LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie mit 175 Familien untersucht, wie sich die sexistisches Einstellungen von Müttern und Vätern auf 8-jährige Kinder übertragen. Dabei zeigt sich: Väter koppeln vor allem ihre feindseligen Vorstellungen an die Ansichten der Kinder. Mütter stehen stärker mit wohlwollendem Sexismus in Verbindung, der auf traditionelle Rollenbilder setzt. Die Forschenden sehen darin einen frühen Ansatzpunkt, um Stereotype bereits im Kindesalter zu reduzieren.

Studie zu intergenerationellem Sexismus: Väter und Mütter übertragen unterschiedliche Muster
Studie zu intergenerationellem Sexismus: Väter und Mütter übertragen unterschiedliche Muster (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um Gender-Stereotype wirkt oft wie ein generationsübergreifendes Grundrauschen: In Umfragen sinken starre Rollenbilder zwar nach und nach, aber die Lücke bleibt vielerorts bestehen. Genau an dieser Stelle setzt die neue Arbeit an, die intergenerationelle Zusammenhänge zwischen elterlichen Einstellungen und kindlichen Überzeugungen untersucht. Im Zentrum steht die Frage, ob Kinder Sexismus nur „aufschnappen“ – oder ob sich spezifische Muster aus dem häuslichen Umfeld bereits im Grundschulalter so einprägen, dass sie messbar in den Urteilen der Kinder wieder auftauchen.

Methodisch ist die Studie besonders interessant, weil sie Sexismus nicht als ein einheitliches Phänomen behandelt, sondern in zwei Kategorien zerlegt: feindseligen und wohlwollenden Sexismus. Feindseliger Sexismus beschreibt dabei offen negative Gefühle gegenüber Frauen, insbesondere gegenüber Frauen, die als Bedrohung für männliche Macht wahrgenommen werden. Wohlwollender Sexismus ist subtiler: Er idealisiert Frauen, die traditionelle Geschlechterrollen erfüllen, und verknüpft dieses Bild mit der Annahme, Frauen seien empfindlich und bräuchten den Schutz durch Männer. Gerade diese zweite Kategorie ist häufig weniger „sichtbar“, kann aber laut Forschungserkenntnissen etwa unbezahlte Sorgearbeit und Rollenverteilungen festigen und damit langfristige Karriereambitionen begrenzen.

Um die direkten Verbindungen zu messen, arbeiten die Forschenden mit einem Labor-Setting, das für junge Kinder verständlich bleiben soll. Die Datengrundlage umfasst 175 Familien in Neuseeland, jeweils bestehend aus Mutter, Vater und einem 8-jährigen Kind; die Familien waren Teil einer größeren Erhebung, die bereits begann, als die Kinder 4 oder 5 Jahre alt waren. Mütter und Väter füllten Fragebögen aus, die ihr Ausmaß an feindseligem und wohlwollendem Sexismus erfassen. Für die Kinder kam anschließend eine speziell entwickelte Aufgabe mit einem Stofftier namens Feppy zum Einsatz: Der Versuchsleiter führt das Spielzeug als „Besucher von weit weg“ ein, und Feppy äußert dann Aussagen über Männer und Frauen. Die Kinder sollen jeweils einschätzen, ob die Aussage „so etwas stimmt“ oder „wirklich richtig“ ist. So wird das Urteil der Kinder nicht über offene Gespräche abgefragt, sondern über eine niedrigschwellige Entscheidungsaufgabe, die sich in der Forschungslinie über frühe Formung von Einstellungen hinweg einordnen lässt.

