LONDON (IT BOLTWISE) – Pensionsfonds können einen Teil ihres Kapitals über Jahrzehnte binden, weil Auszahlungen planbar sind. Diese Illiquidität macht die Anlagen interessanter, da sie häufig einen Illiquiditätsaufschlag verspricht. Bei 401(k)-Konten fehlt jedoch die kollektive Risikoglättung: Individuelle Notfälle oder vorzeitige Todesfälle zwingen zu Auszahlungen. Genau daraus erklärt sich, warum derselbe theoretische Renditevorteil in der Praxis unterschiedlich weit geht.

Die Diskussion um Altersvorsorge dreht sich oft um Renditen pro Jahr und um Gebühren, selten aber um die Mechanik dahinter: Wie lange kann Geld wirklich „eingesperrt“ werden? In der US-Landschaft prallen dabei zwei Grundmodelle aufeinander. Klassische Pensionspläne als Defined-Benefit-Modelle bündeln Beiträge in einem großen Fonds, verwalten sie professionell und zahlen im Ruhestand monatlich an viele Begünstigte aus. Durch diese Struktur sind Abflüsse statistisch glättbar, sodass ein signifikanter Anteil des Kapitals für lange Zeit nicht benötigt wird. Das eröffnet Investments mit geringer Handelbarkeit – also illiquiden Anlagen –, die theoretisch nicht nur wegen ihrer Risikoprämie attraktiv sind, sondern auch wegen einer Prämie dafür, dass das Kapital nicht flexibel verfügbar ist.
Technisch betrachtet ist das eine Frage der Laufzeiten- und Liquiditätssteuerung. Wenn ein Fonds eine Größenordnung an Verpflichtungen über viele Jahre hinweg erfüllt, kann er Teile seines Vermögens über einen Zeitraum von zum Beispiel 30 Jahren und mehr in „Bespoke“-Produkte oder nicht börsengehandelte Strukturen lenken. Entscheidend ist dabei nicht, dass illiquide Assets automatisch besser wären, sondern dass ihre Renditekomponenten häufig den Verzicht auf schnellen Rückkauf kompensieren sollen. Genau hier liegt die Logik des Illiquiditätsaufschlags: Wer nicht jederzeit verkaufen kann, sollte im Gegenzug mit einer höheren erwarteten Rendite rechnen dürfen als bei relativ liquiden Alternativen wie Staatsanleihen oder auch stark gehandelten Aktienindizes.
Beim Blick auf 401(k)-Pläne wird die gleiche Idee zwar ebenfalls verfolgt, aber sie stößt auf einen grundlegenden Unterschied in der Risikostruktur. Ein 401(k) ist kein gemeinsamer Topf mit kollektiver Auszahlungsplanung, sondern ein individuelles Konto. Das bedeutet: Jeder Sparer entscheidet innerhalb seines Rahmens, wie sein Kapital investiert ist, und kann im Alter oder bei Ereignissen auf den Bestand zugreifen. Selbst wenn man im Idealfall davon ausgeht, dass eine Person bis zur Pensionierung wartet, bleibt das Zeitfenster unruhig. Eine medizinische Notlage kann kurzfristig Mittel erfordern, und auch das Lebensende kann den Bedarf an Ausschüttungen vor das ursprünglich geplante Rentenalter ziehen. Dadurch lässt sich die Liquiditätsrealität nicht so einfach über viele Teilnehmer hinweg glätten, wie es bei einem klassischen Pensionsfonds möglich wäre.
Aus Unternehmens- und Portfolio-Perspektive wird damit auch verständlich, warum Illiquidität in der Praxis mehr ist als ein reines Anlageargument. Illiquide Investitionen funktionieren oft gut, wenn ein Investor seine Zahlungen über Zeit planen kann und Rückflüsse nicht täglich oder stündlich „durchschlagen“ können. Ein Pensionsfonds hat dafür strukturelle Voraussetzungen: Er kann Cashflows über die große Mitgliederbasis verteilen und hat damit den nötigen Puffer. Ein 401(k) hingegen trägt das Risiko näher an der Person, weil der Zugriff im Wesentlichen dort passiert, wo das Konto sitzt. Das hat Konsequenzen für die Auswahl illiquider Produkte: Je stärker ein Instrument potenziell wertmäßig oder in der Auszahlungsgeschwindigkeit an einen Verkauf gebunden wäre, desto schwieriger wird es, im individuellen Konto eine konsistente Liquiditätslage sicherzustellen.
Historisch lässt sich diese Spannung auch als Verschiebung der Verantwortung lesen. Defined-Benefit-Systeme verschieben die Steuerung zentral auf den Fonds und damit auf professionelle Manager, während Defined-Contribution-Modelle die Verantwortung Richtung Einzelperson verlagern. Die eingangs skizzierte Theorie beschreibt genau diesen Transfer: Beide Modelle verfolgen im Kern ähnliche Ziele, nämlich die langfristige Finanzierung des Lebens im Ruhestand. Doch das eine Modell kann die Illiquiditätschance häufiger real nutzen, weil der institutionelle Rahmen die nötige Glättung liefert. Das andere Modell kann zwar ebenfalls illiquider investieren, muss aber zugleich alle individuellen Abweichungen im Zeitplan mittragen – inklusive unerwarteter Ereignisse und der Möglichkeit, dass Auszahlungen früher als geplant beginnen.
Für die Marktdynamik ergibt sich daraus ein klarer Umsetzungsunterschied, selbst wenn die rhetorische Idee ähnlich klingt. Dort, wo institutionelle Anleger mit langen Verpflichtungshorizonten agieren, lassen sich illiquide Strategien leichter in dauerhaften Allokationen verankern. Bei individuellen Konten ist die Frage eher, wie man Illiquidität so einbettet, dass sie zu einem realistischen, häufigeren Liquiditätsbedarf passt. Genau deswegen wird in solchen Modellen oft nicht die „Illiquidität an sich“ problematisch, sondern die Kombination aus fehlender kollektiver Glättung und dem Risiko, dass ein Teil des Kapitals genau dann gebraucht wird, wenn eine Auflösung oder ein Verkauf nicht möglich oder nur mit Abschlägen verbunden ist.
Damit ist die zentrale Lehre weniger ein Urteil über eine bestimmte Asset-Klasse als vielmehr über die passende Governance. Wer Altersvorsorge so gestaltet, dass illiquides Kapital langfristig Renditechancen liefern soll, braucht eine Struktur, die Auszahlungen verlässlich plant und über viele Begünstigte glättet. Fehlt diese Klammer, kann die theoretische Illiquiditätsprämie zwar bestehen, aber sie wird im Alltag stärker durch Liquiditätsereignisse begrenzt. Für Entscheider bedeutet das: Die Renditeerwartung muss immer mit den Zahlungsprofilen zusammen gedacht werden – also mit der Frage, wer wann welches Geld braucht und wie flexibel das System auf Abweichungen reagieren kann.
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