ITZEHOE / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Halbleiterhersteller Vishay investiert mit rund einer Milliarde Euro in seine Produktionsstätte in Schleswig-Holstein. In Itzehoe soll künftig eine zusätzliche Fabrik Halbleiterscheiben mit 300 Millimetern Durchmesser herstellen, bislang sind es 200 Millimeter. Der Ausbau wird mit 215 Millionen Euro aus Bund und Land unterstützt, die Brüsseler Genehmigung liegt bereits vor. Ziel sind mehr Leistungstransistoren wie Power-MOSFETs unter anderem für Automobil- und Industrieanwendungen.

Vishay setzt mit einer angekündigten Großinvestition in Itzehoe auf einen Schritt, der in der Halbleiterfertigung vor allem eines bedeutet: Skalierung. Der Hersteller will in Schleswig-Holstein einen „hohen dreistelligen Millionenbetrag“ investieren und nach Angaben aus der Landespolitik rund eine Milliarde Euro ansetzen. Konkret soll die deutsche Tochtergesellschaft künftig eine weitere Fertigungslinie betreiben, die Halbleiterscheiben mit 300 Millimetern Durchmesser produziert; bisher fertigt das Werk in Itzehoe 200-Millimeter-Wafer. Für Unternehmen entlang der Lieferkette ist das nicht nur eine Standortmeldung, sondern ein Hinweis darauf, dass die Nachfrage nach leistungsfähigen Bauteilen und die damit verbundene Chipkapazität weiter hochpriorisiert werden.
Technisch knüpft die Entscheidung an einen bekannten Hebel der Wafer-Industrie an: Größere Wafer erlauben mehr Chips pro Scheibe. Wenn sich die Fläche pro Wafer erhöht, steigen die potenziell nutzbaren Chips, vorausgesetzt, Ausbeute und Defektdichte bleiben beherrschbar. Vishay adressiert genau diese Logik, indem es die 300-Millimeter-Plattform mit seiner Produktstrategie verknüpft. Der Ausbau zielt auf Leistungstransistoren, namentlich Power-MOSFETs, die für hohe elektrische Ströme und Spannungen ausgelegt sind. In der Mitteilung werden dafür unter anderem Anwendungen in der Automobilindustrie sowie in industriellen und kommerziellen Szenarien genannt, einschließlich Hochleistungsrechnern, in denen unter anderem KI-Beschleuniger, Telekommunikation und IT-Infrastruktur zum Einsatz kommen.
Die finanzielle Dimension zeigt zudem, wie stark der Standortwettbewerb in Europa mittlerweile von Förderinstrumenten geprägt wird. Für die Erweiterung der Itzehoer Produktionsstätte stellt Vishay laut Bericht rund 215 Millionen Euro an Förderung vom Bund und vom Land in Aussicht; die Europäische Kommission hat die Beihilfe bereits genehmigt, wie im Juli bekanntgegeben wurde. Damit wird klar, dass es hier nicht nur um eine eigenwirtschaftliche Entscheidung geht, sondern um eine wirtschaftspolitische Flankierung, um die Herstellung in Europa wettbewerbsfähig zu halten. Dass dabei „rund eine Milliarde Euro“ als Gesamtinvestitionsvolumen genannt wird, macht den Ausbau planungs- und kapitalintensiv genug, um auch für Vorleistungsanbieter wie Chemie- und Anlagenlieferanten sowie Logistikdienstleister spürbar zu sein.
Ein weiterer Punkt liegt in der Arbeitsmarkt- und Ökosystemwirkung: Vishay rechnet trotz automatisierter Produktionsabläufe damit, bis zu 250 neue Arbeitsplätze am Standort zu schaffen. Das ist bemerkenswert, weil moderne Wafer-Fertigung stark automatisiert ist, gleichzeitig aber Personal für Betrieb, Qualitätssicherung, Instandhaltung, Prozessentwicklung und Schichtführung benötigt. Der Minister für Wirtschaft des Landes, Claus Ruhe Madsen (CDU), überreichte den Förderbescheid für den Standort in Itzehoe; laut seiner Darstellung hilft die Förderung, Hochtechnologie nach Schleswig-Holstein zu holen. Auch Andreas Hein von der CDU-Landtagsfraktion verwies darauf, dass es um etwa eine Milliarde Euro gehe, und ordnete den Ausbau als Ansiedlung von Know-how und Fachkräften ein, von der benachbarte Unternehmen profitieren sollen.
In der öffentlichen Begründung taucht außerdem das Thema „kritische Industrie“ prominent auf. Nach Aussage von Markus Keil, Fertigungschef für Waferherstellung bei Vishay, sei die Förderung „dramatisch wichtig“, weil die Kosten in Europa deutlich höher ausfielen als in Wettbewerbsstaaten, etwa in Asien. Als Treiber nennt Keil vor allem höhere Lohn- und Baukosten. Ergänzend argumentierte der Wirtschaftsminister mit der Verwundbarkeit globaler Lieferketten: Es habe in den vergangenen Jahren immer wieder Störungen gegeben, etwa weil Transportwege zeitweise blockiert waren oder weil Kriege und Krisen die Verfügbarkeit von Materialien und Komponenten beeinträchtigen. Gerade deshalb, so das politische Narrativ, brauche Europa die Schlüsseltechnologien in der Halbleiterproduktion auch unabhängig.
Strategisch ordnet sich Vishay in ein norddeutsches Netzwerk ein, das den Ausbau der regionalen Chipindustrie vorantreiben soll. Laut Bericht wurde dieses Jahr das „Northern Chip Network“ von Halbleiterunternehmen und Forschungseinrichtungen aus Hamburg und Schleswig-Holstein gegründet; beteiligt sind unter anderem Nexperia, NXP Semiconductors, Semikron Danfoss und X-Fab. Für die Herstellerseite ist so ein Zusammenspiel häufig ein Vorteil, weil es den Zugang zu Know-how, qualifizierten Fachkräften und industrieller Anwendungskompetenz erleichtert. Für die weitere Entwicklung der Branche bleibt entscheidend, wie schnell sich die 300-Millimeter-Fertigung in der Auslastung stabilisiert und wie konsequent die Prozessqualität skaliert, denn genau hier entscheidet sich, ob der Kapazitätsvorteil pro Wafer langfristig in stabile Erträge und planbare Lieferfähigkeit übersetzt wird.
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