Aus den Auswertungen ergeben sich dann klar getrennte Muster. Für den feindseligen Sexismus gilt: Wenn Väter stärker feindselige Vorstellungen äußern, stimmen ihre Kinder häufiger ähnlich feindseligen Aussagen zu. Dieser Zusammenhang zeigt sich laut Analyse unabhängig davon, ob das Kind ein Junge oder ein Mädchen ist. Für den wohlwollenden Sexismus zeichnet sich ein anderes Bild ab: Hier hängen die kindlichen Urteile stärker mit den Einstellungen der Mutter zusammen. Mütter, die wohlwollenden Sexismus bejahen, haben demnach häufiger Kinder, die auch wohlwollenden genderbezogenen Vorstellungen zustimmen; wiederum gilt das für Söhne und Töchter. Dagegen berichten die Autoren, dass die wohlwollende Komponente bei Vätern nicht in derselben Weise mit der kindlichen Zustimmung zu korrespondieren scheint. Zusätzlich findet sich ein engerer Zusammenhang zwischen der feindseligen Ausrichtung der Mutter und den Ansichten der Söhne – allerdings bleibt die Ursache dafür in der Studie offen; eine mögliche Erklärung wäre, dass Mütter in feindselig geprägten Kontexten Jungen anders erziehen, etwa durch stärker kontrollierende Interaktionen.

Ein weiterer Aspekt, der für die Einordnung wichtig ist, betrifft potenzielle „Störfaktoren“. Die Forschenden passen ihre statistischen Modelle unter anderem an Bildungsgrad, Erwerbstätigkeit, wahrgenommene sozioökonomische Lage sowie daran an, ob die Mutter oder der Vater die primäre Bezugsperson ist. Außerdem kontrollieren sie das Alter der Kinder und ihre „Theory of Mind“, also die Fähigkeit, zu verstehen, dass andere Menschen eigene Gedanken und Gefühle haben. Selbst nach diesen Adjustierungen bleiben die Zusammenhänge zwischen elterlichen Einstellungen und kindlichen Urteilen bestehen. Nebenbei zeigt sich außerdem, dass feindseliger Sexismus der Eltern mit niedrigeren Theory-of-Mind-Werten der Kinder verknüpft war – ein Hinweis darauf, dass Einstellungen nicht isoliert „im Kopf“ hängen bleiben, sondern möglicherweise auch mit Kommunikations- und Verstehensprozessen im Alltag zusammenwirken.

Inhaltlich wird damit auch eine theoretische Debatte greifbarer: Wenn wohlwollender Sexismus lange Zeit als etwas betrachtet wurde, das erst in der Adoleszenz sichtbar wird, liefert die frühere Forschungslinie einschließlich einer Aufgabe-Entwicklung mit sehr jungen Kindern Hinweise auf frühe Zustimmung zu beiden Formen von Sexismus. Die neue Studie knüpft daran an, testet aber den intergenerationellen Transfer gezielter im Alter von 8 Jahren. Für die Praxis bedeutet das nicht, Eltern „die Schuld“ zuzuschreiben, sondern den Mechanismus als unvermeidliche soziale Lernumwelt zu verstehen: Kinder übernehmen Erwartungen, Sprache und Alltagsinteraktionen. Das kann später Einfluss auf Karrierechancen, Beziehungen und das Selbstbild haben. Genau deshalb liegt ein möglicher Ansatzpunkt für Prävention nicht allein bei Kindern, sondern auch bei Elternprogrammen, die auf konkrete, alltagsnahe Kommunikationsmuster zielen.

Gleichzeitig bleiben Grenzen, die bei der Übertragung in Programme zu beachten sind. Die Arbeit basiert auf Beobachtungsdaten, weshalb sie keinen direkten Ursache-Wirkung-Schluss erlauben kann: Es ist auch denkbar, dass Kinder im Zeitverlauf ihrerseits elterliche Vorstellungen beeinflussen, wenn sie ihre eigenen Sichtweisen stärker artikulieren. Außerdem zeigt die Studie einen relativ kleinen Effektumfang; als Beispiel nennen die Autorinnen und Autoren eine Korrelation von etwa 0,29 für den Zusammenhang zwischen feindseligen Einstellungen der Väter und den entsprechenden kindlichen Urteilen. Weitere methodische Einschränkungen kommen hinzu: Die Aufgabenentwicklung wurde ursprünglich mit US-Kindern erstellt, ein feindseliges Item musste jedoch wegen schlechter Passung für die neuseeländische Stichprobe angepasst werden. Die Familien stammen außerdem aus Paarhaushalten in Neuseeland; ob und wie sich die Muster in Single-Eltern-Haushalten oder in anderen kulturellen Kontexten abbilden, bleibt offen. Die Forschenden kündigen daher Anschlussstudien an, die genau diese Varianten untersuchen sollen.


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