LONDON (IT BOLTWISE) – Der US-Kongress treibt eine Pflicht für AM-Radio in neuen Autos voran. Das Repräsentantenhaus hat ein Gesetz mit breiter parteiübergreifender Unterstützung beschlossen, das AM-Radio in allen neu zugelassenen Pkw, Trucks und SUVs ohne Aufpreis vorschreibt. Als nächster Schritt geht der Entwurf an den Senat. Damit rückt auch die Frage zurück in den Fokus, wie sich der Trend zu softwaredefinierten Fahrzeugen und digitalen Radioplattformen mit Notfallkommunikation vereinbaren lässt.

In den USA wird ausgerechnet AM-Radio zum politischen Kompromiss-Thema: Das Repräsentantenhaus hat am Mittwoch eine Gesetzesinitiative beschlossen, die neue Fahrzeuge künftig mit AM-Radio ausliefern soll – ohne zusätzliche Kosten für Verbraucher. Der Entwurf trägt den Namen „AM Radio for Every Vehicle Act“ und soll der US-Verkehrsaufsicht, konkret der National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA), die Grundlage geben, die Rundfunktechnik als Standardausstattung für neue Pkw, Trucks und SUVs vorzuschreiben. Politisch bemerkenswert ist dabei nicht nur die in der Vorlage beschriebene parteiübergreifende Zustimmung, sondern auch der Schritt, den das Gesetz im Prozess unmittelbar macht: Nach dem Votum im House folgt nun der Weg in den Senat.
Technisch steckt hinter dem Vorstoß weniger eine neue Radiotechnologie als die Frage nach der Gerätearchitektur in modernen Fahrzeugen. Viele Hersteller setzen zunehmend auf „software-defined vehicles“: Das Radioerlebnis wandert von klassischen Tuner-Bausteinen hin zu digitaler Ausspielung über Streaming-Dienste wie TuneIn oder SiriusXM, teils eingebettet in die Fahrzeug-Software. Genau dort entzündet sich auch der bisherige Widerstand gegen eine AM-Pflicht: Laut Darstellung verschiedener Automobilhersteller können Elektromotoren, insbesondere bei Elektrofahrzeugen, elektromagnetische Störungen erzeugen. Diese Interferenzen würden die AM-Signalqualität und damit Audioqualität beeinträchtigen. Die Diskussion ist damit weniger „Analog ist besser“ als „Welche Signalwege sind bei welcher Fahrzeug-Elektrifizierung robust genug?“
Der politische Druck bekommt zudem eine Sicherheits-Argumentation, die im Gesetzesumfeld wiederholt auftaucht: AM-Radio soll im Notfall besonders zuverlässig Informationen über große Distanzen übertragen können. In der Begründung wird dieses Argument nicht nur von Befürwortern innerhalb der Medien- und Broadcast-Branche getragen, sondern auch von Organisationen der Notfallkommunikation; zudem wird im Text auf frühere FEMA-Verantwortliche verwiesen. Für Hersteller heißt das: Sie müssen das Sicherheitsversprechen der Technik nicht nur kommunikativ stützen, sondern auch praktisch umsetzen. Das ist ein erheblicher Unterschied zu reinen Wahlfunktionen, weil ein Pflichtteil in der Produktion typischerweise die Entwicklungszyklen und die Kostenstruktur über mehrere Modellgenerationen hinweg beeinflusst.
Auch im Senat ist die Chance auf Fortschritt laut Bericht nicht gering. Der Gesetzentwurf wurde von den Senatoren Ed Markey (D-Mass.) und Ted Cruz (R-Texas) mitgetragen. In der Vorlage heißt es außerdem, dass Markey und Cruz zuvor 60 Mitträger gewinnen konnten – eine „kritische Schwelle“, um einen Filibuster zu überwinden. Cruz gilt als Vorsitzender des Senate Committee on Commerce, Science, and Transportation. In einer gemeinsamen Stellungnahme wird die Entscheidung als klares Signal an die Autohersteller beschrieben, AM-Radio als „lifeline“ zu schützen; gleichzeitig wird die Spannbreite der Nutzung von Notfallinfos bis zu Sport, Unterhaltung und Nachrichten betont. Für die Branche ist vor allem entscheidend, wie der Senat das Thema behandelt, sobald es neben den technischen Argumenten auch in das politische Abwägen der Energie- und Infrastrukturprioritäten fällt.
