LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Forschung zeigt, dass soziale Angst und Depression Menschen unterschiedlich beeinflussen, wenn sie Feedback über ihre Persönlichkeit erhalten. In einem SocialMirror-Experiment wird negative Rückmeldung über 80 Prozent der Durchgänge hinweg häufiger absorbiert, während positive Hinweise bei Depressionen deutlich schwerer ins Selbstbild gelangen. Besonders soziale Angst führt dazu, dass negative Informationen zur eigenen Kompetenz und zum Status deutlich stärker wirken. Damit rückt die Feinsteuerung von therapeutischen Ansätzen in den Fokus, statt nur pauschal an Selbstwert zu arbeiten.

Soziale Angst und Depression beeinflussen Feedback-Update von Selbstbildern
Soziale Angst und Depression beeinflussen Feedback-Update von Selbstbildern (Foto: IT BOLTWISE)
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Menschen revidieren ihr Selbstbild nicht nach dem Zufallsprinzip. In sozialen Situationen sammeln sie fortlaufend Hinweise darüber, wie andere sie einschätzen, und passen daraus ihr inneres Modell an. Psychologen nennen diesen Prozess „belief updating“. Je nachdem, wie fest jemand eine Anfangsannahme über sich selbst hält und wie genau das Feedback zu dieser Annahme passt oder ihr widerspricht, kann die Änderung groß oder klein ausfallen. Genau an dieser Stelle setzt die aktuelle Studie an, die in Behaviour Research and Therapy veröffentlicht wurde.

Das Kernmodell dahinter lässt sich statistisch als Bayesianisches Updaten beschreiben: Eine „Prior“-Überzeugung mit hoher Sicherheit wird durch neue Evidenz weniger stark verschoben. Wenn Feedback zudem die erwartete Richtung bestätigt, lässt es sich oft leichter integrieren. Die Untersuchung geht davon aus, dass psychische Zustände wie soziale Angst und Depression solche Prior-Strukturen verzerren können. Bei sozialer Angst stehen dabei wiederkehrend negative Selbstbewertungen im Vordergrund, während Depressionen mit einer allgemeineren Schwierigkeit einhergehen, positives Feedback über sich überhaupt anzunehmen. Damit wird nicht nur gefragt, welches Feedback jemand erhält, sondern wie das Gehirn es verarbeitet.

Neu ist vor allem die Unterscheidung nach zwei Persönlichkeitsdimensionen: „agency“ und „communion“. „Agency“ umfasst Merkmale wie Kompetenz, Durchsetzungsfähigkeit und Status. „Communion“ bezieht sich dagegen auf Wärme, Empathie und soziale Verbundenheit. Frühere Arbeiten zum belief updating hätten diese Trennung weitgehend übergangen, obwohl sie nahelegt, dass das Selbstbild für verschiedene Bewertungsachsen unterschiedlich „klebt“. Die Forschenden um Zohar Klein und Reut Zabag von der Bar-Ilan University wollten deshalb testen, ob sich soziale Angst und Depression speziell in der Verarbeitung dieser beiden Trait-Typen zeigen. Dafür nutzten sie den „SocialMirror task“ und arbeiteten mit einem experimentellen Design, das Feedback unmittelbar sichtbar macht.

Im Experiment nahmen 560 Erwachsene aus den USA teil. Zunächst erfassten Fragebögen die Ausprägung von sozialer Angst und Depressionssymptomen. Danach schrieben die Teilnehmenden eine kurze Selbsteinleitung; eine Software sollte anhand dieser Texte beurteilen, wie andere sie wahrnehmen. Tatsächlich stammte das Feedback jedoch von der Studienleitung vorprogrammiert. Auf einem Bildschirm sahen die Probanden verschiedene Persönlichkeitsmerkmale, wobei die Hälfte zur Kategorie „agency“ gehörte (beispielsweise stark oder assertiv) und die andere Hälfte zu „communion“ (beispielsweise angenehm oder fürsorglich). Für jedes Merkmal sollten die Teilnehmenden vorab raten, ob das Wort auf sie zutrifft; anschließend erhielt jede Person sofortige Rückmeldung, ob die Antwort richtig war. Entscheidend waren dabei zwei Phasen: In der ersten Phase gab die Software bei 80 Prozent der Durchgänge negatives Feedback. Wer bereits stark negative Selbstannahmen mitbrachte, aktualisierte diese anschließend noch stärker – und zwar in Richtung der bisherigen Verzerrung. In der zweiten Phase wurden die Regeln ohne Vorwarnung umgedreht: Nun gab es wieder 80 Prozent positive Rückmeldungen, sodass messbar wurde, ob und wie stark neue Information trotz der Anfangsrichtung in das Selbstbild integriert werden konnte.

