LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Erhebung zeigt, dass viele Wissensarbeiter den Nutzen generativer KI im Alltag deutlich überschätzen. Statt Zeitersparnis berichten große Teile über mehr Kontrolle und Korrektur, weil KI-Ergebnisse häufiger Fehler enthalten. Aus Daten von OpenAI und einer Befragung von Adaptavist wird sichtbar, dass sich Aufgaben aus dem ursprünglichen Fachgebiet heraus verschieben. Gleichzeitig wünschen sich viele Beschäftigte mehr Zeit vor KI, sehen aber in Unternehmen trotzdem Potenzial für einen breiteren KI-Einsatz.

Die Debatte um generative KI im Büroalltag bekommt mit zwei neuen Datenquellen eine konkrete Schlagseite: Nicht die reine Nutzung, sondern die Folgen in den Arbeitsabläufen entscheiden darüber, ob KI Zeit spart oder Zeit frisst. In der Auswertung, über die in der Studie zum Thema Wissensarbeit berichtet wird, wünschen sich viele Befragte die Zeit „vor KI“ zurück, weil fehlerhafte Antworten häufig zusätzliche Nacharbeit auslösen. Besonders anspruchsvoll wirkt dabei das Umfeld, in dem Wissensarbeiter nicht nur Inhalte erzeugen, sondern sie auch verantworten müssen – etwa bei Recherche, Rechtsformulierungen oder technischer Prüfung.
Technisch betrachtet zeigt sich das Problem oft nicht im Modell selbst, sondern in der Einbettung in den Arbeitsprozess. Wer einen Chatbot als „ersten Draft“ nutzt, benötigt im Zweifel einen zweiten, qualitätsgesicherten Schritt: Verifizieren, Abgleichen, Überarbeiten. Genau diesen Mechanismus greifen die Ergebnisse auf: Aus Deutschland berichten laut Adaptavist 39 Prozent, dass sie mehr Zeit in Kontrolle und Korrektur investieren, als sie durch die Nutzung einsparen. 42 Prozent sehen Verzögerungen durch fehlerhafte Resultate, und 49 Prozent sagen, dass die Gesamteffizienz ihres Teams leidet.
Daneben verändert KI nach den Daten nicht nur die Geschwindigkeit, sondern auch die Verteilung von Aufgaben innerhalb von Organisationen. In den von der Studie erwähnten Nutzerdaten hat OpenAI mehr als 800.000 Nutzermessages ausgewertet und daraus abgeleitet, dass Beschäftigte in kleineren Betrieben zunehmend Tätigkeiten übernehmen, die außerhalb ihres eigentlichen Fachgebiets liegen. Das betrifft laut den Forschern vor allem Kundendienst und Design, taucht aber auch in Bereichen wie Personalwesen, Marketing und Recht auf. Auffällig ist zudem, dass solche Verschiebungen in den Nutzerdaten sichtbar werden, bevor sie in typischen Stellenanzeigen auftauchen.
Die Marktdynamik dahinter ist nachvollziehbar: Unternehmen haben generative KI oft zunächst als Produktivitätswerkzeug eingeführt, also mit dem Versprechen schnellerer Textentwürfe, schnellerer Varianten im Design oder kürzerer Antwortzeiten im Support. Wenn die Qualität jedoch nicht auf dem Niveau liegt, das für den jeweiligen Kontext erforderlich ist, entsteht eine „Produktivitätsfalle“: Der erzeugte Output muss nachträglich gegengeprüft und neu formuliert werden, wodurch Schleifen entstehen. In der Praxis wächst dadurch auch der Leistungsdruck in einem maschinell unterstützten Arbeitsumfeld, weil die vermeintlich schnelleren Schritte am Ende nicht die tatsächliche Durchlaufzeit reduzieren.
Die Studie zeigt dabei eine interessante Spannung zwischen Ablehnung und Bedarf: Viele Beschäftigte klagen über Symptome einer KI-Müdigkeit, sprechen sich aber dennoch nicht pauschal gegen KI aus. Laut Adaptavist befürworten 67 Prozent der Befragten einen erweiterten KI-Einsatz im eigenen Unternehmen. Diese widersprüchliche Haltung führt Neal Riley, AI Innovation Lead bei Adaptavist, auf ein Bewertungsdefizit zurück: Viele Firmen würden zunächst vor allem Nutzungskennzahlen messen, anstatt systematisch die Auswirkungen auf konkrete Arbeitsprozesse zu erheben.
Damit rückt auch der Faktor „Umgang mit Fehlern“ in den Mittelpunkt, also der Unterschied zwischen einem Modell, das brauchbare Entwürfe liefert, und einem System, das zuverlässig genug ist, um ohne umfangreiche menschliche Prüfung in kritische Prozesse zu gehen. In der Studie nennen 45 Prozent als Hauptursache für ihre Vorbehalte den Aufwand mit minderwertigen KI-Ergebnissen, der die eigene Tätigkeit weniger sinnvoll wirken lässt und stärker repetitiv werden lässt. Zusätzlich berichten 37 Prozent über einen Rückgang der Motivation, während 25 Prozent Einschränkungen der eigenen Kreativität wahrnehmen. Gerade dort, wo Kreativität und Qualitätsverantwortung stark zusammenhängen, wirkt ein „Automationsersatz“ ohne saubere Qualitätskette schnell wie eine Entwertung der eigenen Arbeit.
Für die Markt- und Managementseite ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: KI-Einführung ist nicht nur ein Beschaffungs- oder Schulungsthema, sondern ein Prozess-Design-Thema. Der Blick auf Prognosen aus der Branche macht deutlich, dass das Thema Arbeitsplatzwirkung politisch und ökonomisch diskutiert wird; so warnt der Anthropic-Chef Dario Amodei vor dem Verlust von Millionen gut bezahlten Arbeitsplätzen und sieht eine mögliche Arbeitslosenquote von 10 bis 20 Prozent durch KI. Unabhängig davon, wie sich diese Größenordnung entwickelt, deuten die erhobenen Daten darauf hin, dass viele Teams derzeit weniger entlastet werden als erwartet – und dass das Mess- und Qualitätssetup entscheidet, ob KI zur Beschleunigung oder zum zusätzlichen Kontrollaufwand führt.
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