BRÜSSEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Forsa-Umfrage zeigt, wie stark der Wettbewerbsdruck aus China auf die deutsche Industrie bereits wirkt. Insgesamt verlieren 28 Prozent der befragten Unternehmen Aufträge oder Ausschreibungen an chinesische Anbieter. Weitere 13 Prozent berichten, dass Bestandskunden zur Konkurrenz in China wechseln. Während die EU über Schutzmaßnahmen debattiert, entsteht so ein Spagat zwischen Marktöffnung und Absicherung.

Umfrage: Jedes vierte Industrieunternehmen verliert Aufträge an China
Umfrage: Jedes vierte Industrieunternehmen verliert Aufträge an China (Foto: IT BOLTWISE)
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Während in Brüssel Staats- und Regierungschefs über den Umgang mit China verhandeln, kommt aus der Industrie ein ebenso politischer wie betriebsnaher Befund: In einer repräsentativen Forsa-Erhebung im Auftrag der Restrukturierungsberatung FTI-Andersch berichten viele Unternehmen, bereits konkret Geschäft an chinesische Wettbewerber abgegeben zu haben. Befragt wurden im Juni und Juli 2026 telefonisch Vertreter von 151 Industrieunternehmen, darunter Maschinen- und Anlagenbauer, Autohersteller und Zulieferer sowie energieintensive Branchen wie Chemie und Papier. Die Daten machen dabei weniger Schlagworte sichtbar als Verhaltensänderungen in Beschaffungs- und Kundenentscheidungen.

Am deutlichsten fällt der Anteil derjenigen auf, die bereits Aufträge oder Ausschreibungen verloren haben: Gut jedes vierte Unternehmen nennt 28 Prozent. Noch schärfer ist die zweite Kennzahl, denn 13 Prozent mussten erleben, dass Bestandskunden zur chinesischen Konkurrenz wechseln. Genau dieser Effekt ist für die Industrie besonders heikel, weil er nicht nur einzelne Projekte betrifft, sondern gewachsene Lieferbeziehungen und Spezialisierungen berührt. Wer einen Neuauftrag wegen Preisunterschieden vergibt, kann kurzfristig reagieren – wenn aber ein langjähriger Kunde abwandert, sinkt oft die Planbarkeit und der Kostendruck wirkt anschließend „durch“, etwa über Auslastung und Serviceumsätze.

Der Maschinen- und Anlagenbau ragt aus der Gesamtstichprobe heraus. Dort geben 22 Prozent an, dass Bestandskunden zur chinesischen Konkurrenz gewechselt sind. FTI-Andersch-Deutschlandchef Christian Süberlich bezeichnete diese Zahl als Warnsignal. Interessant ist der Kontrast zwischen Markt-Realität und Selbstbild: In den Antworten sehen viele Führungskräfte für das eigene Unternehmen einen technologischen Vorsprung gegenüber chinesischen Anbietern. Gleichzeitig macht die Erhebung deutlich, dass technologische Überlegenheit nicht automatisch Kunden bindet, wenn Beschaffungsteams parallel auf Kostentransparenz, Lieferkonditionen und Preisstabilität achten.

Die Befragten benennen zudem konkrete Gegenstrategien, die eher auf Differenzierung als auf aggressives Preisdrücken setzen. Viele Unternehmen betonen Herkunft und Qualität der eigenen Produkte; als breiter Branchenstandard wird die Produktion in Europa als Qualitätsbeleg von sechs von zehn Unternehmen genutzt, im Maschinenbau sogar von 72 Prozent. In der Automobilbranche setzen Firmen zusätzlich stärker auf Qualität und Systemkompetenz. Dagegen spielen kostenseitige Maßnahmen wie schnelle Kostensenkungen oder die Erschließung von Produktionskapazitäten für chinesische Partner bisher nur bei wenigen eine große Rolle. Das zeigt ein klassisches Dilemma: Ohne eigene Kostenagilität wird es schwer, kurzfristige Preisvorteile zu kontern, während die kommunikative Differenzierung Zeit braucht und nicht jeden Ausschreibungszyklus rettet.

Gleichzeitig ist China für viele Firmen nicht nur Konkurrent, sondern Teil der Wertschöpfung. Fast jedes zweite Unternehmen (48 Prozent) hat in den vergangenen drei Jahren Geschäfte in China gemacht. Bei den dort aktiven Unternehmen ist die Bedeutung in mehreren Branchen sogar gestiegen: In der Chemie berichten 43 Prozent von einem leichten oder deutlichen Zuwachs, im Maschinenbau 31 Prozent. Eine Ausnahme bildet die Autobranche, in der China für ein Drittel der Unternehmen an Bedeutung verliert. Auch die Konsequenzen sind nicht überall gleich; häufig geht es um Marktnähe. So haben 20 Prozent Entwicklung, Einkauf und Produktion stärker nach dem Prinzip „Local-for-local“ organisiert, während 19 Prozent sich auf profitable Segmente konzentrieren. Weitere 18 Prozent bauen Partnerschaften mit chinesischen Firmen auf oder aus, 13 Prozent entwickeln gezielt für den chinesischen Markt, und 12 Prozent investieren mehr in China. Ein Rückzug bleibt dagegen marginal: Nur vier Prozent reduzieren dort in den vergangenen drei Jahren ihre Aktivitäten oder geben Standorte auf.

Für die Debatte in Brüssel lässt sich daraus eine schmale Handlungslogik ableiten. Der Kern des beschriebenen Spagats ist, dass die Industrie einerseits Schutz vor Importdruck sucht und andererseits auf den Zugang zum chinesischen Markt angewiesen bleibt. Gerade wenn ein „härteres Vorgehen“ zu Gegenmaßnahmen führen kann, treffen diese Wechselwirkungen häufig Branchen am stärksten, die bereits intensiv in China aktiv sind – damit geraten Chemie, Maschinenbau und Auto besonders in den Fokus. Für Anleger wiederum verschiebt sich die Perspektive: Schutzmaßnahmen können vor allem Unternehmen unterstützen, die unter hohem Wettbewerbsdruck durch Importe leiden, könnten aber Exporteure treffen, wenn chinesische Gegenmaßnahmen Lieferketten oder Absatzchancen beeinflussen. Dass 13 Prozent Bestandskunden verlieren, gilt dabei als Frühindikator für Preisdruck, der sich mit Verzögerung auch in Ergebnis- und Margentrends zeigen kann. Wichtig ist außerdem der zeitliche Rahmen: Die Erhebung stammt aus dem Sommer 2026; ob sich die Lage seitdem weiter zugespitzt oder beruhigt hat, lässt sich aus der Umfrage allein nicht ableiten, weil es sich um eine Managerbefragung und nicht um eine direkte Auswertung von Umsatz- oder Auftragsdaten handelt.


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