LONDON (IT BOLTWISE) – Unvorhersehbare Arbeitspläne erhöhen laut einer neuen Studie messbar das Risiko für Trennungen und Scheidungen. Besonders stark betroffen sind Beschäftigte im Stundenlohn in Servicebranchen, wenn Schichten kurzfristig abgesagt oder mit sehr kurzer Vorankündigung zugewiesen werden. Die Analyse nutzt Daten von 6.918 Beschäftigten in den USA und beobachtet den Beziehungsstatus nach im Schnitt neun Monaten. Damit rückt neben Löhnen und Beschäftigung auch die tägliche Schichtlogik als Faktor für Familienstabilität in den Fokus.

Arbeitsalltag und Privatleben sind für viele Menschen keine strikt getrennten Sphären. Eine neue Untersuchung im Journal of Marriage and Family legt nun nahe, dass vor allem die Planbarkeit von Schichten den Unterschied macht: Wer im Stundenlohn arbeitet und keine verlässlichen Einsatzzeiten erhält, riskiert laut den Daten häufiger eine Trennung oder Scheidung. Die Studie adressiert damit weniger die Frage, wie viel jemand verdient oder ob der Job als solcher unsicher ist, sondern betont die konkreten Bedingungen im Tagesgeschäft – also wie stark Arbeitgeber den Rhythmus des Lebens prägen.
Technisch betrachtet ist das kein banaler Zusatzfaktor, sondern ein Mechanismus, der sich in eine ganze Kette aus organisatorischen Abhängigkeiten übersetzen lässt. Wenn Dienstpläne ad-hoc geändert werden, kollidieren sie typischerweise mit Kinderbetreuung, Haushaltsaufgaben und der Koordination gemeinsamer Zeit. Hinzu kommt psychischer Druck: Kurzfristige Änderungen bedeuten mehr Stress, weniger Planungsruhe und häufig auch weniger Handlungsspielraum. Genau diese Wechselwirkung beschreiben die Autorinnen und Autoren als möglichen „work-to-family spillover“ – also als Übertragung von Arbeitsbelastungen in die Familie, wodurch emotionale Unterstützung und positive soziale Interaktionen im Paarverhältnis abnehmen können.
Um diese Hypothese empirisch zu prüfen, nutzten die Forschenden längsschnittliche Befragungsdaten von 6.918 Beschäftigten im US-amerikanischen Service-Sektor. Die Datenerhebung lief zwischen 2019 und 2024 und wurde im Rahmen des The Shift Project organisiert. In die Stichprobe kamen unter anderem Mitarbeitende großer Unternehmen aus Handel und Gastronomie, die bei der ersten Befragung entweder verheiratet waren oder in einer festen, nicht-ehelichen Partnerschaft lebten. Nach durchschnittlich neun Monaten erfolgte eine Follow-up-Erhebung, in der dokumentiert wurde, ob die Beziehung intakt geblieben ist.
Der zentrale Messwert war dabei eine Skala für „schedule instability“. Die Forschenden bildeten einen Score aus fünf typischen Arbeitsplan-Praktiken, die im Monat vor der Befragung vorkamen. Dazu zählten etwa Bereitschaftsdienste („on-call“), kurzfristige Schichtstreichungen, Änderungen des Schichtzeitpunkts mit sehr kurzer Vorlaufzeit sowie eine Vorankündigung von weniger als zwei Wochen. Die fünfte Bedingung ist in der Studie besonders anschaulich beschrieben: das sogenannte „clopening“, bei dem eine Person spät in der Nacht Schichten schließt und am frühen Morgen schon wieder für eine Eröffnungsschicht zurückkommt. Pro Person wurde gezählt, wie viele dieser fünf instabilen Muster auftraten; daraus entstand ein Score von 0 bis 5, der dann mit der Wahrscheinlichkeit einer Trennung im Follow-up verglichen wurde.
Die Ergebnisse zeigen eine konsistente Beziehung zwischen unregelmäßigen Diensten und dem Zerbrechen von Partnerschaften. Bei verheirateten Beschäftigten mit vollständig stabilen Plänen blieben 94 Prozent der Ehen bis zur zweiten Befragung intakt. Sobald die Personen dagegen vier oder fünf Arten von Instabilität erlebten, fiel dieser Anteil auf 82 Prozent – das entspricht einer absoluten Abnahme von 12 Prozentpunkten in der marital stability bei besonders ausgeprägter Planungsunvorhersehbarkeit. Ähnlich verlief es bei Paaren, die zusammenlebten, aber nicht verheiratet waren: Bei vollständig stabilen Plänen blieben 87 Prozent der Beziehungen bestehen; bei vier oder fünf Instabilitätsformen sank die Quote auf 75 Prozent.