Für den Markt trifft die Debatte auf eine bereits laufende Umstellung der Hersteller. Im Text werden mehrere Beispiele genannt, bei denen AM-Radio aus bestimmten Ausstattungen entfernt wurde: BMW, Rivian, Tesla und Volvo sollen sich vom klassischen Empfang traditioneller Bänder wegbewegt haben. Ford habe AM-Radio in einzelnen Fahrzeugen ebenfalls gestrichen, später aber wieder zurückgenommen. Tesla sei für eine Stellungnahme nicht erreichbar gewesen; Rivian habe abgelehnt, zu dem Bericht Stellung zu nehmen. Konkret wird außerdem erwähnt, dass Tesla in der Basisversion des Model 3 und Model Y kein AM-Receiver-Setup anbietet. Rivian wiederum weist darauf hin, dass das neue R2-Modell zwar keinen FM- oder AM-Empfänger enthält, aber AM/FM-Inhalte über die digitale Radioplattform iHeartRadio kostenlos angeboten werden. Beim R1S und R1T sollen Kunden FM-Inhalte digital oder über einen eingebauten Empfänger abrufen können.
Genau hier wird die eigentliche strategische Frage sichtbar: Reicht es im regulatorischen Sinn, AM-Inhalte über eine App oder eine digitale Plattform bereitzustellen, oder braucht es zwingend eine physische AM-Empfangskomponente im Fahrzeug? Das Gesetz richtet sich nach dem Entwurf an die NHTSA mit dem Ziel, den AM-Empfang als Standard in neuen Fahrzeugen festzulegen. Damit würden Hersteller, die bislang auf digitale Alternativen setzen, kurzfristig ihre Produkt- und Zulieferplanung neu bewerten müssen. Auf der technischen Seite bedeutet das vor allem EMV-/EMI-Designentscheidungen: Selbst wenn ein Fahrzeug AM-Streams digital bereitstellt, muss der regulatorische Wortlaut klären, ob die Übertragungskette im Sinne des Gesetzes als gleichwertig gilt oder ob ein klassischer AM-Tuner als Bestandteil des Audio-Subsystems gefordert ist.
Für Entwickler und Systemarchitekten in der Fahrzeugsoftware zieht die potenzielle Gesetzesänderung eine klare Konsequenz nach sich: Funk- und Audiomodul-Entwicklung ist nicht mehr nur eine Komfortfrage, sondern wird zum Bestandteil von Sicherheits- und Compliance-Strategien über mehrere Hardware-Generationen hinweg. In der Praxis wird die Umsetzung deshalb sehr häufig als „Design for robustness“ enden – mit klaren Tests für Störfestigkeit, Empfangsreserve und Audio-Qualität unter realistischen Betriebsbedingungen. Unabhängig vom Ausgang im Senat ist die Richtung damit bereits spürbar: Der Trend zum vollständig digitalen Radioerlebnis trifft auf einen politischen Erwartungsrahmen, in dem klassische Übertragungswege als besonders verlässlich gelten.
Ob der Senat die Vorlage in der kommenden Phase ohne wesentliche Änderungen übernimmt, bleibt offen; der Text deutet jedoch darauf hin, dass die priorisierte Hürde vor allem im Zeitplan und im Abstimmungsmodus liegt. Sobald klar ist, welche technische Gleichwertigkeit akzeptiert wird, werden Hersteller ihre Roadmaps prüfen müssen, insbesondere bei Elektrofahrzeugen, deren Antriebsumrichter und Motorumgebung im AM-Kontext als Störquelle beschrieben werden. Für Verbraucher wäre die unmittelbare Auswirkung pragmatisch: mehr Geräte müssen AM-Radio als Standardfunktion erhalten, obwohl ein Teil der Kundenerfahrung längst über Streaming-Plattformen organisiert ist. Für die Branche wiederum dürfte der stärkste Effekt nicht in zusätzlichen Features liegen, sondern in der Stabilisierung eines Mindeststandards, der auch dann funktioniert, wenn digitale Dienste ausfallen oder im Notfall nicht erreichbar sind.
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