PARIS / LONDON (IT BOLTWISE) – Thales führt „ziemlich weit fortgeschrittene“ Gespräche mit NATO-Partnern über die KI-gestützte Command-and-Control-Lösung HexaForce. Nach Tests im NATO-Übungsrahmen CWIX in Polen positioniert das Unternehmen das System als Multi-Domain-C2 „Overlay“, das sich in bestehende nationale und Legacy-Systeme integrieren lassen soll. Entscheidend ist dabei die offene Architektur: Nutzer sollen eigene KI-Modelle auswählen können und so weniger in die Abhängigkeit eines einzelnen Anbieters geraten. Thales beschreibt außerdem eine verteilte, auf Mesh-Fähigkeiten ausgelegte Rechenlogik sowie ein Konzept, das Bedienerentscheidungen stets in den Mittelpunkt stellt.

Thales arbeitet mit HexaForce an einem Ansatz, bei dem Künstliche Intelligenz nicht als isoliertes „Werkzeug“ in eine Führungs- und Einsatzkette eingehängt wird, sondern als durchgängige Schicht für Planung, Lagebewertung und Zielvorbereitung. In den aktuellen Gesprächen geht es laut dem Vizepräsidenten für Multi-Domain-Operationen, Patrick Moreau, „ziemlich weit fortgeschritten“ um den Einsatz bei mehreren NATO-Ländern. Damit rückt eine technische Grundfrage in den Fokus, die in der Praxis oft spannungsvoll bleibt: Wer die Datenflut zwischen strategischer Ebene, Führungsstellen und taktischen Einheiten beherrschen will, braucht nicht nur leistungsfähige KI-Modelle, sondern auch eine Architektur, die sich in unterschiedliche nationale Umgebungen einfügt.
Konkreter wird die Einordnung durch den jüngsten Testkontext: Thales hat die Verfügbarkeit von HexaForce nach eigenen Angaben im Anschluss an Tests im Rahmen von NATO CWIX (Coalition Warrior Interoperability Exercise) in Polen im Juni kommuniziert. HexaForce wird dabei als Multi-Domain-„Overlay“ beschrieben, das in der Lage sein soll, in der strategischen bis taktischen Ebene an bestehende Systeme anzudocken. Besonders relevant für die Beschaffung ist, dass Thales das System nicht als Closed-Box-Lösung verkauft, sondern Nutzer eigene KI-Modelle wählen lassen will, um Vendor Lock-in zu vermeiden. Auf dieser Basis lässt sich das System auch als Antwort auf die wachsende Erwartung vieler Streitkräfte lesen, KI-Fähigkeiten schneller skalieren zu können, ohne jedes Mal die komplette Toolchain neu zu standardisieren.
Technisch betont Thales dabei mehrere Bausteine, die über „Chatbot-Logik“ hinausgehen. Zum einen nennt Moreau eine offene Architektur, die sich an NATO-Standards orientiert; zum anderen soll die Lösung Agentic AI übernehmen, also KI-gestützte, zielorientierte Assistenzfunktionen für Aufgaben wie die Vorbereitung von Zielmissionen. Für die Planung wird außerdem ein konkretes Ziel mit Endanwendern erwähnt: die Fähigkeit, bis zu 1.000 Zielmissionen pro Tag zu planen – als Zehnfach-Steigerung gegenüber einem vorherigen Referenzrahmen. Parallel dazu wird eine vollständig verteilte Architektur beschrieben, die Mesh-Fähigkeiten nutzen soll, um Rechenanteile auf unterschiedliche Daten-Hubs innerhalb verschiedener Gefechtsstände zu verteilen. Das adressiert ein wiederkehrendes Problem in C2-Systemen: Zentrale Rechenressourcen und starre Kommunikationspfade sind in dynamischen Einsatzszenarien schwer skalierbar und riskanter als verteilte Strukturen.
Für die operative Nutzung ist bei HexaForce außerdem das Zusammenspiel mit Legacy entscheidend. Moreau beschreibt, dass HexaForce die „AI-powered capability“ zu Systemen hinzufügen kann, die bereits im Einsatz sind, während gleichzeitig spezielle taktische Systeme weiterhin Sensor- und Lageinformationen liefern müssen. In der Logik von HexaForce geht es demnach nicht um „vollautonomes Handeln“, sondern um Vorschläge: Wenn auf der strategischen Ebene Bedrohungen identifiziert werden, kann das System verschiedene Handlungsoptionen inklusiv Angriffskombinationen vorschlagen, etwa unter Einbeziehung von Luft- oder Landstreitkräften. Der Betreiber wählt dann die passende Option; HexaForce sendet anschließend die Zielmissionsdaten auf die taktische Ebene. Moreau stellt diese Leitplanke explizit heraus: „Of course it remains up to the operator to choose to push the button, and to choose the best option proposed by HexaForce, “ und fügt hinzu: „There is no automated action.“ Genau diese Trennung zwischen Empfehlung und Ausführung ist für viele Organisationen in der Praxis der entscheidende Sicherheits- und Integrationshebel.
Der Markt- und Branchenkontext erklärt, warum Thales zugleich die NATO-Kompatibilität in den Mittelpunkt rückt. NATO-Streitkräfte würden demnach zunehmend KI nutzen, um wachsende Datenmengen im Command-and-Control-Kontext zu verarbeiten; parallel versuchen die EU und europäische Anbieter, eigene Fähigkeiten schneller auszubauen, um die souveräne Kontrolle über Schlüsseltechnologien zu sichern. In diesem Umfeld ist HexaForce auch deshalb interessant, weil Thales auf Interoperabilität statt auf nationale Sonderwege setzt. Auf die Frage nach der Abgrenzung zu bestehenden Systemen wie SitaWare von Systematic oder der Multi-Domain Combat Cloud von Airbus hebt Moreau vor allem die Interoperabilität des Thales-Ansatzes hervor und verwies darauf, dass das System mit Input aus der französischen Armee entwickelt wurde, aber als NATO-Lösung gedacht ist.
Schließlich liefert die Umsetzungsgeschwindigkeit einen Hinweis darauf, wie Thales den Übergang vom Übungsbetrieb in reale Einsatzumgebungen plant: Moreau sagt, HexaForce sei „ready“ und bereits bei den Streitkräften im Einsatz, wobei die erste Version neun Monate vom Design bis zur Verfügbarkeit für die französische Armee benötigt habe. Frankreich entwickelt parallel ein eigenes souveränes C2-System namens Arcadia. Moreau deutet an, dass HexaForce eine „cornerstone“ im französischen System sein könne, die finale Entscheidung aber nicht bei Thales liege. Für europäische Betreiber ist damit weniger die Frage „Ob KI“ als vielmehr „Wie integriert“ der zentrale Punkt: offene Standards, föderierte Datenflüsse und verteilte Rechenmodelle bestimmen, ob KI-gestützte C2-Funktionen im Alltag skalierbar werden oder in Pilotphasen stecken bleiben.
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