NORDBAYERN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Supermarktkette Tegut zieht sich bis Ende 2026 aus Deutschland zurück. Edeka und Rewe wollen Filialen erwerben, doch das Bundeskartellamt sieht bei der geplanten Übernahme offenbar Wettbewerbsrisiken. Betroffen sind nach vorläufigen Einschätzungen 38 Standorte, bei denen Edeka nun offenbar auf neun Standorte verzichten will. Schon jetzt berichten Kundinnen und Kunden über Einschränkungen bei Produkten und Eigenmarken.

Die Ankündigung ist im Handel längst mehr als nur eine Standortfrage: Wenn Tegut sich bis Ende 2026 aus Deutschland zurückzieht, geht eine gewachsene Vertriebsstruktur in mehreren Bundesländern Schritt für Schritt verloren. Die Rückwärtsbewegung trifft dabei nicht erst nach dem letzten Verkauf, sondern beginnt bereits in der laufenden Umstellungsphase. Für Kundinnen und Kunden wird sichtbar, wie schnell Sortiment, Lieferfähigkeit und Preislogik in der Praxis voneinander abhängen, sobald ein Betreiber sein Filialnetz reduziert und die Einkaufs- und Logistikprozesse neu austariert werden müssen.
Auslöser der aktuellen Dynamik ist die Verkaufsentscheidung der schweizerischen Eigentümerseite. Tegut war 2013 übernommen worden, nun zieht sich die Genossenschaft Migros Zürich aus Deutschland zurück und will die Marke beziehungsweise das Filialgeschäft veräußern. In den Marktplanungen taucht dabei seit Monaten vor allem Edeka als Käufer auf, während Rewe ebenfalls Erwerbsoptionen prüft. Entscheidend ist jedoch: Eine Übernahme im großen Stil ist in der Bundesrepublik an kartellrechtliche Prüfungen gebunden, weil sie die lokale Wettbewerbsdichte spürbar verändern kann.
Laut Informationen aus dem Umfeld der Prüfung gibt es nun eine Zwischenbewertung durch das Bundeskartellamt. Demnach könnten die geplanten Käufe dazu führen, dass Edeka in einzelnen Regionen eine zu starke Marktstellung erreicht. Konkret äußerten die Behörden Bedenken bei 38 Filialen; Edeka soll nach vorläufiger Einschätzung bereit sein, auf neun der umstrittenen Standorte zu verzichten, um die Genehmigungsfähigkeit zu erhöhen. Gleichzeitig wurde die Frist für das Hauptprüfverfahren um einen Monat verschoben; die Entscheidung fällt damit voraussichtlich erst nach diesem verlängerten Zeitfenster. Für den Handel bedeutet das eine Phase, in der Prozesse, Verträge und Schichtpläne faktisch im Schwebezustand bleiben, selbst wenn bereits operative Vorbereitungen laufen.
Die Folgen für Beschäftigung und Versorgung hängen damit direkt an der Kartellamtslogik. Wenn aus dem Übernahmepaket 38 Tegut-Standorte herausfallen, werden in Unternehmenskreisen mögliche Risiken für etwa 1.100 Arbeitsplätze genannt. Die meisten dieser Filialen sollen dem Bericht zufolge in Hessen und Bayern liegen. Genau dort wird sich damit entscheiden, ob die vorhandene Nahversorgung stabil bleibt oder ob es zu Übergangsbrüchen kommt, etwa wenn Sortimentszuschnitte nicht im gleichen Tempo wie die rechtliche Zuordnung der Standorte umgestellt werden. Gerade in der Lebensmittelbranche wirken sich solche Übergaben schnell aus: Eigenmarken benötigen stabile Herstell- und Einkaufsverträge, die Umstellung von Lieferketten dauert länger als das reine Ladeneröffnen oder Schließen.
Unabhängig von der kartellrechtlichen Endentscheidung spürt ein Teil der Kundschaft die Veränderungen bereits heute. Tegut berichtet, dass Produkte teilweise nicht mehr verfügbar sind, weil die laufende Versorgung nicht nahtlos weiterlaufen kann, solange die wirtschaftliche Zukunft einzelner Filialen geklärt wird. Gleichzeitig bemüht sich das Unternehmen eigenen Angaben zufolge, betroffene Eigenmarken noch so lange wie möglich in einem möglichst breiten Sortiment in den Filialen anzubieten. Der Effekt soll dabei schrittweise erfolgen, um eine abrupte Umstellung zu vermeiden – praktisch bedeutet das: Je nachdem, wie schnell bestimmte Lieferchargen und Abnahmefenster auslaufen, verändern sich Regalflächen und Bestände in Wellen. Für Kundinnen und Kunden heißt das wiederum, dass Alternativen in den nächsten Wochen nicht nur eine Frage des Geschmacks sind, sondern auch der Verfügbarkeit.
Der Blick über Tegut hinaus zeigt, dass der deutsche Lebensmitteleinzelhandel zurzeit stark in Bewegung ist. Rewe prüft demnach Übernahmen von bis zu 40 Filialen; auch hier bleibt das Prüfverfahren zunächst offen. Parallel dazu hat eine Smart-Store-Kette im Juni bereits eine Freigabe für 36 Supermärkte erhalten, was zeigt, dass kartellrechtliche Entscheidungen je nach regionaler Marktsituation unterschiedlich ausfallen können. Technisch betrachtet ist das ein Lehrstück dafür, wie eng Marktdefinition, regionale Dichte und Übernahmeumfang miteinander verknüpft sind: Es geht nicht nur um die Zahl der Läden, sondern um die Frage, welche Kundenströme realistisch zwischen den Anbietern pendeln könnten. Für Unternehmen heißt das, dass M&A-Projekte künftig stärker in Szenarien mit Teilverkäufen, Standortausnahmen und gestaffelten Übergaben geplant werden müssen – sonst wird der Genehmigungsprozess zum Engpass für die gesamte Umsetzung.
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