BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim) zeigt, dass Wahlberechtigte mit Migrationshintergrund Parteien deutlich kritischer sehen als andere Gruppen. Besonders Menschen mit Wurzeln in der Türkei, in Nahost, Nordafrika, Afghanistan oder Pakistan sind bei der Frage nach CDU/CSU, SPD und der Linken stark abgerutscht. Als Gründe werden vor allem fehlende politische Repräsentanz und das Gefühl genannt, mit den eigenen Problemen nicht gesehen zu werden. Die Daten deuten zudem darauf hin, dass Sicherheit im öffentlichen Raum und Erfahrungen mit antimuslimischem Rassismus in der Wahrnehmung eine Rolle spielen.

Studie zu Wahlneigung: Migrationshintergrund zeigt deutlich mehr Distanz zu Parteien
Studie zu Wahlneigung: Migrationshintergrund zeigt deutlich mehr Distanz zu Parteien (Foto: IT BOLTWISE)
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Die politische Stimmung unter Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund wird in einer aktuellen Untersuchung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim) deutlich kritischer beschrieben als noch vor einem Jahr. Laut den erhobenen Befragungsdaten fällt insbesondere die Bereitschaft, eine der etablierten Parteien überhaupt als wählbar einzustufen. Dabei meint die Studie nicht, wen Menschen konkret an einem bestimmten Termin wählen wollen, sondern wie wahrscheinlich sie es einschätzen, jemals eine Partei zu wählen. Schon diese Perspektivverschiebung ist wichtig, weil sie auf Vertrauen, langfristige politische Bindung und die wahrgenommene Passung zwischen Partei und Lebensrealität zielt.

Besonders ausgeprägt ist der Abfall in einer Gruppe mit familiären Wurzeln in der Türkei sowie in weiteren Herkunftsregionen wie Nahost, Nordafrika, Afghanistan oder Pakistan. Dort lag der Anteil derjenigen, die CDU oder CSU für wählbar halten, im Winter 2024/2025 bei nur 50 Prozent, nachdem es im Winter zuvor noch 67 Prozent waren. Auch die SPD verliert deutlich: Von 71 Prozent im Vorjahr rutscht die Wählbarkeitseinschätzung auf 60 Prozent. In derselben Bevölkerungsgruppe sinkt außerdem der Zuspruch für die Linke spürbar. Solche Sprünge innerhalb eines Jahres lassen sich nicht allein mit kurzfristigen Parteitaktiken erklären, sondern sprechen eher für eine Veränderung in der Erwartungshaltung gegenüber politischer Wirksamkeit und Repräsentation.

Als einen zentralen Erklärungsansatz nennt Martin Gerlach, Bundesgeschäftsführer der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), mangelnde politische Repräsentanz und das Gefühl, nicht ausreichend wahrgenommen zu werden. Ergänzend wird auf eine Zunahme antimuslimischen Rassismus verwiesen, der sich demnach nicht nur für religiös praktizierende Menschen problematisch auswirkt, sondern auch für Muslime, die selbst nicht religiös sind. Im Hintergrund steht außerdem der Befund, dass Fragen der persönlichen Sicherheit im öffentlichen Raum für Menschen mit Wurzeln in arabischen Ländern, der Türkei, Afghanistan und Pakistan eine besonders wichtige Rolle spielen. Für Parteien bedeutet das: Es geht offenbar nicht nur um programmatische Positionen, sondern auch um das Sicherheitsgefühl und um die symbolische und praktische Erfahrung, ob Politik Schutz und Verlässlichkeit vermittelt.

Während SPD und CDU/CSU insgesamt noch relativ weit vorn liegen, verändert sich die Reihenfolge der „Wählbarkeit“ in einzelnen Gruppen spürbar. Rund zwei Drittel der Wahlberechtigten mit Migrationsgeschichte halten die Sozialdemokraten laut Dezim noch für wählbar, CDU und CSU folgen mit relativ geringem Abstand auf Platz zwei. Dass die SPD damit trotz weiterhin großer Zustimmung im Vergleich zu früheren Jahren als weniger wählbar gilt, ordnet die Co-Autorin der Dezim-Publikation, Friederike Römer, einer „grundsätzlichen Entfremdung“ der Partei von ihrer klassischen Wählerklientel zu. Sie verweist dabei auf Themenfelder wie Wohnen und andere soziale Fragen. Der starke Abfall innerhalb eines Jahres bleibt in den Befragungsergebnissen jedoch zunächst ohne eindeutige Erklärung; die Haltung zum Israel-Palästina-Konflikt könne laut den vorliegenden Daten ebenfalls eine Rolle spielen und müsse genauer untersucht werden.

