SCOTLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Startup MiAlgae will den Omega-3-Bedarf der Aquakultur von wild gefangenem Fisch entkoppeln. Statt Öl aus Fischen zu gewinnen, züchtet das Unternehmen mikroskopische Algen in großen Edelstahl-Tanks. Als Futterquelle dienen flüssige Abfälle aus der Whiskyproduktion, wodurch eine zusätzliche Wertschöpfung aus bislang niedrig eingestuften Nebenströmen entsteht. Der Plan setzt dabei auf ein skalierbares Herstellungsverfahren, das zunächst als getrocknete Algen im Futtermittel landet.

In der Aquakultur entsteht der Omega-3-Bedarf nicht zufällig, sondern als Folge der biologischen Grundarchitektur: Viele gezüchtete Fische wie Lachs sind Fleischfresser und benötigen für Wachstum und Gesundheit die essenziellen Omega-3-Fettsäuren. Diese werden jedoch in der Lieferkette bisher meist über Fischöl bereitgestellt, das wiederum aus Wildfängen gewonnen wird. Genau hier setzt MiAlgae an, wie aus den Aussagen von Douglas Martin, Gründer und CEO, hervorgeht: Der weltweit verfügbare Spielraum für die Ozean-Fischerei sei nahezu ausgeschöpft, wodurch der Nachhaltigkeitsanspruch von Zuchtfischsystemen unter Druck gerät, sobald die Produktion weiter skaliert.
Technisch betrachtet dreht MiAlgae die Futterlogik um. Oily fish produzieren Omega-3 nicht selbst, sondern speichern es, weil sie Algen oder planktonartige Quellen fressen, die die Fettsäuren tatsächlich synthetisieren. MiAlgae versucht, diesen Zwischenschritt auszukoppeln: Das Unternehmen züchtet Mikroalgen als direkten Produktionsort für die Omega-3-Fettsäuren und macht damit die Abhängigkeit vom klassischen Fisch-zu-Fisch-Feed auf der Proteinfett-Ebene kleiner. Damit wandelt sich die Frage von „Wie kommt Omega-3 ins Futter?“ zu „Wie und womit lassen sich die Omega-3-produzierenden Algen kosteneffizient aufziehen?“, was zugleich erklärt, warum die größte Hürde bei vielen Algenprojekten nicht das biologische Prinzip, sondern die Wirtschaftlichkeit war.
Im Zentrum steht deshalb nicht nur ein Rezept, sondern der Feedstock-Ansatz. Laut Darstellung des Unternehmens scheitern Algenanbau-Projekte häufig an den Kosten hochwertiger Nährsubstrate, weil die Konkurrenz durch günstiges Wildfischöl schwer zu unterbieten ist. MiAlgae wählt als Futterquelle speziell niedrigwertige industrielle Nebenprodukte: die flüssigen Abfälle aus schottischen Whisky-Destillerien. Bei der Whiskyproduktion entsteht aus einem alkoholischen „Wash“ ein Destillat; nach der Extraktion des Ethanols verbleiben große Volumina – in der Darstellung des Projekts als überwiegend niedrig eingestufter Abfallstrom, der jedes Jahr in Milliarden Liter Größenordnung anfällt. MiAlgae führt diese Flüssigkeit den Algenzellen in großvolumigen Edelstahl-Tanks zu und erntet anschließend die gewachsene Algenbiomasse als Ersatz für Fischmehl und Fischöl.
Die Produktstrategie ist bewusst auf den Einstieg in bestehende Märkte ausgerichtet. MiAlgae liefert derzeit getrocknete Algen in Säcken, die als „Drop-in“-Substitut in der Lieferkette für Aquafeed- und Heimtierfutterhersteller dienen sollen. Der pet-food-Bereich gilt aktuell als primärer Markt, während Aquafeed-Kunden laut Unternehmensplan weiter aufgebaut werden. Parallel dazu entsteht nach Angaben von Martin die erste voll-kommerzielle Produktionsstätte, die „tausende Tonnen“ pro Jahr erzeugen soll – allerdings, so die eigene Einordnung, nur ein Bruchteil des globalen Bedarfs im Omega-3-Geschäft. Genau daraus ergibt sich der nächstlogische Engineering- und Skalierungsschwerpunkt: Selbst wenn die biologische Ausbeute pro Tank stimmt, entscheidet die Prozessstabilität über die Fähigkeit, in Lieferverträge, Trocknungs- und Logistikketten sowie Qualitätschecks einzuzahlen.
Auf der wirtschaftlichen Seite bleibt der Vergleich zu Fischöl eine harte Referenz, weil Fischöl aktuell in vielen Regionen in großen Mengen verfügbar ist. MiAlgae adressiert dieses Problem nicht mit einem pauschalen „kostet weniger“, sondern mit dem Anspruch, bei „value per unit“ – also beim Wert pro bereitgestellter Omega-3-Menge – in die Nähe der Zielgröße zu kommen. Martin spricht dabei von dem Ziel, Kostenparität mit Fischöl zu erreichen, das aus der Welt geliefert wird. Parallel betont das Unternehmen die Glaubwürdigkeit durch externe Sichtbarkeit: MiAlgae erreichte laut Darstellung das Finale des Earthshot Prize im Jahr 2024, und Martin ordnet diese Platzierung als wichtigen Boost für die Marktwahrnehmung ein. Für Branchenentscheidungen wirkt so etwas häufig wie ein Beschleuniger bei Pilotfreigaben, weil Einkaufs- und Qualitätsverantwortliche damit weniger „Startup-Risiko“ einpreisen müssen.
Unterm Strich zeigt MiAlgae, wie man Nachhaltigkeitsprobleme in der Aquakultur systemischer angehen kann: Nicht nur das Endprodukt „Fisch“ wird betrachtet, sondern die vorgelagerte Ressourcenkette, die bisher intransparent bleibt. Wenn der Omega-3-Engpass durch Mikroalgen auf Basis von Whisky-Nebenströmen entschärft wird, kann die Branche die Expansion theoretisch mit weniger Druck auf Wildfischbestände begleiten. Gleichzeitig bleibt die wichtigste Aufgabe in der nächsten Ausbaustufe die Koordination von Bioprozess und Lieferkette: Algenzucht, Ernte, Trocknung und die Konstanz der Inhaltsstoffe müssen über Jahre stabil funktionieren, damit aus einem technisch überzeugenden Ansatz ein dauerhaft skalierbarer Feed-Standard wird.
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