LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie mit zwei Experimenten findet bei Multitasking zwischen Männern und Frauen in vier von fünf Aufgaben praktisch keine Unterschiede. Abweichungen zeigen sich vor allem in einer Gesprächsaufgabe: Männer ignorierten Fragen deutlich häufiger als Frauen. Die Qualität und Geschwindigkeit der Antworten waren dagegen vergleichbar, sobald Fragen beantwortet wurden. Die Autoren sehen darin einen möglichen Grund für das populäre Stereotyp, Frauen könnten besser multitasken.

Multitasking fühlt sich im Alltag oft an wie paralleles Arbeiten: Man beantwortet Nachrichten, hört nebenbei zu und erledigt noch eine kleine Aufgabe. In der Kognitionsforschung gilt allerdings seit Langem als plausibler Mechanismus, dass das Gehirn zwischen Aufgaben eher umschaltet als sie voll parallel zu verarbeiten. Jede Umleitung der Aufmerksamkeit kann dabei messbare Verzögerungen auslösen – besonders dann, wenn mentale Ressourcen wie Lesen, Zuhören und Informationsabruf gleichzeitig stark beansprucht werden. Genau an dieser Schnittstelle setzt die neue Untersuchung an, die in Psychological Research veröffentlicht wurde.
Das zentrale Design der Experimente war bewusst so gewählt, dass Multitasking nicht nur „nebenbei“ passiert, sondern in einem Ablauf mit mehreren nicht-komputergestützten Tätigkeiten erzwungen wird. Die Teilnehmenden sollten an mehreren Tischen fünf Aufgaben bewältigen, wobei die sogenannte Cooking Task als Hauptaufgabe fungierte: Mit vorgetäuschten Küchenutensilien und Zutaten mussten sie ein Kochrezept befolgen. Sobald ein Küchentimer klingelte, sollten sie kurz unterbrechen und dann auf zwei Papier-und-Bleistift-Aufgaben wechseln, bevor sie zurück zum Kochen durften. Über die gesamte Zeit hinweg gab es zusätzlich eine Bildschirmüberwachung und das Notieren bestimmter Zielwörter, sodass gleichzeitig visuelle Informationen verarbeitet und manuelle Einträge getätigt werden mussten.
Der Unterschied trat im Gesprächsteil auf, der als relativ komplexe Komponente in die Versuchsanordnung integriert war: Teilnehmende mussten vorab aufgezeichnete, anspruchsvolle Fragen laut beantworten, die über Lautsprecher abgespielt wurden. Ein Beispiel für eine dieser Fragen lautet: „Would you rather lose all of your money and valuables or all of the pictures you have ever taken, and why?“ Anders als bei rein visuellen oder rein manuell auszuführenden Teilaufgaben entsteht hier zusätzlicher Zeitdruck durch das spontane Formulieren von Antworten während der eigentlichen Arbeit weiterläuft. Genau diesen Aspekt nutzten die Forschenden als Test darauf, ob Männer und Frauen sich in anspruchsvollem Alltags-Multitasking systematisch unterscheiden – insbesondere in der Fähigkeit, während der parallelen Tätigkeiten auch verbal präsent zu bleiben.
Im ersten Experiment nahmen 37 Frauen und 41 Männer teil, im Alter von durchschnittlich 23 bis 24 Jahren. Die Rekrutierung erfolgte vom Brunel University of London Campus, und für die Teilnahme wurden insgesamt 36 Pfund gezahlt. Die Forschenden notierten während des Ablaufs manuell, wie viele der im Gesprächsteil gestellten Fragen die Teilnehmenden tatsächlich beantworten konnten. Die Auswertung zeigte: In vier von fünf Aufgaben arbeiteten Männer und Frauen nahezu gleichauf. Der einzige klar erkennbare Ausreißer war die Gesprächsaufgabe. Frauen beantworteten im Schnitt 25 von 28 Fragen, während Männer 20 von 28 beantworteten – auf die ignorierten Fragen bezogen bedeutet das, dass Männer im Mittel 28% der Fragen unbeantwortet ließen, Frauen dagegen 12%. Sobald Antworten gegeben wurden, unterschieden sich jedoch Qualität und Geschwindigkeit der Antworten nicht zwischen den Gruppen.
Damit ist der Effekt nicht als generelle Überlegenheit oder generelle Schwäche bei der kognitiven Leistung zu lesen, sondern eher als Unterschied in der Interaktion unter Multitasking-Bedingungen. Interessant wird das Ergebnis auch durch die zweite Studie: Unbeteiligte Beobachtende bewerteten kurze Videoclips aus den Aufzeichnungen der ersten Studie, jeweils zwei Ausschnitte von 75 Sekunden pro Teilnehmenden. Insgesamt sahen 80 Männer und 80 Frauen (durchschnittlich 34 bis 35 Jahre) diese Clips; sie wurden über einen Anbieter für Studienrekrutierung gewonnen und erhielten 8 US-Dollar als Vergütung. Die Beobachtenden gaben tendenziell höheren Bewertungen zugunsten der Frauen ab – sie beschrieben Frauen als besser kontrolliert, als weniger gestresst und als insgesamt leistungsstärker. Laut Einschätzung der Autorinnen dürfte diese Wahrnehmung stark an der Gesprächsleistung gehangen haben, also an dem sichtbaren Teil des Experiments, in dem sich die Gruppen in der Antwortrate unterschieden.
Als einordnende Konsequenz leiten die Autoren aus ihren Daten ab, dass bei visuell-manuelen kognitiven Aufgaben keine relevanten Geschlechtsunterschiede feststellbar seien, dass aber eine deutliche Differenz beim gleichzeitigen Halten eines Gesprächs während des Multitaskings existiere. Genau diese Fähigkeit ist im Alltag besonders präsent – etwa beim Telefonieren, beim Team-Call oder beim Erklären während nebenbei weiter gearbeitet wird. Damit könnte sie erklären, warum sich ein verbreitetes Stereotyp entwickelt hat, wonach Frauen generell besser multitasken. Gleichzeitig gibt es eine wichtige Einschränkung, die die Studie selbst adressiert: Die Cooking Task wurde explizit als Hauptaufgabe beschrieben. Das könnte dazu geführt haben, dass der Gesprächsteil weniger als gleichwertig priorisiert wurde, wodurch sich die Ergebnisse verändern könnten, falls die Gesprächsaufgabe ebenso stark als gleich wichtig gerahmt worden wäre.
Für Unternehmen und Teams, die auf Kommunikation in parallelen Workflows angewiesen sind, ist die Botschaft weniger „welches Geschlecht ist besser“, sondern welche Art von Multitasking tatsächlich unter Belastung bricht. Gesprächs-Elemente liefern eine besonders sichtbare Komponente, in der Aufmerksamkeit und verbale Ausgabe gleichzeitig koordiniert werden müssen. Wenn man Prozesse gestaltet – etwa in Kundensupport, in Leitstellenumgebungen oder in nichtlinearen Projektteams –, kann es daher sinnvoll sein, den Umgang mit Unterbrechungen stärker zu steuern: nicht nur über Regeln, sondern auch über Schnittstellen, die klare „Antwortfenster“ schaffen. Damit rückt eine grundlegende technische und organisatorische Frage in den Fokus: Wie lassen sich Benachrichtigungen und Informationsströme so synchronisieren, dass das Sprechen nicht automatisch zum Nebenjob wird?
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