BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Mehr als 100 Gründerinnen und Gründer drängen die Bundesregierung auf einen klaren wirtschaftspolitischen Kurswechsel. In einem offenen Brief fordern sie konkrete Reformen mit Terminbezug zum Koalitionsausschuss am 1. Juli. Im Zentrum stehen schnellere Finanzierung, weniger Regulierung und ein konsequenter Ausbau von KI- und Rechenzentrums-Infrastruktur. Branchenexperten sehen vor allem ein Umsetzungsproblem statt fehlender Ideen.

Mehr als 100 Gründerinnen und Gründer aus der Startup-Szene stellen der Bundesregierung im Vorfeld eines entscheidenden politischen Termins ein unbequemes Zwischenzeugnis aus: Die Lage sei zu angespannt, um weiterhin nur auf Absichtserklärungen zu setzen. Ausgangspunkt ist ein offener Brief, der den wirtschaftlichen Druck auf Deutschlands Geschäftsmodell beschreibt und konkrete Maßnahmen einfordert. Dabei geht es nicht nur um die über Jahre bekannten Themen wie Bürokratie oder Regulierung, sondern um die Geschwindigkeit der Umsetzung. Hintergrund sind Belastungen durch die Pandemie, der Krieg in der Ukraine sowie verschärfte Handelsbedingungen gegenüber den USA und steigende Energiekosten.
Technisch-ökonomisch betrachtet verschiebt sich damit auch die Wettbewerbslandschaft für technologieorientierte Jungunternehmen. Während europäische Startups in der Regel auf komplexe Genehmigungs- und Kapitalzugangswege angewiesen sind, treffen digitale Geschäftsmodelle zunehmend auf globale Skalierungslogik: Hyperscaler dominieren Infrastrukturverfügbarkeit, und bei KI-Workloads entscheidet zunehmend die Nähe zu Rechenkapazitäten über Time-to-Market. Der Brief verweist daher besonders auf den Ausbau von Rechenzentren und KI-Infrastruktur in Deutschland und Europa, um eine dauerhafte Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern zu vermeiden. Genau hier liegt die technische Vergleichslinie zu Wettbewerbern, die Infrastruktur als Wettbewerbsvorteil strategisch behandeln.
Auf der politischen Ebene bündelt das Schreiben einen Maßnahmenkatalog, der an verschiedenen Stellen an regulatorischen und steuerlichen Hebeln ansetzt. Besonders auffällig sind Forderungen zur Finanzierung: Altersvorsorge soll stärker als Kapitalquelle für Venture Capital genutzt werden, flankiert von der WIN-Initiative, die steuerliche und regulatorische Hürden für Wagniskapital verringern soll. Ergänzend wird vorgeschlagen, Kündigungsschutz flexibler zu gestalten, allerdings gezielt für Gutverdiener und Spitzenpositionen, um Restrukturierungskosten zu senken. Solche Ansätze werden in der Praxis häufig mit dem US-amerikanischen Modell verglichen, in dem Kapitalmobilität und frühe Umstrukturierungen Teil der Startup-Realität sind.
Auch bei Beteiligungsmodellen und Gesellschaftsrecht wollen die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner Tempo: Sozialabgaben bei Mitarbeiterbeteiligungen sollen erst beim tatsächlichen Gelderhalt fällig werden, nicht bereits bei der Anteilsvergabe. Zudem wird eine eigene Anteilsklasse im GmbH-Recht verlangt. Parallel soll die Bundesregierung die EU Inc.-Idee aktiv vorantreiben, um schnellere Gründungen und grenzüberschreitende Skalierung zu erleichtern. Ergänzt wird das Paket durch klare Digital-Markets-Forderungen: Der Digital Markets Act soll ohne Verwässerung gegen marktbeherrschende Plattformen durchgesetzt werden. Aus Marktsicht entspricht das dem Wunsch, Gatekeeper-Funktionen im europäischen Digitalraum zumindest teilweise zu dezentralisieren.
Der Markt- und Umsetzungsbezug wird im Schreiben besonders deutlich, weil viele Punkte bereits im politischen Programm angelegt sind. Genannt werden unter anderem Bürokratieabbau, die Möglichkeit zur Gründung innerhalb von 24 Stunden sowie Beteiligung von Beschäftigten am Unternehmenskapital. Gemessen am Anspruch lautet die Kritik jedoch: Es fehlt an der Durchsetzungskraft im Alltag. Eine Erhebung im Auftrag des SPD-Wirtschaftsforums kommt demnach zu einem skeptischen Bild, wonach die Mehrheit der Unternehmen den Koalitionsreformen keine spürbaren Veränderungen zutraut. Die Präsidentin des Wirtschaftsforums wertet das als Warnsignal und fordert statt Detailstreitigkeiten einen klaren Reformkurs, der Wirtschaft und Bevölkerung verlässlich adressiert.
Für Unternehmen mit KI- und Software-Fokus ist die Implikation unmittelbar: Die Wettbewerbsfähigkeit entsteht künftig weniger durch einzelne Produkte, sondern durch die Kombination aus Finanzierungswegen, Infrastrukturzugang und rechtlicher Planbarkeit. Wenn Rechenkapazitäten, Infrastruktur-Förderlogik und regulatorische Hürden zeitlich zusammenpassen, reduzieren sich in der Regel Engpässe in der Modellentwicklung und im Betrieb, etwa bei Trainingskosten, Latenzanforderungen oder Deployment-Pipelines. Gleichzeitig kann ein konsequentes Vorgehen gegen marktbeherrschende Plattformstrukturen den Wettbewerb um Daten- und Absatzkanäle beeinflussen, was gerade für B2B- und datenintensive Startups relevant ist. Der nächste politische Taktgeber ist der Koalitionsausschuss am 1. Juli, bei dem die Initiatoren richtungsweisende Entscheidungen verlangen.
Für die Zukunft erwarten Branchenbeobachter und Beteiligte vor allem eines: messbare Umsetzung statt fortgesetzter Ankündigungen. Sollte der Reformkurs beschleunigt werden, könnten sich Entwickler- und Gründungsökosysteme schneller in Skalierungsphasen bewegen, weil Kapitalzugang, IP-Strategien für Ausgründungen und öffentliche Beschaffung für innovative Lösungen verlässlicher werden. Gleichzeitig bleibt ein Risiko bestehen, dass Infrastrukturinvestitionen und Digital-Regulierung in der Praxis getrennt adressiert werden und dadurch Reibungsverluste entstehen. Entscheidend wird sein, ob die Politik die im Brief geforderten Bausteine zu einem konsistenten Programm bündelt, das Timing, Finanzierung und Rechtsrahmen gemeinsam optimiert.
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