KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Gastbeitrag von Alexander Schult (Peak Quantum) argumentiert, dass Europas Stärke in der Forschung nicht automatisch in globale Technologieführerschaft übergeht. Entscheidend ist die Skalierung nach der Seed-Phase, wenn Deep-Tech-Unternehmen zweistellige bis hohe dreistellige Millionenbeträge für Hardware, Fertigung und Infrastruktur benötigen. Im Quantencomputing trifft zudem ein anderer Kapitalmix auf klassische Venture-Logik: Reiner Software-Scaling-Ansatz greift zu kurz. Damit rückt die Frage in den Fokus, wie Governance, Investor-Passung und Kapitalallokation langfristig Wertschöpfung in Europa sichern.

Europa kann Forschung auf Weltspitzenniveau. Der Knackpunkt liegt laut Alexander Schult, Co-Founder und CFO von Peak Quantum, jedoch weniger im Erzeugen von Innovationen als im Übersetzen in industrialisierbare Produkte. Gerade Quantencomputing wirkt hier wie ein Belastungstest: Wo Physik, Materialwissenschaften und Ingenieurwesen zwar sehr solide aufgestellt sind, entscheidet sich der wirtschaftliche Effekt erst dann, wenn Skalierung gelingt. Wer die Idee zwar entwickelt, aber den nächsten Schritt Richtung Fertigungskapazität und industrieller Wertschöpfung nicht finanzieren kann, schafft im Ergebnis Abhängigkeiten statt Unternehmen.
Technisch betrachtet ist Quantenhardware ein anderes Spiel als viele KI- oder Software-nahe Geschäftsmodelle. Schult beschreibt die Realitäten als Kombination aus mehr als nur Software-Implementierung: Reinräume, Fertigungskapazitäten und industrielle Infrastruktur gehören in der Regel ebenso dazu wie lange Entwicklungszyklen. Daraus entsteht ein Kapitalprofil, das sich deutlich von typischen Wachstumsrampen unterscheidet. Wenn ein Unternehmen „nicht nur ein Modell“ betreibt, sondern physische Komponenten entwickelt und produziert, verlängert sich die Zeit bis zur Serienfähigkeit. Gleichzeitig wächst der Bedarf an Kapital, bevor sich Umsätze stabilisieren. In dieser Phase wird der klassische Vergleich mit Softwarefirmen schnell ungenau, weil Produktions- und Integrationsrisiken stärker durchschlagen.
Marktseitig wird die Seed-Lücke in der Wahrnehmung vieler Gründer zuletzt kleiner, aber die Skalierungslücke bleibt hartnäckig. Schult nennt als positiven Trend, dass es in Europa mehr Seed-Fonds, erfahrenere Business Angels und bessere Förderinstrumente gibt als noch vor zehn Jahren. Für die erste Finanzierungsrunde finden Teams damit eher Partner, um Prototypen und erste Durchbrüche zu validieren. Der eigentliche Engpass beginnt aber dort, wo Deep-Tech Kapital im zwei- bis hohen dreistelligen Millionenbereich braucht, um Forschung in industrielle Produkte und Produktionskapazitäten zu überführen. Genau in diesem Bereich wird europäisches Wachstumskapital nach seiner Darstellung deutlich knapper, während internationale Mittel häufiger dorthin gehen, wo die Skalierung bereits als Industrie-Story eingepreist ist.
Aus der Branche ist dabei ein wiederkehrendes Muster bekannt: Venture Capital ist nicht „falsch“, aber es ist nicht immer das passende Werkzeug. Schult betont, dass VC weiterhin ein wichtiger Baustein sein kann, jedoch nicht zwangsläufig die alleinige Antwort liefert. Der Grund liegt im Zeittakt: Während Softwareunternehmen häufig innerhalb weniger Jahre skalieren, dauern Industrialisierungsschritte bei Spitzentechnologien oft ein Jahrzehnt oder länger. Für Quantenhardware bedeutet das praktisch, dass Kapital nicht nur für Teams und Rechenleistung benötigt wird, sondern für den Aufbau von Produktionskompetenz. Wer diese Fähigkeiten nicht selbst aufbaut, läuft Gefahr, später Wertschöpfung an Zulieferer oder Partner zu verlagern. Damit entsteht ein strategischer Hebel, der deutlich über die reine Unternehmensbewertung hinausgeht.
Auch die Art des Investors beeinflusst den Kurs, wie Schult es mit dem Satz „Kapital ist nie neutral“ zuspitzt. Mit jedem Einstieg kommen Erwartungen, Governance-Strukturen und strategische Prioritäten. Fragen wie die Besetzung von Board-Positionen, Standortentscheidungen oder der Umgang mit Internationalisierung wirken in frühen Runden oft abstrakt. Später entscheiden sie aber darüber, ob eine Firma eher als europäischer Industrieakteur wächst oder als Variante eines globalen Technologie-Lieferanten funktioniert. Im Quantencomputing wird dieser Punkt besonders konkret, weil Wertschöpfung nicht nur durch die Nutzung der Technologie entsteht, sondern auch durch deren Entwicklung und Fertigung. Damit rückt die Investorenwahl als strategische Architekturmaßnahme in den Mittelpunkt.
Dass sich etwas bewegt, erkennt Schult an frühen Signalen: Der Scaleup Europe Fund soll künftig gezielt europäische Deep-Tech-Unternehmen finanzieren, und europäische Investoren hätten zuletzt Quantenfinanzierungsrunden im dreistelligen Millionenbereich mitgetragen – ein Szenario, das vor wenigen Jahren noch schwer vorstellbar gewesen sei. Entscheidend ist aber die Kontinuität: Wenn ein Impuls in der Größenordnung sichtbar wird, muss die Allokation folgen, sonst verpufft die Wirkung. Schult fordert deshalb, dass sich öffentliche und private Finanzierungsstrukturen stärker an Entwicklungs- und Industriezyklen ausrichten. Dazu passen aus seiner Perspektive auch breitere Instrumente neben klassischem Venture Capital: strategische Industriepartner, Projektfinanzierungen, öffentliche Förderinstrumente sowie langfristig orientierte Kapitalgeber, die die Produktionsrealität mitdenken.
Für Gründer bedeutet das vor allem, dass die Auswahl von Finanzierungsinstrumenten und Investoren nicht erst dann beginnt, wenn das Term Sheet auf dem Tisch liegt. Schult beschreibt es als Teil einer „Mitgründer“-Denke: Neben Bewertung und Kapitalhöhe zählen strategische Passung, Governance und gemeinsame Ziele. Diese Entscheidung reift in Investmentkomitees, also dort, wo festgelegt wird, wohin Kapital fließt und wo Wertschöpfung entstehen soll. Die Logik ist dabei klar: Europa hat die Forschung. Ob Europa auch die Wertschöpfung behält, entscheidet sich in den späteren Runden – und genau dort, wo Skalierung im Deep-Tech-Sinne praktisch nachweisbar finanzierbar gemacht werden muss. Bis dahin bleibt für das gesamte Ökosystem entscheidend, dass Skalierung als Industrieaufgabe verstanden wird, nicht als Verlängerung eines Software-Fahrplans.
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