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SEOUL / LONDON (IT BOLTWISE) – Südkoreanische Führungskräfte sehen Deutschland zwar als wichtigen Wirtschaftspartner, zweifeln aber an dessen nachlassender Wettbewerbsfähigkeit. Laut einer Studie einer FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung halten 53 Prozent komplexe Rahmenbedingungen für ein Hindernis. Vor allem aufwändige Regulierung und Verwaltungsverfahren werden als Hürden genannt. Gleichzeitig erwarten viele Manager mehr Zusammenarbeit mit der EU, weil die Rivalität zwischen USA und China stärker spürbar wird.

Südkoreanische Manager kritisieren Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit – Studie zur EU-Kooperation
Südkoreanische Manager kritisieren Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit – Studie zur EU-Kooperation (Foto: IT BOLTWISE)
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Der erste Südkorea-Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz fällt in eine Phase, in der die Erwartungen an Europa aus Sicht vieler Unternehmen nicht einheitlich sind. In Seoul blicken Führungskräfte aus der südkoreanischen Wirtschaft zwar grundsätzlich auf Deutschland als bedeutenden Handelspartner, formulieren jedoch zugleich deutliche Kritik an der wirtschaftlichen Schlagkraft. Aus einer von der Friedrich-Naumann-Stiftung beauftragten Studie geht hervor, dass 53 Prozent der Befragten Deutschlands nachlassende wirtschaftliche und industrielle Wettbewerbsfähigkeit als relevantes Problem für die Zusammenarbeit betrachten. Damit liegt die Wahrnehmung Deutschlands in dieser Erhebung spürbar über dem EU-Durchschnitt: Bei der Europäischen Union insgesamt sehen lediglich 30 Prozent eine ähnliche Schwächung.

Bemerkenswert ist dabei, wie konkret die Studie Hürden beschreibt. Komplexe Regulierung und Verwaltungsverfahren werden sowohl für Deutschland als auch für die EU als zentrale Barrieren eingeordnet: 47 Prozent nennen dies für Deutschland, 54 Prozent für die EU. Diese Zahlen verweisen weniger auf eine rein politische Distanz als auf praktische Reibung in der operativen Unternehmensplanung. Wenn Prozesse in Genehmigungen, Meldewegen oder administrativen Abstimmungen als langwierig erlebt werden, verlagert sich die Erwartungshaltung von „Marktzugang“ hin zu „Planbarkeit“. Genau hier wird der Unterschied zur EU insgesamt sichtbar: Während Europa als Kooperationsraum vergleichsweise attraktiv bleibt, erleben die Befragten in Deutschland einen stärkeren Rückgang bei der Wettbewerbsfähigkeit und zugleich weiterhin hohes Prozessaufkommen.

Unter dem Eindruck der internationalen Sicherheits- und Wirtschaftslage verschiebt sich die Prioritätensetzung dann allerdings Richtung Kooperation. 80 Prozent der Befragten sehen durch die verschärfte Rivalität zwischen den USA und China einen höheren Bedarf an Zusammenarbeit mit der EU. Das Muster ist dabei nicht nur eine Reaktion auf Schlagzeilen, sondern lässt sich als strategische Diversifikation lesen: Unternehmen suchen in unsichereren Handels- und Technologieszenarien verlässliche Partnerstrukturen. In der Studie wird dieser Gedanke auch in die konkrete Bewertung Europas übersetzt. Der Bülroleiter der Naumann-Stiftung für Korea und Taiwan, Frederic Spohr, wird mit der Aussage zitiert, Europa erhalte mehr Aufmerksamkeit, weil es als verlässlich gelte, die koreanischen Manager hofften aber auf ein dynamischeres Deutschland und Europa sowie schnellere Entscheidungen.

