HESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Verdi macht Druck in der seit April laufenden Tarifrunde im Einzelhandel und kündigt bei ausbleibenden Zugeständnissen eine Intensivierung der Arbeitskampfmaßnahmen an. Betroffen wären nach Gewerkschaftsangaben vor allem die rund drei Millionen Beschäftigten im Handel, deren Bedingungen stark zwischen Tarif und Mindestlohn auseinanderlaufen. Verdi fordert sieben Prozent mehr Entgelt und mindestens 14,90 Euro pro Stunde, während Arbeitgeber zuletzt 4,4 Prozent angeboten haben. In den kommenden Tagen laufen weitere Gespräche in Hessen und Nordrhein-Westfalen, parallel dazu sind Warnstreiks in einzelnen Regionen möglich.

Im Einzelhandel wird der Ton in der Tarifrunde spürbar schärfer: Verdi droht bei den Arbeitgebern mit einer deutlichen Ausweitung des Arbeitskampfs. Hintergrund ist eine seit April laufende Verhandlungsrunde, die trotz zahlreicher Treffen bisher ohne Ergebnis geblieben ist. Verdi-Vorständin Silke Zimmer sagte der Süddeutschen Zeitung, dass die Gewerkschaft die Streikmaßnahmen intensivieren werde, falls sich die Arbeitgeber in den nächsten Wochen nicht bewegen. Mehrtägige Arbeitsniederlegungen seien dann denkbar, mit dem Fokus auf jene Unternehmen, die aus Sicht der Gewerkschaft die Verhandlungen blockieren.
In der Forderung bündelt sich gleich mehrere Problemdimensionen: Verdi verlangt 7 Prozent mehr Geld und mindestens 14,90 Euro pro Stunde für Beschäftigte. Der konkrete Zuschnitt der Forderung ist für den Arbeitskampf relevant, weil laut Verdi etwa ein Viertel der mehr als drei Millionen Verkäuferinnen und Verkäufer direkt vom Tarifvertrag betroffen ist. Als Begründung nennt die Gewerkschaft neben den Preissteigerungen der vergangenen Jahre auch die wirtschaftlichen Folgen des Kriegs zwischen den USA und Iran, der unter anderem Benzin und Diesel stark verteuerte. Verdi argumentiert damit, dass Lohnentwicklung und Kaufkraft im Handel nicht hinterherhinken dürfen, während die Inflation nach Ökonomen in diesem Jahr auf etwa drei Prozent steigen soll.
Auch die Struktur vieler Arbeitsverhältnisse spielt in der Debatte eine zentrale Rolle. Laut Verdi sind Angestellte im Handel besonders auf Lohnsteigerungen angewiesen, weil viele in Teilzeit arbeiten – und zwar oft unfreiwillig, da Arbeitgeber kaum noch Vollzeitstellen ausschreiben. Zimmer verweist in diesem Kontext darauf, dass Betroffene teilweise ihren Lohn über Leistungen vom Jobcenter aufstocken müssen. Damit, so die Argumentationslinie, entsteht nicht nur eine dauerhafte Belastung im Haushalt, sondern auch ein erhöhtes Risiko, im Alter in Armut zu rutschen. Genau hier wird der Streik für Verdi zu einem Instrument, um nicht nur das Entgelt, sondern auch die Planbarkeit und Sicherheit vieler Beschäftigter zu erhöhen.
Auf der anderen Seite steht der Verweis der Arbeitgeber auf die ökonomische Lage. Nach Angaben aus der Verhandlungshistorie haben die Arbeitgeber der Gewerkschaft zuletzt 4,4 Prozent Lohnsteigerungen angeboten. Der Tarifgeschäfsführer des Handelsverbands HDE, Steven Haarke, machte laut Text deutlich, dass es kaum Spielraum gebe, und stellte in Aussicht, dass Verdi-Forderungen nicht zur Realität vieler Unternehmen passen. Als Gründe nennt der HDE stagnierende Umsätze sowie steigende Kosten etwa für Energie, Logistik und Personal. Hinzu kommt, dass sich die Gehälter nach dem letzten Tarifabschluss zwischen 2023 und 2025 bereits um bis zu 14 Prozent erhöht hätten. Gleichzeitig sei es seit Ende 2022 zu einem Abbau von 60 000 sozialversicherungspflichtigen Stellen im Einzelhandel gekommen, was die Arbeitgeber als Indikator für die angespannte Lage interpretieren.
Ein besonders konfliktträchtiger Punkt betrifft das Einstiegsniveau und den Umgang mit jüngeren Beschäftigten. Verdi kritisiert, dass das bisherige Angebot der Arbeitgeber so niedrig ausfalle, dass die Gehälter in einigen Regionen faktisch vom Mindestlohn eingeholt würden, der zum 1. Januar 2027 von derzeit 13,90 auf 14,60 Euro pro Stunde steigen soll. Zimmer nennt das einen Skandal und argumentiert, dass die meisten Beschäftigten im Einzelhandel eine abgeschlossene Berufsausbildung mitbrächten und daher mehr Wertschätzung als den Mindestlohn verdienten. Der HDE kontert mit dem Hinweis, Tarifbeschäftigte erhielten nahezu flächendeckend Urlaubs- und Weihnachtsgeld; rechne man diese Leistungen ein, liege das Einstiegsgehalt bereits heute deutlich über dem Mindestlohn, der für das kommende Jahr gelten soll.
Für die unmittelbare Wirkung der möglichen Arbeitsniederlegungen wird entscheidend sein, wie breit die Streikaufrufe tatsächlich getragen werden. Manche Supermarktketten könnten eher weniger stark betroffen sein: Aldi und Lidl sollen nach dem Text schon jetzt übertarifliche Zulagen zahlen, weshalb Verdi das nicht als Maßstab sieht, aber die Gewerkschaft die Sonderlage offenbar zumindest einordnet. Aufgerufen werden könnten dagegen Beschäftigte von Rewe- und Edeka-Märkten, wo die Bedingungen teils schlechter ausfallen. Zusätzlich deutet der Text darauf hin, dass in dieser Tarifrunde bereits Warnstreiks stattgefunden haben, etwa bei Kaufland und beim Möbelhaus Ikea. Unklar bleibt zugleich, wie viele Verkäuferinnen und Verkäufer den Aufrufen folgen, weil viele nicht Mitglied bei Verdi sind; eine Mitgliedschaft ist für die Teilnahme am Streik zwar offenbar nicht zwingend erforderlich, die Beteiligungsquote kann aber dennoch variieren.
Die nächsten Verhandlungsschritte zeigen zudem, dass der Konflikt nicht in einem zentralen Termin eskaliert, sondern dezentral organisiert bleibt. Laut Text geht es am Montag weiter im Tarifgebiet Hessen, danach steht ein Treffen in Nordrhein-Westfalen an. In anderen Tarifregionen wurden die Gespräche wegen der verfahrenen Lage teils unterbrochen. Damit entsteht ein eng getakteter Zeitraum, in dem sich zeigen soll, ob Arbeitgeber noch Kapazitäten für Zugeständnisse finden oder ob die Gewerkschaft die angekündigte Intensivierung in konkrete Arbeitsniederlegungen übersetzen kann. Für Unternehmen bedeutet das vor allem operatives Risiko: Lieferketten, Schichtplanung und Kundenströme müssen in kurzen Zeitfenstern neu ausgerichtet werden, während Beschäftigte wiederum die nächsten Verhandlungstage als Signal für ihre Perspektive im Gehaltsgefüge und in der Sicherung der Arbeitsplätze interpretieren.
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