LONDON (IT BOLTWISE) – Der Deutsche Bankangestellten-Verband (DBV) will in Tarifverhandlungen für das private Bankgewerbe einen Ausgleich für KI-bedingte Mehrarbeit durchsetzen. Je nach Belastungsgrad sollen Beschäftigte zwischen einem und drei Entlastungstagen pro Quartal verlangen können. Die Tage müssen quartalsgenau genommen werden und dürfen nicht ins nächste Quartal verschoben werden. Der Arbeitgeberverband hält dagegen: Entlastungstage erhöhen Kosten und könnten Produktivitätsgewinne aus Automatisierung unterlaufen.

Tarifkonflikt im Bankgewerbe: DBV fordert 1–3 KI-Entlastungstage pro Quartal
Tarifkonflikt im Bankgewerbe: DBV fordert 1–3 KI-Entlastungstage pro Quartal (Foto: IT BOLTWISE)
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Im private Bankgewerbe verschiebt sich der Fokus von reiner KI-Euphorie hin zu einer ganz praktischen Frage: Wer die gleiche Zeit für mehr Vorgänge nutzt, muss die Folgen tragen. Genau an diesem Punkt setzt der Deutsche Bankangestellten-Verband (DBV) an. Laut interner DBV-Kommunikation an seine Mitglieder, die vorliegt, fordert der Verband in den laufenden Tarifverhandlungen Entlastungstage als konkreten Arbeitszeitausgleich. Die Logik dahinter ist nicht, KI pauschal zu verteufeln, sondern die entstehende Arbeitsverdichtung abzufedern, wenn Automatisierung zwar einzelne Prozesse beschleunigt, aber die Gesamtfallzahl im gleichen Zeitfenster nach oben treibt.

Technisch lässt sich die Argumentation so übersetzen: Automatisierung reduziert oft den Aufwand pro Einzelfall, etwa weil KI-Modelle Dokumente vorprüfen, Datenmengen verdichten oder Recherche-Tätigkeiten schneller unterstützen. Der operative Engpass verlagert sich dann häufig vom reinen Durchsatz hin zur Qualitätssicherung. Wer früher zehn Vorgänge bearbeitet hat, kontrolliert künftig unter Umständen doppelt so viele Ergebnisse, prüft die KI-Outputs, korrigiert Fehler des Systems und verantwortet trotzdem weiterhin die fachliche Richtigkeit. Der DBV sieht genau darin den realen Treiber für Mehrarbeit, den Unternehmen nicht allein mit „Zeitersparnis“ in den Griff bekommen, solange die Taktung nicht aktiv angepasst wird.

Der Vorschlag ist dabei bewusst operational formuliert. Dem DBV zufolge sollen Beschäftigte je nach Art und Schwere der Belastung im jeweiligen Arbeitsbereich zwischen einem und drei Entlastungstagen pro Quartal verlangen können. Damit folgt der Verband einem Mechanismus, der sich an der Arbeitsintensität orientiert und nicht nur an einer allgemeinen „KI ist da“-Feststellung. Außerdem legt der DBV Regeln fest, wie diese Tage genutzt werden sollen: Sie sollen im selben Quartal genommen werden, in dem die Mehrbelastung entsteht, und dürfen nicht auf spätere Zeiträume übertragen werden. Teilzeitkräfte sollen demnach anteilig beteiligt werden. Für den Verband ist diese Ausgestaltung entscheidend, weil nur eine zeitliche Kopplung von Belastung und Erholung dem Anspruch gerecht werde, die Auswirkungen der KI-Nutzung tatsächlich abzufedern.

Gleichzeitig betont der DBV, dass Künstliche Intelligenz nicht pauschal abgelehnt werden soll. In der Darstellung des Verbands kann KI vielmehr konkrete Aufgaben übernehmen oder beschleunigen: Dokumente vorprüfen, Datenmengen auswerten, Recherchen straffen und Routineanteile auslagern. Auch bei der Betrugsprävention sieht der DBV einen Nutzen, solange die Systeme kontrolliert eingesetzt werden. Diese Differenzierung ist tarifpolitisch relevant, weil sie die Forderung nicht als „Gegen-Technologie“-Position rahmt, sondern als Gegenentwurf zu einem Workload-Modell, das Produktivitätsgewinne ausschließlich in mehr Output umwandelt. Aus Unternehmenssicht verschiebt sich damit allerdings die Diskussion: Es geht nicht nur um den Rollout von KI, sondern um die Gestaltung der Arbeitsprozesse rund um die KI-basierten Entscheidungsvorlagen.

Der Arbeitgeberverband der privaten Banken widerspricht bereits. Wie aus seiner Reaktion hervorgeht, bleibt seine grundsätzliche Haltung unverändert. In der Argumentation von Carsten Rogge-Strang, dem Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands, liegt der Kernpunkt in einem Widerspruch, den der Verband selbst adressiert: Wenn Entlastungstage Arbeitskosten erhöhen, gleichzeitig aber durch Automatisierung Arbeitsaufwand sinken soll, gerate der Kostendruck in eine Richtung, die die erwarteten Produktivitätsgewinne nicht nur schmälere, sondern womöglich in Frage stelle. Damit wird die tarifliche Forderung nicht als Schutzmaßnahme verstanden, sondern als zusätzlicher Kostenfaktor, der die Spielräume bei Investitionen oder Personalplanung belastet. Für die Arbeitgeberseite ist das ein klassischer Zielkonflikt zwischen Lohn-/Arbeitszeitlogik und Effizienzvorteilen, der in digitalen Transformationen regelmäßig wiederkehrt.

In der Sache zeigt der Konflikt, wie unterschiedlich sich „Produktivität“ in der Praxis messen lässt. Für Unternehmen zählt oft der Output pro Zeiteinheit, also die Frage, wie viele Fälle in welcher Zeit verarbeitet werden. Für Beschäftigte dagegen ist Produktivität ohne Rücksicht auf Qualitätssicherung und Kontrollaufwände schnell einseitig: Mehr Durchsatz kann sich als zusätzliche Prüf- und Korrekturarbeit materialisieren, besonders wenn KI-Systeme nicht vollständig autonom entscheiden dürfen. Genau hier greift der DBV mit dem Ansatz der Entlastungstage ein: Er versucht, die betriebliche Effizienzsteigerung in eine arbeitszeitliche Kompensation zu übersetzen, bevor sich Mehrlast strukturell verfestigt. Für den weiteren Verlauf der Tarifverhandlungen wird entscheidend sein, wie der Belastungsgrad konkret zugeordnet wird und welche Prozesse in der Praxis als „mehr“ gelten.

Für IT-Leitungen und Betriebsverantwortliche ist der Tarifkonflikt damit mehr als eine Randnotiz. Er sendet ein Signal, dass KI-Rollouts künftig stärker mit Workforce-Design verknüpft werden müssen: mit klaren Übergaben zwischen KI und Menschen, definierten Prüfketten, Trainings für die Kontrolle von KI-Ergebnissen und – tariflich betrachtet – Mechanismen, die Mehrarbeit sichtbar machen und ausgleichen. Unternehmen, die KI einführen, sollten deshalb nicht nur das Modell, sondern auch die Arbeitsabläufe „um das Modell herum“ neu vermessen. Sonst droht ein Ergebnis, das beide Seiten im Kern beschreiben: Automatisierung beschleunigt zwar einzelne Schritte, aber ohne aktive Steuerung der Fallzahlen und Prüfanteile kann am Ende das belastete Personal die Rechnung begleichen.


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