WASHINGTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zeigt: US-Bürger unterstützen vor allem Informationspflichten zu Ultra-Processed Foods. Strengere finanzielle Anreize wie Steuern finden dagegen nur begrenzte Zustimmung. Die Akzeptanz hängt stark von Gesundheitsannahmen, Einkommen und Parteizugehörigkeit ab. Damit wird sichtbar, warum Definitionen und Empfehlungen politisch leichter durchsetzbar sind als Preis- oder Verkaufsverbote.

US-Politik rund um „Ultra-Processed Foods“ (UPFs) steht derzeit im Schatten zweier gegensätzlicher Ansätze: verständliche Aufklärung über Zutaten und Verzehrmengen versus harte Markt- und Preisinstrumente. Eine aktuelle Auswertung in PLOS One kommt zu einem klaren Muster: Viele Menschen befürworten staatliche Informationsmaßnahmen deutlich stärker als finanzielle Sanktionen. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass dieses Abstimmungsverhalten keineswegs gleichförmig ist, sondern von persönlichen Gesundheitsüberzeugungen, dem Haushaltsbudget und der politischen Orientierung geprägt wird. Damit liefert die Arbeit einen wichtigen Stimmungsanker für Gesetzgeber, die über Regulierung, Kennzeichnung und mögliche Verbote nachdenken.
Technisch betrachtet setzt die Untersuchung nicht direkt bei Produktchemie an, sondern bei der sozialwissenschaftlichen Messbarkeit von Policy-Präferenzen. UPFs werden dabei im Kern über die industrielle Verarbeitung definiert: Forschungsarbeiten knüpfen an ein Klassifikationssystem an, das etwa seit 2010 in Brasilien wissenschaftliche Aufmerksamkeit erhielt. Danach werden Lebensmittel nach Ausmaß und Zweck der industriellen Verarbeitung sortiert; typischerweise kommen dabei Verfahren und Zutaten zum Einsatz, die man in einer „normalen“ Heimküche kaum wiederfindet. Die Studie unterscheidet folglich Politikbausteine in Informations-, Restriktions- und Preisregime – und kann so modellieren, welche Hebel im Alltag als akzeptabel wahrgenommen werden.
Im Markt- und Wettbewerbsumfeld ist die Botschaft besonders brisant, weil Gesundheitskommunikation und Lebensmittelregulierung in westlichen Ländern längst im Wettbewerb um politische Mehrheiten stehen. In vielen EU-Staaten und auch international haben sich Kennzeichnungs- und Informationsstrategien als politisch anschlussfähig erwiesen – etwa über Systeme, die Konsumenten beim schnellen Vergleich unterstützen. Frankreich und andere Länder sind dabei oft Vorbilder für öffentliche Debatten, während die Umsetzung strenger Preismaßnahmen („Steuer“ als Lenkungsinstrument) wesentlich häufiger auf Widerstände stößt. Genau hier passt die US-Studie in das größere Bild: Wenn die Akzeptanz für Definitionen und Ernährungsratgeber deutlich höher ist als für Steuern, müssen Wettbewerbsstrategien für öffentliche Gesundheit künftig stärker auf Transparenz und Verbrauchernutzen ausgerichtet werden.
Die Studie stützt ihre Ergebnisse auf eine Online-Befragung von 990 Teilnehmenden, die im Februar 2025 rekrutiert wurden und in Alter, Geschlecht, Einkommen und Region möglichst an die US-Bevölkerung angenähert werden sollten. Zentral ist die Frage, welche konkreten staatlichen Handlungen man unterstützt: erstens die Erarbeitung einer formalen Definition von UPFs, zweitens die Bereitstellung von Ernährungs- und Verzehrhinweisen, drittens Restriktionen in Schulen oder im Handel sowie viertens preisbasierte Maßnahmen über eine Steuer auf UPFs. Zusätzlich ermittelte das Team, wie die Befragten UPFs generell einschätzen – etwa in Bezug auf Sicherheit, Geschmack, Bequemlichkeit, „Natürlichkeit“ und Suchtpotenzial – sowie wie sicher sie sich fühlen, UPFs beim Einkauf identifizieren zu können. Statistische Modelle erlaubten dabei, Überlappungen zwischen Einstellungen und mehreren Politikoptionen gleichzeitig sichtbar zu machen.
