ISRAEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Untersuchung der Hebrew University of Jerusalem legt nahe, dass das Suchtrisiko bei kosmetischen Eingriffen bei bestimmten Gruppen deutlich höher liegen kann als bei klassischem Glücksspiel. Im Datensatz von 1.614 Frauen steigt das Risiko für ein moderates bis schweres Abhängigkeitsbild in der OP-Gruppe auf etwa 20 Prozent. Als zentrale Treiber nennt die Studie soziale Medien und ein negatives Körperbild. Für Deutschland wirft das neue Fragen für den Spielerschutz-Ansatz über den reinen Casinobetrieb hinaus auf.

Wer Suchtprävention bislang vor allem mit Spielautomaten, Sportwetten oder Casino-Boni verbindet, bekommt durch eine israelische Studie einen breiteren Blick auf problematisches Verhalten. Im Zentrum steht die Frage, wie sich die Dynamik einer Verhaltenssucht zwischen zwei scheinbar weit entfernten Welten bewegt: dem Glücksspiel einerseits und kosmetischen Eingriffen andererseits. Die Hebrew University of Jerusalem und das Israel Center for Addiction and Mental Health haben dafür Daten zu Frauen in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen ausgewertet und dabei einen auffälligen Zusammenhang beschrieben: In bestimmten Fällen scheint der Drang nach äußerlicher Perfektion eine vergleichbare oder sogar stärkere Suchtdynamik zu entwickeln als das Wetten.
Technisch und methodisch ist dabei vor allem relevant, wie stark die Ergebnisse auf messbare Wahrscheinlichkeiten hinauslaufen. Die Forscher untersuchten 1.614 jüdische, hebräischsprachige Frauen im Alter von 25 bis 71 Jahren. Von ihnen gaben 710 Frauen an, sich bereits mindestens einem kosmetischen Eingriff unterzogen zu haben. In dieser Teilgruppe zeigten laut Auswertung etwa 20 Prozent ein moderates bis schweres Risiko für eine Abhängigkeit von solchen Prozeduren, während etwa 15,4 Prozent klare Anzeichen für ein suchtartiges Verhalten im Zusammenhang mit Schönheitsoperationen berichteten. Zum Vergleich wird im Datensatz das Risiko für Glücksspielabhängigkeit als niedriger beschrieben, obwohl es in den Befragungswerten natürlich weiterhin vorhanden ist.
Besonders stark ist in der Studie der Bezug zur digitalen Umgebung. Frauen, die viel Zeit in sozialen Medien verbringen, werden im Ergebnis häufiger mit dem zwanghaften Muster in Verbindung gebracht. Außerdem wird die Größenordnung an einer lebenslangen Perspektive festgemacht: Jede fünfte Frau, die bereits beim Chirurgen war, zeigte im Laufe ihres Lebens Anzeichen für ein solches Abhängigkeitsbild. Diese Zahlen werden im Bericht explizit als höher eingeordnet als Quoten für problematisches Glücksspielverhalten, die in separaten Arbeiten für vergleichbare demografische Gruppen erhoben worden seien. Was sich daraus in der Praxis ableiten lässt: Wiederkehrende visuelle Reize, kuratierte Körperbilder und der ständige Vergleich können psychologische Schwellen verschieben, sodass aus einer einmaligen Entscheidung ein wiederholter Mechanismus werden kann.
Inhaltlich wird die Ursache nicht auf den Eingriff selbst reduziert, sondern auf die psychologische Funktion, die er erfüllt. Laut Studienlogik fungiert die Schönheitsoperation als kurzzeitige Erleichterung – ähnlich dem kurzfristigen „Rausch“, den manche Menschen bei Gewinnen empfinden. Als stärkste Prädiktoren nennt der Bericht ein negatives Körperbild und mangelndes Selbstvertrauen. Dazu kommen Variablen wie Selbstwertgefühl, Geschlechterrollen und die Sicherheit in Beziehungen, die offenbar mit dem Risiko zusammenhängen. Diese Kombination erklärt auch, warum die Autoren das Verhalten nicht nur als „Eitelkeit“ abtun wollen, sondern es als Bestandteil einer zwanghaften Gewohnheitsbildung betrachten.
Gleichzeitig nutzt die Untersuchung narrative Extreme, um die Spannweite möglicher Verläufe beim Glücksspiel deutlich zu machen. Im Material wird von einer 33-jährigen Frau berichtet, die in der Vergangenheit mehrere Ehen eingegangen sei, um über insgesamt 300.000 Dollar zu verfügen und ihr Hobby zu finanzieren. Eine weitere Fallgeschichte beschreibt eine thailändische Person, die buddhistische Mönche verführt und erpresst haben soll, um Spielschulden zu begleichen. Solche Schilderungen zeigen zwar die drastische Seite von Glücksspielabhängigkeit, aber der Bericht zieht daraus auch eine zweite Schlussfolgerung: Für die breite Masse könnten eher unauffällige, schrittweise Verstärker – etwa der wiederholte Gang zum Chirurgen – den gefährlicheren Alltagspfad darstellen.
Für Deutschland ist der Transfer spannend, weil der Gesetzgeber hier bereits klare Leitplanken setzt. Im Kontext des Glücksspielstaatsvertrags 2021 müssen legale Online-Angebote auf einer offiziellen Whitelist der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL) stehen. Für Spieler gilt ein monatliches Einzahlungslimit von 1.000 Euro, überwacht über das System LUGAS, und bei virtuellen Spielautomaten zudem ein strenges Einsatzlimit von 1 Euro pro Spin. Diese Schutzmechanismen sollen verhindern, dass Schulden und Suchtspiralen entstehen. Die israelische Studie verschiebt zwar den Fokus weg vom Casinobetreib, aber sie stärkt die Grundidee: Prävention funktioniert am besten, wenn man Muster früh erkennt, statt erst zu reagieren, wenn finanzielle Not bereits eingetreten ist.
Für lizenzierte Betreiber bedeutet das, dass Sensibilisierung und Früherkennung auch dann hoch bleiben sollten, wenn neue Risikokonstellationen außerhalb klassischer Spielgenres sichtbar werden. In der Praxis geht es dabei um Transparenz und um die konsequente Ausrichtung von Maßnahmen am Verhalten der Nutzer, nicht nur an Produktkategorien. Wenn das Muster einer zwanghaften Wiederholung unabhängig vom Medium auftreten kann, wird die Diskussion breiter: Sucht hat viele Gesichter, und Schutzinstrumente müssen flexibel genug sein, um Anzeichen rechtzeitig zu adressieren. Wer sich in Deutschland betroffen fühlt, wird im Text zudem auf Hilfe- und Beratungsangebote der BZgA verwiesen; genannt wird die Telefonnummer 0800 1 372 700 (kostenlos & anonym).
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