LONDON (IT BOLTWISE) – Eine landesweit repräsentative Befragung zeigt, dass die Unterstützung für politische Gewalt in den USA vor den Midterm-Wahlen 2026 gesunken ist. Die Daten machen deutlich, dass zwar parteipolitische Spannungen hoch bleiben, aber die Mehrheit der Erwachsenen körperliche Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele ablehnt. Besonders auffällig ist: Anhänger, die sich dem MAGA-Lager zuordnen, rechtfertigen politische Gewalt im Vergleich häufiger, sind aber selbst selten bereit, sie auszuüben. Parallel steigt zwar die Erwartung, dass ein Bürgerkrieg bevorsteht, doch die Annahme, er sei notwendig, bleibt weitgehend stabil.

Während vor den Midterm-Wahlen 2026 vielerorts die Sorge kursierte, eine weiter eskalierte Polarisierung könne zu mehr gewaltsamen Handlungen führen, zeichnet eine landesweit repräsentative Erhebung ein anderes Bild. Die Studie, als Preprint auf SocArXiv veröffentlicht und damit noch nicht peer-reviewt, untersucht nicht nur die Einstellung zu politischer Gewalt, sondern auch die Bereitschaft, selbst tätig zu werden. Ausgangspunkt ist eine klare Definition von politischer Gewalt als physische Kraft, die ausreichend ist, um Schmerz oder Verletzungen auszulösen. Der Befund ist damit weniger eine diffuse „Stimmungslage“, sondern eine messbare Verschiebung in mehrere Ebenen: Erwartung, Rechtfertigung und persönliche Handlungsbereitschaft.
Technisch-methodisch lohnt der Blick auf die Messarchitektur, weil Umfrage-Design tatsächlich steuern kann, was am Ende als „Zustimmung“ erscheint. Im Hintergrund steht eine 2022 veröffentlichte Untersuchung, die zeigte, dass schlecht konstruierte Fragen die vermeintliche Unterstützung für Gewalt durch eine bestimmte Formulierung systematisch erhöhen können. Das 2026er Projekt greift genau diese Problematik auf, indem es Befragte zuerst allgemein zu möglichen Rechtfertigungen befragt und erst danach in detailliertere Szenarien überführt. Die Erhebung nutzt dabei eine Wahrscheinlichkeitspanel-Struktur über die Ipsos KnowledgePanel-Plattform, was die Ergebnisse methodisch näher an der nicht-institutionalisierten US-Bevölkerung positioniert. In der fünften Welle nahmen 7.752 Erwachsene teil, die zwischen 15. Mai und 15. Juni 2026 online befragt wurden.
Inhaltlich ist die Studie in drei Kernblöcke gegliedert. Zunächst geht es um die Einschätzung, ob in Zukunft ein Bürgerkrieg wahrscheinlich sei, gefolgt von der Frage, ob Gewalt zur Erreichung politischer Ziele jemals gerechtfertigt ist. Zentral ist dabei die Operationalisierung: Befragte sollen „Gewalt“ explizit als physische Kraft verstehen, die Personen Schmerzen oder Verletzungen zufügen kann. Wer „nie gerechtfertigt“ wählt, bekommt im Jahr 2026 zusätzlich eine Präzisierung, um zu unterscheiden, ob die Ablehnung wirklich absolut und vorbehaltlos ist. Wer hingegen Rechtfertigung in Betracht zieht, wird weiter gefragt, wie bereit sie wären, Eigentum zu beschädigen, Menschen zu bedrohen, zu verletzen oder sogar zu töten; ebenso spielt die Bereitschaft eine Rolle, bestimmte Gruppen zu adressieren, darunter gewählte Amtsträger, Polizei, Beschäftigte im Wahlkontext oder Personen aus dem politischen Gegenlager.
