LONDON (IT BOLTWISE) – Während der S&P 500 in den letzten Wochen um 3,12% zulegt und rund 2,1 Billionen US-Dollar an Börsenwert hinzugewinnt, bleibt Bitcoin spürbar zurück. Der Kurs bewegt sich um etwa 64.600 US-Dollar und liegt damit genau in einer engen Spanne, in der er seit Wochen verharrt. Als Gründe werden eine eher KI-getriebene Aktienhausse ohne direkten „Beta“-Effekt auf Krypto, stablecoin-bedingte Kapitalabflüsse sowie ein erwarteter Rhythmus im vierjährigen Halving-Zyklus genannt. Unterm Strich zeigt sich: Bitcoin sucht aktuell nach einem eigenen Katalysator, während ETF- und Zuflussdaten widersprüchlich wirken.

Die Diskrepanz zwischen Aktienmarkt und Krypto fällt derzeit besonders ins Auge: Der S&P 500 hat innerhalb des Monats laut den Angaben aus dem Marktgeschehen um 3,12% zugelegt und dadurch rund 2,1 Billionen US-Dollar an Marktkapitalisierung aufgebaut. Damit steigt der Gesamtwert des Index auf einen Rekord von 70,5 Billionen US-Dollar, bei einem Stand von 7.723 Punkten. Auch Nasdaq und Dow zeigen sich freundlich, das Bild an der Wall Street lautet damit klar „risk-on“. Bitcoin macht dieses Tempo jedoch nicht mit: Über denselben Zeitraum notiert der BTC nur rund 2% im Plus und handelt etwa bei 64.600 US-Dollar – einem Niveau, das im Juli bereits erreicht wurde und seitdem als Drehpunkt dient.
Technisch und markenpsychologisch wirkt die Bewegung wie eine Entkopplung: Bitcoin hatte sich seit dem COVID-Crash Anfang 2020 zwar häufig ähnlich verhalten wie Aktien, doch diesmal dominieren Mechanismen, die eher punktuell wirken. Im Kern geht es darum, dass die aktuelle Rally an der Börse nicht aus einem breit gestreuten Makro-Impuls entsteht, der „Beta“-Vermögenswerte automatisch nach oben zieht. Stattdessen speist sich der Anstieg vor allem aus aktienspezifischen Narrativen, insbesondere rund um KI- und ausgewählte Chipwerte. Adam Haeems, Leiter Asset Management bei Tesseract Group, bringt es in einem Satz auf den Punkt: „Partly because the equity rally is being driven by areas to which bitcoin has little direct exposure, particularly AI and semiconductor stocks“.
Makroseitig gibt es zwar positive Signale, aber sie schlagen bei Bitcoin offenbar zeitversetzt und indirekter durch. So werden in der Diskussion sinkende Ölpreise genannt, die mit einer möglichen Rückkehr normaler Handelsflüsse durch die Straße von Hormus zusammenhängen – ein Bereich, der zuvor durch den Iran-Krieg gestört war. Für Aktien kann das relativ schnell über geringere Geschäftskosten wirken. Für Bitcoin läuft die Wirkung dagegen eher über einen Umweg: niedrigere Energiepreise beeinflussen zunächst Inflationserwartungen, daraus folgt später ein anderer geldpolitischer Pfad der US-Notenbank. Das dauert länger; zugleich bleibt der Blick auf September unsicher, wie Haeems ergänzt: „That takes longer, and the outlook for September remains uncertain“.
Parallel bremst Bitcoin zusätzlich aus eigenen, krypto-spezifischen Themenfeldern. Genannt werden etwa der Coldcard-Exploit mit einem Schadensvolumen von 120 Millionen US-Dollar, anhaltende Unklarheit rund um den „Clarity Act“ sowie Berichte, dass Strategy BTC in mehreren Monaten reduziert habe. Haeems beschreibt die Lage dabei so, dass es zwar Negativeffekte für die Stimmung gibt, aber bislang kein breiter Liquiditäts-Schock entstanden ist: „Neither event has triggered a broader credit event or forced liquidation cycle“. Als weiterer Gegenwind werden steigende Anleiherenditen eingeordnet: Realrenditen gelten als hoch, Kapital solle also eher eine Rendite außerhalb von Krypto finden. In der Folge sieht Haeems einen Abfluss über Stablecoins; die US-Dollar-gebundenen Token USDT und USDC schrumpfen deutlich. Konkret werden für USDT ein Rückgang von rund 190 Milliarden US-Dollar im April auf etwa 183 Milliarden US-Dollar genannt, während USDC von 79,5 Milliarden US-Dollar auf 72 Milliarden US-Dollar gefallen sei. „With real Treasury returns at their highest since 2008, capital is being paid to remain outside crypto“, lautet seine Kernaussage.