Die Studie diskutiert dabei auch, dass die Sensitivität für „moderate“ Instabilität unterschiedlich ausfallen kann. Verheiratete Paare zeigten demnach vor allem dann ein klar erhöhtes Risiko für Scheidung, wenn die Instabilität sehr hoch war. Bei nicht verheirateten Zusammenlebenden trat eine erhöhte Trennungswahrscheinlichkeit offenbar schon früher auf: Bereits bei drei Arten instabiler Bedingungen zeichnete sich ein stärkeres Risiko ab. Um zu prüfen, ob unbeobachtete persönliche Eigenschaften sowohl zu instabilen Schichten als auch zu instabilen Beziehungen führen könnten, entwickelten die Autorinnen und Autoren zusätzlich einen „predicted schedule instability“-Indikator. Dieser schätzt die erwartete Planungsunzuverlässigkeit allein aus Faktoren wie Arbeitgeberkontext, Beschäftigungsdauer (job tenure), Alter und Bildung – und lieferte wiederum eine Korrelation mit dem Beziehungszerfall. Das spricht laut der Logik der Studie dafür, dass die Arbeitsbedingungen selbst einen Stressor darstellen und nicht primär eine bislang nicht gemessene Charaktereigenschaft.
Auch geschlechtsspezifische Muster werden differenziert betrachtet. Für nicht verheiratete Zusammenlebende war der Zusammenhang zwischen Instabilität und Trennung in der Studie ungefähr ähnlich für Männer und Frauen. Bei verheirateten Paaren zeigte sich jedoch ein anderes Bild: Die Instabilität der Schichtplanung von Männern war mit einem höheren Risiko für Scheidung verknüpft als die von Frauen. Die Studie quantifiziert dies mit Prozentpunkt-Unterschieden relativ zu Beschäftigten mit stabilen Plänen: Männer mit den instabilsten Arbeitszeiten waren im Follow-up um 12 Prozentpunkte seltener noch verheiratet, Frauen dagegen nur um 4 Prozentpunkte. Als mögliche Deutung wird genannt, dass instabile Arbeitsbedingungen bei Männern traditionelle Erwartungen an die Rolle des „Ernährers“ stören und dadurch zusätzliche Reibung in der Ehe erzeugen können.
Gleichzeitig benennt die Untersuchung wichtige Grenzen, die für die Interpretation entscheidend sind. Die Daten beruhen auf dem Befragungsstand nur eines Partners pro Beziehung; dadurch fehlt Information darüber, wie der Arbeitsplan des zweiten Partners aussieht. Auch die Interaktion beider Tagesroutinen bleibt damit ungemessen: Wie Paare damit umgehen, wenn beide Partner gleichzeitig in unterschiedlichen Instabilitätsmustern stecken, kann die Studie nicht direkt erklären. Zudem wurde die Anfangslänge der Beziehungen nicht erfasst. Eine sehr neue Partnerschaft könnte anders auf Schichtdruck reagieren als eine Ehe, die über viele Jahre gewachsen ist. Schließlich handelt es sich um eine Stichprobe, die über soziale Medien rekrutiert wurde; das kann Personengruppen unterrepräsentieren, die weniger Zugang zum Internet haben oder auch nicht über alle Wege erreicht werden.
Für die Praxis in Unternehmen und für die Sozial- und Arbeitsmarktdebatte ist der Kern dennoch klar: Planungssicherheit ist nicht nur ein Komfortthema, sondern kann auf Familienebene messbare Folgen haben. Gerade im Handel und in der Gastronomie werden Dienstpläne häufig nach kurzfristiger Nachfrage optimiert; die Studie zeigt, dass solche Optimierungen zumindest für einen Teil der Beschäftigten schwerwiegende „Nebenwirkungen“ haben. Entscheiderinnen und Entscheider, die Turnover und Fehlzeiten senken wollen, sollten deshalb nicht nur Löhne, sondern auch Dienstplan-Mechaniken in den Blick nehmen. Wer Einsatzzeiten mit längerer Vorankündigung versieht, Schichtstreichungen reduziert und extreme Muster wie „clopening“ minimiert, adressiert potenziell genau jene Instabilität, die in der Studie mit Trennungen und Scheidungen zusammenhing. Für zukünftige Forschung wäre besonders relevant, ob sich der Zusammenhang in breiteren, repräsentativeren Stichproben und über weitere Branchen hinweg bestätigt, aber die aktuelle Evidenz macht deutlich, wie eng Arbeitsorganisation und persönliche Lebensstabilität miteinander verknüpft sein können.
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