Als Basis-Muster zeigte sich, dass Teilnehmende ihre Einschätzungen bei „communion“-Eigenschaften deutlich leichter aktualisierten als bei „agency“-Eigenschaften. Der Gedankengang dahinter ist plausibel: Kompetenz und Status liegen näher an einem zentralen Selbstkern und werden deshalb eher als stabil behandelt. „Communion“ dagegen beschreibt stärker beziehungsbezogene Aspekte und wirkt im Modell flexibler. Doch sobald soziale Angst ins Spiel kommt, kippt die Sensitivität in eine sehr spezifische Richtung: Personen mit höheren Werten sozialer Angst änderten ihre Überzeugungen in der negativen Feedbackphase deutlich stärker, wenn es um „agency“ ging. Negative Hinweise, die Kompetenz oder Status infrage stellen, werden damit besonders wirksam. Diese zusätzliche Empfindlichkeit zeigte sich nicht in gleicher Weise für „communion“.

Depression zeigte dagegen ein völlig anderes Muster. In der positiven Feedbackphase aktualisierten Teilnehmende mit höheren Depressionswerten ihre Selbstüberzeugungen weniger als andere. Der Effekt galt über beide Trait-Kategorien hinweg: Auch wenn Betroffene wiederholt positive Eigenschaften zugeschrieben bekamen – ob diese nun Kompetenz (agency) oder Freundlichkeit (communion) betrafen – gelang es ihnen seltener, die Information in ihr Selbstbild einzubauen. Das Verhalten lässt sich als Blockade gegenüber positiven Hinweisen beschreiben: selbst dann, wenn die Rückmeldung objektiv „passt“, wird sie subjektiv weniger integriert. Diese Trennung zwischen dem „wohin“ der Verzerrung (bei sozialer Angst stärker bei agency) und dem „ob“ der Integration (bei Depression stärker gegenüber positiver Evidenz insgesamt) macht die Studie therapeutisch besonders relevant.

Die Forschenden leiten daraus konkrete Implikationen für die Behandlung ab. Bei sozialer Angst könnte Therapie stärker darauf abzielen, den Stellenwert von Status und Kompetenz im Selbstbild zu relativieren und negative Rückmeldungen kognitiv zu prüfen, bevor sie das Selbstwertgefühl nach unten ziehen. Bei Depression steht eher die Öffnung für positive Informationen im Vordergrund: Statt einer abrupten Konfrontation mit überwältigend viel Lob schlagen die Autoren vor, positiv gefärbte Hinweise dosierter einzuführen, um eine langsame Neubildung eines positiveren Selbstbildes zu ermöglichen. Genau diese „Balance“ zwischen Akzeptanz und Schutz vor sofortigem Abtun könnte erklären, warum die Experimentlogik mit einer harten Schaltstelle – von überwiegend negativ zu überwiegend positiv – im Alltag nur begrenzt abbildet.

Auch methodisch bleiben Grenzen: Die Studie basiert auf einer Online-Stichprobe mit Selbstberichten zu psychiatrischen Symptomen. Da soziale Angst und Depression häufig gemeinsam auftreten, ist die Trennung einzelner Effekte statistisch anspruchsvoll. Zudem wechselt das Design abrupt von 80 Prozent negativer Rückmeldung zu 80 Prozent positiver Rückmeldung. Im realen Leben pendelt Feedback selten so schlagartig, sondern verändert sich eher graduell. Künftige Experimente könnten deshalb langsamere Übergänge testen, um natürlicheren sozialen Dynamiken näherzukommen. Ein weiterer Punkt betrifft die Messung der Ausgangsannahmen: Die Selbstbilder wurden in frühen Trials des Tasks erfasst, statt unabhängig vorab. Unabhängige Erhebungen der Prior-Beliefs würden helfen, die Reaktion auf die ersten Feedbackstücke klarer von der Basis zu trennen. Die Ergebnisse erscheinen jedoch schon jetzt als belastbarer Hinweis darauf, dass sich belief updating nicht nur allgemein „verzerrt“, sondern je nach Zustand und Trait-Typ sehr unterschiedlich gestaltet.


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