Die Resultate sind für Unternehmen und Behörden praktisch, weil sie zeigen, wo Kommunikation ansetzen muss. Über 80 Prozent unterstützten demnach eine staatliche, verbindliche Definition von UPFs sowie eine Regierungsempfehlung zu Ernährung. Auch restriktive Maßnahmen wurden mehrheitlich getragen, allerdings mit deutlichen Unterschieden je nach Kontext: Restriktionen im Schulumfeld erhielten die stärkste Unterstützung, während Limitationen im normalen Lebensmitteleinzelhandel oder über Programme zur Lebensmittelhilfe deutlich weniger Zustimmung fanden. Besonders auffällig ist die geringe Mehrheit für eine UPF-Steuer: Nur etwa 43,6 Prozent befürworteten die Preismaßnahme. In einem Interview betonte die Studienautorin Brenna Ellison sinngemäß, dass Befragte besonders stark Informationspolitik bevorzugen – also zu Definition und Verzehrmengen – während Steuern politisch weniger „anziehen“.
Hinter diesem Muster stecken mehrere Einflussachsen, die auch für die zukünftige Ausgestaltung von Regulierung entscheidend sind. Wer UPFs als unsicher oder stark „abhängigmachend“ wahrnimmt, neigt eher dazu, überhaupt Regulierung zu befürworten, inklusive Informations- und Restriktionsmaßnahmen. Wer hingegen Geschmack und Genuss stärker gewichtet, zeigt sich vergleichsweise zurückhaltender. Zusätzlich sinkt die Steuerakzeptanz spürbar bei niedrigeren Haushalts-Einkommen, weil finanzielle Belastungen sozial stärker wirken. Politisch zeigt die Studie ebenfalls Differenzen: Demokraten äußern sich eher unterstützend gegenüber Informationsoptionen, während Republikaner eher Restriktionen innerhalb staatlicher Lebensmittelprogramme favorisieren. Interessant ist zudem: Eltern und Nicht-Eltern unterscheiden sich kaum bei Schulrestriktionen, während Eltern eher zustimmender bei Handelsrestriktionen und Steuern sind. Mit Blick auf die Umsetzung bedeutet das: Eine „One-size-fits-all“-Kommunikation wird vermutlich scheitern, weil Wahrnehmung, Risikokontext und ökonomische Empfindlichkeit unterschiedlich sind.
Für die Zukunft lässt sich daraus eine klare Roadmap ableiten, ohne dass man die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen vorschnell gleichsetzt. Die Autorinnen und Autoren weisen zudem auf Limitationen hin: Die Studie fragt nach hypothetischen Policies, weshalb eine sogenannte hypothetical bias möglich ist. Außerdem handelt es sich um eine Querschnittserhebung, die Stimmungsänderungen über die Zeit nicht direkt belegen kann. Dennoch liefern die Daten einen wertvollen Hinweis für Gesetzgebungsprozesse: Wenn sich zunächst über Definition und Ernährungsinformation breite Unterstützung erzielen lässt, könnten Behörden diese Phase nutzen, um Akzeptanz aufzubauen, bevor sie Restriktionen oder Preishebel nachschärfen. Wahrscheinlich wird die öffentliche Debatte in dem Moment intensiver, in dem eine offizielle UPF-Definition verfügbar wird, weil erst dann die gewünschte Reichweite und Zielgenauigkeit politischer Maßnahmen sichtbar wird.
Für Unternehmen in der Lebensmittelkette – von Herstellern bis zu Retailern – entsteht daraus ein strategischer Handlungsdruck Richtung Transparenz. Eine Definition allein verändert noch keine Einkaufsentscheidungen, aber sie setzt einen standardisierten Rahmen, an dem sich Marketing, Produktentwicklung und Kennzeichnung messen lassen müssen. Gleichzeitig sollten Anbieter damit rechnen, dass Informationspflichten stärker nachgefragt werden, etwa in Form von Verzehrhinweisen, die nicht nur rechtlich korrekt, sondern auch verständlich und glaubwürdig kommuniziert sind. Perspektivisch ist denkbar, dass datengestützte KI-gestützte Systeme in der Kennzeichnung helfen, etwa um Produktkategorien konsistent gegen eine Definition abzugleichen oder Risiko- und Verbraucherinformationen sauber zu aggregieren. Unabhängig davon gilt: Politische Akzeptanz folgt in dieser Studie zuerst dem Wunsch nach Orientierung, nicht dem Wunsch nach Strafe – und das wird die nächsten Schritte im Regulierungswettbewerb zwischen Informations- und Marktinstrumenten prägen.
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