Daneben liefert die Studie auch Parteiverteilungen mit differenzierten Mustern nach Herkunftsregionen und nach soziodemografischen Variablen. Die Grünen werden bei Wahlberechtigten aus EU-Ländern im ähnlichen Maße als wählbar eingeschätzt wie bei Deutschen ohne Migrationshintergrund, während sie bei Menschen mit Wurzeln in der Türkei, im Iran sowie in arabischen Ländern, Afghanistan und Pakistan etwas weniger gut ankommen. Besonders auffällig ist zudem, dass bei Wählerinnen und Wählern aus Russland und anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion nur jeder Dritte angeben kann, die Partei wählen zu wollen. Selbst innerhalb einer heterogenen Gruppe wirkt also nicht nur der Migrationshintergrund, sondern auch die Herkunftserfahrung sowie andere Faktoren wie Geschlecht und Alter.

Bei der AfD zeigt die Studie ebenfalls ein differenziertes Bild: Wahlberechtigte mit Migrationshintergrund finden die Partei im Durchschnitt weniger attraktiv als Personen, deren Eltern beide von Geburt an deutsche Staatsangehörige waren. Die eine Ausnahme bilden Menschen mit Wurzeln in Russland oder anderen Ländern der früheren Sowjetunion. Für diese Gruppe konnten sich im Winter 2024/2025 überdurchschnittlich viele Befragte vorstellen, die Partei zu wählen, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall beobachtet wird und deutsche Unterstützung für die Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen Russland kritisiert. Gleichzeitig weist die Studie darauf hin, dass Deutsche mit ukrainischen Wurzeln ebenfalls in diese Kategorie fallen könnten, ihre Zahl in der Befragung jedoch verschwindend gering ist.

Auch die Definition der untersuchten Zielgruppe und der politische Kontext sind Teil der Lesart. Als Person mit Migrationshintergrund im Sinne der Studie gelten Menschen, bei denen ein Elternteil ohne deutsche Staatsangehörigkeit geboren wurde, beziehungsweise die selbst eingebürgert wurden. Seit 2021 gehört der Studie zufolge die Gruppe der Menschen aus Syrien zu den größten Ausprägungen unter den Ausländern, die deutsche Staatsbürger werden. In dem Zeitraum der Befragungen lag der Anteil der Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund zwischen 12 und 14 Prozent. Auf Ebene der Vertretung im Parlament verortet eine Recherche zum Integrations-Monitoring den Anteil der frisch gewählten Abgeordneten mit Migrationshintergrund in einer ähnlichen Größenordnung: 11,6 Prozent im aktuellen Vergleichszeitraum, 11,3 Prozent im 2021 gewählten Bundestag. Im aktuellen Bundestag fällt zudem auf, dass der Anteil der Abgeordneten mit Migrationshintergrund bei Grünen, Linkspartei und SPD deutlich höher ist als bei Union und AfD, während sich daraus zugleich die Frage ableitet, ob die wahrgenommene Repräsentation mit den Einstellungsverschiebungen Schritt hält.

Für die politische Praxis ist vor allem entscheidend, dass „Wahlbereitschaft“ in der Studie als Wahrscheinlichkeit verstanden wird und damit stärker auf Vertrauen und auf die Erwartung von Wirkung zielt als auf einen reinen Tageswettbewerb der Spitzenkandidaten. Die beschriebenen Muster legen nahe, dass Parteien ihre Kommunikation, ihre Kontaktflächen und die wahrgenommene Problemnähe systematischer anpassen müssen, wenn sie langfristig Stimmen aus unterschiedlichen Herkunftsgruppen gewinnen wollen. Zugleich zeigt die Untersuchung, dass sich einzelne Parteien je nach Region und Lebensrealität unterschiedlich positionieren lassen – SPD und CDU/CSU bleiben zwar in der Gesamtwahrnehmung häufig handlungsfähige Optionen, verlieren aber in bestimmten Gruppen deutlich schneller. Wer 2025 erfolgreich werben will, wird sich daher nicht auf eine einzige „Migrations“-Erzählung verlassen können, sondern muss die Sicherheits- und Repräsentationsdimensionen, die antimuslimischen Diskriminierungserfahrungen und die Unterschiede zwischen Herkunftsräumen deutlich stärker zusammenbringen. Damit wird aus einer demoskopischen Momentaufnahme ein Auftrag zur konsequenten, messbaren Einbindung statt nur punktueller Wahlkampfsignale.


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