im Gastkernel im Kontext von pedit COW mit Bezug auf CVE-2026-46331. Sobald daraus ein „guest-root“ entsteht, kann der Agent laut Darstellung nicht nur den freigegebenen Bereich nutzen, sondern das Host-Dateisystem über den gemounteten Root-Pfad ansprechen. Ergänzend wird im Bericht darauf hingewiesen, dass das Erstellen von User- und Netzwerk-Namespaces dem Prozess in seinem privaten Netzwerknamespace die CAP_NET_ADMIN-Fähigkeit geben kann; dadurch wird eine normalerweise privilegierte Kernel-Operation über den betroffenen tc/act_pedit-Pfad überhaupt erst im unprivilegierten Kontext möglich.
Für die Bewertung in Unternehmen ist auch die Einordnung in den aktuellen Bedrohungs- und Forschungsmodus relevant. In den letzten Monaten wurde wiederholt sichtbar, dass Prompt-„Sicherheitsmaßnahmen“ allein nicht reichen, wenn ein Modell oder Agent auch über Systemwerkzeuge Zugriff erhält. Der vorliegende Fall ist dafür ein Lehrstück: Die Angriffslogik ist nicht primär „KI-tricksen“, sondern „Sandbox technisch brechen“ – mit einem strukturellen Muster, das sich bei Kernel- und Privilege-Eskalationsketten regelmäßig wiederfindet. Genau hier argumentieren die Forscher, dass nicht nur das konkrete Patchen einer einzelnen Komponente das Problem löst, sondern dass die Sicherheitslage grundsätzlich davon abhängt, wie robust die Isolation gegen die nächste noch nicht gefixte Kernel- oder Konfigurationslücke ist.
Welche Gegenmaßnahmen werden konkret empfohlen? Im Kern zielt die Risikominimierung auf die Schnittstellen zwischen VM und Host sowie auf die Privilege-Reduktion innerhalb der VM. Genannt werden unter anderem das Deaktivieren unprivilegierter User-Namespaces, das Vermeiden einer zu großzügigen seccomp-Regelung sowie das Unterbinden des Autoloads von Kernel-Modulen. Zudem soll die Freigabe des kompletten Host-Dateisystems in die VM verhindert werden: Statt / besser nur die tatsächlich benötigten Ordner freigeben oder den Mount zumindest read-only machen. Darüber hinaus wird vorgeschlagen, coworkd in einer eigenen Mount-Namespace-Umgebung mit besonders restriktiven Optionen laufen zu lassen, damit es nicht erneut ausführbare Binaries eines manipulierten Session-Users starten kann.
Abschließend zeigt die Meldung, wie eng sich Enterprise-Anforderungen an Skalierbarkeit und Sicherheit bei Agentenplattformen inzwischen verzahnen. Obwohl die neueste Version von Cowork standardmäßig auf Cloud-Ausführung setzt und damit der beschriebene lokale VM-Weg weniger häufig genutzt wird, bleiben lokale Setups weiterhin ein relevantes Angriffsfläche – gerade bei Teams, die aus Datenschutz- oder Latenzgründen bewusst „on-prem“ bzw. lokal fahren. Für Betreiber heißt das: Es reicht nicht, sich auf eine „Sandbox“-Behauptung zu verlassen. Entscheidend ist, ob Host-Filesysteme wirklich nur minimal und mit passenden Rechteprofilen in die Ausführungsumgebung gelangen – und ob die VM- und Kernelhärtung realistisch gegen die nächste Privilege-Eskalationskette standhält.
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