Technisch oder operativ betrachtet lässt sich diese Erwartung an „schnellere Entscheidungen“ als Wunsch nach geringerer Durchlaufzeit entlang von Governance- und Regulierungsprozessen verstehen. In der Unternehmensrealität bedeutet das: Projekte scheitern selten an einem einzelnen Gesetzestext, sondern an der Kumulation aus Auslegungsspielräumen, Nachweispflichten und Schnittstellen zwischen Behörden. Wenn Regulierung als schwerfällig wahrgenommen wird, steigt der Aufwand für Compliance, Planungssicherheit sinkt und Budgets wandern eher in Regionen, in denen Genehmigungen verlässlicher im Zeitplan liegen. Genau deshalb können Werte wie 47 Prozent (Deutschland) und 54 Prozent (EU) als Indikator gelesen werden, dass nicht nur der Markt, sondern die „Umsetzungsmaschine“ entscheidend für Partnerschaften ist.

Die Studie liefert außerdem eine Blickrichtung in die nächsten Jahre. Für die kommenden fünf Jahre erwarten 50 Prozent der Befragten, dass Deutschland als Wirtschaftspartner an Bedeutung gewinnen wird. Interessant ist die Vergleichsperspektive: Für die EU rechnen 72 Prozent damit, für China 73 Prozent und für die USA 78 Prozent. Das stellt Deutschland im Ranking zwar nicht automatisch ans Ende, aber es zeigt, dass viele Manager einen stärkeren relativen Aufwind in anderen Partnerregionen erwarten. Gleichzeitig wirkt die gemischte Bewertung wie eine Handlungsaufforderung: Wenn Deutschland bereits jetzt knapp über dem EU-Durchschnitt bei der Wettbewerbs-Kritik liegt, muss es seinen Rückstand nicht nur wirtschaftlich erklären, sondern durch Reformen und Entscheidungsprozesse messbar reduzieren. Dazu passt auch der Erhebungszuschnitt: Befragt wurden 100 Führungskräfte aus der südkoreanischen Wirtschaft, durchgeführt im September durch das Meinungsforschungsinstitut Gallup Korea im Auftrag der Stiftung.

Für Unternehmen, die Partnerschaften in Deutschland und Europa planen, ist die Studie vor allem dann relevant, wenn sie in konkreten Planungsgrößen übersetzt wird. Eine höhere Skepsis bei Wettbewerbsfähigkeit kann sich in der Priorisierung von Standorten niederschlagen, etwa bei Investitionsentscheidungen oder bei der Auswahl für Industrie- und Innovationskooperationen. Und die genannten Hemmnisse durch Regulierung und Verwaltungsverfahren können sich direkt in Projektkalkulationen bemerkbar machen: Wer mit längeren Vorlaufzeiten rechnet, muss größere Puffer einplanen oder riskiert, dass Chancen im internationalen Wettbewerb verpasst werden. Gleichzeitig spricht die hohe Erwartung an die USA (78 Prozent) und China (73 Prozent) dafür, dass sich globale Lieferketten- und Technologieentscheidungen zunehmend auf Märkte ausrichten, in denen Entscheidungen als schneller und berechenbarer wahrgenommen werden.

Unterm Strich zeigt die Umfrage in einer bemerkenswerten Mischung aus Anerkennung und Kritik, wo der Hebel liegt: Deutschland bleibt attraktiv, aber die Befragten sehen Nachholbedarf bei Wettbewerbsfähigkeit und Geschwindigkeit. Der Hinweis auf geostrategische Rivalität zwischen China und den USA liefert dabei den wirtschaftspolitischen Hintergrund, warum die EU überhaupt stärker ins Zentrum rückt. Für Entscheidungsträger in Deutschland entsteht daraus eine klare Botschaft: Nicht nur neue Rahmenbedingungen sind wichtig, sondern auch die Wahrnehmung, dass Reformen in der Praxis zu kürzeren Durchlaufzeiten führen. Ob der erwartete Bedeutungsgewinn Deutschlands in fünf Jahren tatsächlich eintritt, dürfte daher weniger von einzelnen Ankündigungen abhängen als von messbaren Verbesserungen entlang der Genehmigungs- und Verwaltungsprozesse.

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