Die Ergebnisse zeigen über das gesamte Spektrum hinweg einen Trend abwärts. Von 53 Messpunkten, die Erwartung, Rechtfertigung und persönliche Bereitschaft erfassen, wiesen 51 zwischen Mitte 2025 und Mitte 2026 kleine durchschnittliche Rückgänge auf. „The general perception is that political violence is common and increasing, “ merkte Garen J. Wintemute an. „Neither of those things is true. And in our survey respondents, support for political violence fell from 2025 to 2026, across the political spectrum.“ Auf der Rechtfertigungsebene bleibt Zustimmung insgesamt selten: 2026 lag der Anteil der Befragten, die Gewalt „meistens oder immer“ zur Durchsetzung irgendeines konkreten politischen Ziels für gerechtfertigt halten, bei höchstens 13 %. Besonders relevant ist zudem die Unbedingtheit: Unter dem knapp Viertel, das Gewalt für keines der aufgeführten Ziele rechtfertigt, erklärten mehr als 91 %, dass ihre Ablehnung absolute, unbedingte Haltung bedeutet.
Noch deutlicher werden die Unterschiede, wenn es um die eigene Handlungsbereitschaft geht. Unter der Teilmenge, die Gewalt zumindest manchmal als gerechtfertigt ansieht, gaben nur etwa 2 % an, sie seien „sehr“ oder „vollständig“ bereit, Eigentum zu beschädigen, zu bedrohen, zu verletzen oder zu töten. Auch die Bereitschaft, als Gruppe oder als Einzelperson zu handeln, nahm gegenüber dem Vorjahr ab. Gleichzeitig erwarteten weniger als 4 % aller Befragten, sie würden in einer Situation, in der Gewalt gerechtfertigt erscheint, jemanden erschießen oder mit einer Waffe bedrohen. Der einzige Teilindikator mit Zuwachs ist die Erwartung eines Bürgerkriegs: 7,1 % sagten 2025, sie würden einem Bürgerkrieg in den kommenden Jahren stark zustimmen, 2026 stieg dieser Anteil auf 8,0 %. Dass ein Bürgerkrieg jedoch „nötig“ sei, um „alles ins Lot zu bringen“, blieb dagegen überwiegend unverändert und lag bei unter 4 %.
Parteigruppen und Zuordnungen liefern dabei die wichtigste Ausnahme im Gesamttrend: MAGA-nahe Befragte werden in der Auswertung konsistent als eher geneigt beschrieben, politische Gewalt zu rechtfertigen. Der Preprint berichtet, dass ungefähr die Hälfte der MAGA-affiliierten Befragten Gewalt zur Verfolgung mindestens eines politischen Ziels als gerechtfertigt ansieht. Interessanterweise ist das jedoch nicht automatisch gleichzusetzen mit höherer Selbstbeteiligung: Wer überhaupt bereit wäre, Gewalt auszuüben, zeigt innerhalb der MAGA-nicht-republikanischen Subgruppe die höchste Neigung, bestimmte Gruppen gezielt ins Visier zu nehmen. Wintemute ordnet das so ein: „We found, as others have, that support for political violence is generally stronger on the political right than on the political left, “ und fügt hinzu: „Willingness to commit political violence is another matter; it is rare across the board. The vast majority of respondents in our surveys reject political violence altogether, and most of those who consider it acceptable are not willing to become involved in it themselves.“
Für die Interpretation der Daten ist außerdem wichtig, was die Studie nicht direkt leisten kann. Hypothetische Bereitschaft sagt nicht perfekt voraus, wie Menschen sich in der Realität verhalten; manche könnten ihre Bereitschaft über- oder unterschätzen, weil Gewalt sozial unerwünscht ist. Zudem wird persönliche Handlungsbereitschaft nur für jene gemessen, die zuvor überhaupt eine Rechtfertigungs-Schwellfrage bejahten. Das heißt: Vergleiche zwischen politischen Gruppen basieren auf unterschiedlichen realen Teilstichprobengrößen. Schließlich fiel das Feld im Zeitraum eines einzelnen Monats im Jahr 2026; rasch wechselnde Ereignisse können Einstellungen kurzfristig beeinflussen. Dennoch verweist die Studie auf ein stabil wirkendes Normengefüge: Laut Autoren sei „Entrapment“ in einen Spiraleingang eskalierender Gewalt nicht unvermeidlich, und wer Gewalt promotet, müsse mit politischen Kosten rechnen.
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