Bemerkenswert ist außerdem, dass das Timing-Argument im Halving-Zyklus diesmal nicht wie üblich als Gegenwind, sondern als Bremse interpretiert wird. Denn mehrere Marktteilnehmer verweisen auf eine Art selbstverstärkende Erwartung: Wenn viele Trader davon ausgehen, dass der „Bottom“ im Oktober liegt, dann positionieren sie sich weniger aggressiv vor diesem Zeitpunkt. Markus Thielen, Gründer von 10x Research, formuliert diese Logik explizit: „the lack of bullish impetus is likely the result of a self-fulfilling prophecy about the halving cycle’s track record, which suggests a bottom may happen in October“. Dazu passt, dass Bitcoin-Anleger dem vierteljährigen Rhythmus plötzlich geschlossen mehr Gewicht geben: Thielen beschreibt eine „notable reversal“ gegenüber dem vergangenen Oktober, als viele Händler diese Vier-Jahres-These noch verworfen hätten. Sein Gegenargument lautet zudem, dass eine BTC-Stabilität trotz einer weiterhin restriktiveren Fed bereits als positives Signal gelesen werden kann („Traders are underestimating the upside risk from a less hawkish Fed“).
Auch die ETF-Dynamik liefert kein eindeutiges Bild, das eine klare Richtungsentscheidung erzwingen würde. Als Anhaltspunkt werden für US-börsennotierte Bitcoin-ETFs zunächst Abflüsse von 61,53 Millionen US-Dollar genannt, womit eine zuvor ohnehin schwache Serie von drei Wochen mit Zuflüssen gestoppt wurde. Für diese Woche wird dagegen ein Zufluss von 626 Millionen US-Dollar angeführt – der höchste Wert seit Anfang Mai. Entscheidend sei aber, ob mehrere aufeinanderfolgende Tage mit Zuflüssen die Erholung bestätigen. Vikram Subburaj, CEO der in Indien ansässigen und dort regulierten Plattform Giottus.com, sieht genau diese Bedingung: „Several consecutive days of inflows will be needed to confirm a sustained recovery in institutional demand“. Gleichzeitig bleibt die technische Lage eng definiert: Er beobachtet eine enge Handelsspanne, mit Unterstützung bei rund 63.000 bis 63.400 US-Dollar und Widerstand zwischen 64.500 und 66.000 US-Dollar.
Daneben wird die These diskutiert, dass ETF-Käufe nicht zwingend in einen nachhaltigen Spot-Aufwärtsdruck übersetzen. Als Gegenperspektive gilt laut Wintermute: „whatever ETF flow there has been may not be directionally bullish, but could instead be arbitrage“. In dieser Lesart wird Nachfrage auf dem ETF-Umweg absorbiert, ohne dass die marginale Spot-Käuferseite sichtbar „Long“ aufbaut. Wintermute verweist auch auf das Bild einer Einzelwert-getriebenen Risikoappetit-Shift: ZEC sei in der Woche um 10,9% gestiegen, während HYPE um 5% zulegte – in einem Umfeld, in dem die Gesamtvolatilität als „Floor“ wirkt und damit eine breitere Ausdehnung erst mit einem Volumenimpuls von BTC selbst wahrscheinlich wird („we likely need to see BTC vol off this floor first“). Damit bleibt Bitcoin vorerst das Asset, das die Wall-Street-Risikobereitschaft zwar begleitet, aber nicht gleichzeitig in einen klaren Trend „eingeklinkt“ wird.
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