LEXINGTON, KY. / LONDON (IT BOLTWISE) – Studierende der University of Kentucky haben mit „The Nest“ ein Konzept für ein kinderfreundliches, trauma-informiertes Betreuungskonzept im Innenraum erarbeitet. Im Fokus standen weniger reine Sicherheits- und Funktionskriterien, sondern auch emotionale Stabilität, Rückzugsmöglichkeiten und sensorische Steuerung. Ihre Entwürfe schlagen flexible Raumtrennungen, klar erkennbare Aktivitätszonen und ruhigere Bereiche vor, ohne die Aufsicht zu verlieren. Die Arbeit soll bereits in die kommende Renovierungsplanung für das Morton House einfließen.

Trauma-Informed Innenraumdesign: Uni-Studierende bringen Ruhe in die Kita von „The Nest“
Trauma-Informed Innenraumdesign: Uni-Studierende bringen Ruhe in die Kita von „The Nest“ (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn Kinder in einer Krisensituation Sicherheit und Orientierung suchen, entsteht der erste „Prozess“ oft nicht im Gespräch, sondern im Raum: Wie laut es ist, wie viele Eindrücke gleichzeitig auf sie einprasseln und ob es irgendwo eine Ecke gibt, in der man wieder zu sich kommt. Genau an dieser Stelle setzt die Zusammenarbeit zwischen Studierenden der University of Kentucky (College of Design, School of Interiors) und der in Lexington ansässigen Nonprofit-Organisation „The Nest“ an. „The Nest“ unterstützt Frauen, Kinder und Familien in Belastungssituationen mit Beratung, Bildung, rechtlicher Interessenvertretung sowie Kinderbetreuung und grundlegenden Ressourcen. Die Studiosprache war dabei klar: Räume für Betreuung sind nicht nur funktional, sondern beeinflussen spürbar, wie sicher, unterstützt und willkommen sich Familien fühlen.

Im Kern kritisiert der Ansatz eine Lücke klassischer Planungsstandards: Laut Professorin Aanya Chugh stellen viele Designvorgaben für Kinderbetreuung vor allem Sicherheit und Funktion in den Mittelpunkt, lassen aber das emotionale Wohlbefinden häufig zu kurz kommen. Diese Auslassung kann dazu führen, dass Umgebungen für sehr junge Kinder überreizend oder nicht ausreichend stützend wirken. Um nicht nur über Standards zu diskutieren, haben die Studierenden im Rahmen des Spring-2026-Studios eigene Beobachtungen vor Ort gemacht: Sie haben die alltägliche Raumnutzung von Kindern, Familien und Teammitgliedern bei „The Nest“ durch Site-Visits, Interviews und situatives Beobachten analysiert. Daraus leiteten sie jeweils konkrete Designprinzipien ab, die explizit „trauma-informiert“ formuliert wurden und als Grundlage für geplante Änderungen am Betreuungsbereich dienten.

Ein besonders detailliertes Regelwerk hat die Innenarchitektur-Studentin Jillian Mandel ausgearbeitet, das auf sieben Prinzipien aufbaut: Empowerment und persönliche Kontrolle, Unterstützung durch Peers und Mitarbeitende, emotionale und physische Sicherheit, Verbindung und Zugehörigkeit, reduzierte Winkel sowie eine weichere Gestaltung von Raumflächen, außerdem sensorische Aspekte und Anpassbarkeit. Mandel übersetzte diese Leitlinien anschließend in ein Raumkonzept, das auf konkretes Feedback zum bisherigen offenen Layout reagiert: Die offene Struktur bot wenig Trennschärfe zwischen Gruppenräumen und stellte nur begrenzt ruhige Rückzugsorte bereit. Für Kinder, die „einen Schritt zurück“ brauchen, bedeutet das in der Praxis oft, dass sie keinen passenden Umschaltpunkt finden, um sich zu regulieren. Ihre Antwort sind flexible Wandsysteme, mit denen definierte Bereiche entstehen können, während zugleich klare Sichtlinien für die Aufsicht erhalten bleiben.

Auch die Organisation des Alltags folgt dem Ansatz der emotionalen Steuerbarkeit. Mandel beschreibt Aktivitätszonen, die Kinder mit mehr Selbstverständlichkeit durch den Tag führen sollen, weil die Wege und Funktionen im Raum besser nachvollziehbar werden. Hinzu kommen variable Sitzoptionen, die Kindern Wahlmöglichkeiten geben und so das Prinzip „persönliche Kontrolle“ räumlich übersetzen. Gestalterisch greift sie außerdem auf eine Sprache zurück, die im Alltag eher beruhigt als stimuliert: geschwungene Formen, weiche Materialien, in jedem Klassenraum verankerte beruhigende Nischen sowie wärmere, wohnraumartige Oberflächen, die das Gefühl verstärken sollen, nicht nur „betreut“, sondern „zu Hause“ anzukommen. Für die Übergänge zwischen aktiven und ruhigen Abschnitten setzt der Entwurf zudem auf graduelle Wechsel, damit Überstimulation weniger wahrscheinlich wird und sowohl Kinder als auch das Personal stabiler durch den Tag kommen.

Am Ende stand eine galerieartige Abschlusspräsentation vor den Führungskräften und Mitarbeitenden von „The Nest“, in der die Studierenden ihre einzelnen Vorschläge und die abgeleiteten Designprinzipien zusammen mit dem Team diskutierten. Für „The Nest“ war dabei weniger die einzelne Idee entscheidend als die Qualität der Herangehensweise: Laut Jenny Norman, stellvertretende Executive Director und Leiterin der Kinderbetreuung, habe vor allem beeindruckt, wie sorgfältig die Studierenden trauma-informiertes Design gedacht hätten. Sie hätten nicht nur den physischen Raum betrachtet, sondern explizit die emotionale Erfahrung der Kinder, Familien und des Teams, das die Räume täglich nutzt. Für Aanya Chugh spiegelt das Studio damit auch, wie Innenraumgestaltung in der Ausbildung gedacht werden sollte: als angewandte Arbeit an realen Menschen, realen Orten und realen Bedürfnissen.

Der Nutzen reicht dabei über die konkrete Kita-Fläche hinaus. Norman sagte, die Ergebnisse hätten neue Perspektiven für die frühkindlichen Räume geliefert, die in der anstehenden Renovierung des Morton House berücksichtigt werden sollen – jenes historischen Gebäudes, in dem das „The Nest Family Center“ untergebracht ist. Chugh betont zum Abschluss, dass nicht jede Idee zwingend in eine komplette Renovierung münden müsse, um Wirkung zu entfalten: Schon eine ruhigere Ecke, ein sanfter Übergang oder eine kleine Maßnahme, die einem Kind das Sicherheitsgefühl in schwierigen Phasen zurückgibt, könne „etwas Bedeutendes“ bewirken. Für Organisationen, die mit knappen Budgets und laufendem Betrieb planen, ist genau das der praktische Punkt: Raumgestaltung kann als kontinuierlicher Prozess verstanden werden – von der Detailentscheidung bis zur strukturellen Änderung – und nicht als alles-oder-nichts.


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