LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Immer mehr CEOs schaffen die Rolle Chief of Staff, weil Unternehmen operativ deutlich komplexer werden. Besonders in Phasen, in denen KI, Cybersecurity-Themen und internationale Rahmenbedingungen Entscheidungen beschleunigen, fungiert die Position als vertrauenswürdiger Taktgeber. Der Chief of Staff übernimmt dabei weniger Hierarchie als Koordination: Er filtert, priorisiert und übersetzt Management-Absichten in umsetzbare Schritte. Gleichzeitig steigt die Rolle auch für mittlere Führungsebenen, was den Arbeitsmarkt rund um das C‑Level neu sortiert.

Warum immer mehr CEOs einen Chief of Staff einstellen
Warum immer mehr CEOs einen Chief of Staff einstellen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Rolle Chief of Staff erlebt gerade einen spürbaren Boom – weniger als „Modejob“, sondern als Antwort auf einen Management-Alltag, der immer schwerer in klare Zuständigkeiten zu pressen ist. Je mehr parallel läuft, desto häufiger fehlen Führungskräften die ruhigen Momente, um aus widersprüchlichen Inputs eine konsistente Linie zu machen. Genau dafür wird der Chief of Staff in vielen Unternehmen eingesetzt: als persönlicher Resonanzraum, der Termine, Prioritäten und Entscheidungswege so strukturiert, dass der CEO nicht nur beschäftigt ist, sondern gezielt steuert. Dass sich das in der Praxis zeigt, ist auch daran erkennbar, wie die Aufgaben mit der Unternehmensgröße wachsen können: Ein früherer Start im Umfeld des Tagesgeschäfts kann sich über Jahre zu einem zentralen Koordinations- und Kommunikationsknoten entwickeln.

Technisch betrachtet ist das Primärinstrument dieser Funktion kein Algorithmus, sondern ein Prozess: Informationsfluss. Der Chief of Staff „sammelt“ nicht einfach, sondern bewertet, ob ein Thema überhaupt auf die Agenda eines vielbeschäftigten Entscheiders gehört. In vielen Schilderungen aus der Praxis wird der Unterschied zwischen klassischem Executive Assistant und Chief of Staff besonders greifbar: Assistenz organisiert Zeit und Ablauf, während die Chief-of-Staff-Rolle eher entscheidet, ob und in welcher Form ein Punkt die Führungsrunde erreichen sollte. Dazu kommt eine zweite Ebene, die in komplexen Organisationen oft unterschätzt wird: die horizontale Abstimmung zwischen Einheiten, etwa zwischen Marketing, Kommunikation und Finance oder zwischen Forschung und Produkt. Der Nutzen entsteht dadurch, dass der Chief of Staff als neutrale Instanz zwischen verschiedenen Sichtweisen vermittelt und dabei die übergreifenden Ziele des CEOs im Blick behält.

Der Markttrend lässt sich dabei auch über Recruiting-Signale einordnen. Seit Anfang 2020 sollen Job-Postings für Chief-of-Staff-Positionen laut Zahlen eines großen Jobportals deutlich zugenommen haben – und zwar schneller als bei klassischen Assistenzrollen. Gleichzeitig berichten Executive-Search-Anbieter über mehr Anfragen, nicht nur für den Top-Chef, sondern zunehmend auch für darunterliegende Führungsebenen, etwa in Marketing-, Kommunikations- oder Finanzbereichen. Für viele Unternehmen ist das nachvollziehbar: In einer Landschaft, in der KI-Projekte, Sicherheitsanforderungen und internationale Märkte Geschäftsmodelle verändern können, steigt die Zahl der Abstimmungsbedarfe. Genau an diesem Punkt wird die Rolle attraktiv, weil sie den „Second Brain“-Charakter trägt, ohne zwingend formale Weisungsbefugnis zu besitzen.

Historisch hat der Chief of Staff zwar starke Vorbilder aus Politik und Militär: Gatekeeper-Funktionen, die die Kommunikationswege zum Entscheidungsträger steuern und dabei Macht im Alltag organisieren. In der Wirtschaft funktioniert das aber anders, weil die Rolle typischerweise keine strukturelle Autorität besitzt, sondern erst durch Vertrauen wirksam wird. In Berichten aus der C‑Suite wird das als doppelte Arbeit beschrieben: Erst muss der Chief of Staff die Arbeitsweise des CEOs verinnerlichen, danach muss er oder sie auch bei anderen Führungskräften respektiert sein. Praktisch heißt das, dass der Chief of Staff Informationen und Entscheidungen so „glättet“, dass Einheiten voneinander nicht überrascht werden und unternehmensweite Aufgaben tatsächlich zusammenspielen. Dass dabei Kommunikationskanäle variieren – vom direkten Telefonat über gemeinsame Meetings bis zur Zusammenarbeit in Tooling wie Slack – zeigt vor allem, wie stark die Rolle an den Rhythmus des modernen Informationsmanagements gekoppelt ist.

Spannend ist auch, wie unterschiedlich Unternehmen die Schnittstelle zwischen Chief of Staff und KI denken. Einige CEOs setzen KI-gestützte Agenten ein, um sich organisatorisch zu entlasten – etwa beim Vorbereiten von Terminen oder beim Strukturieren des Tages. Dabei wird ein klarer Punkt betont: KI kann Unterstützung leisten, aber sie ersetzt nicht die Urteilsfähigkeit und das Beziehungsnetz, das eine gute Führungskraft beziehungsweise ein guter Chief of Staff aufbaut. Gleichzeitig geben andere Stimmen zu, dass KI die Rolle sogar verändern könnte, weil Chief-of-Staff-Personen oft schneller im Umgang mit KI-Workflows sind und dem CEO als Ideenquelle dienen. Das entstehende Spannungsfeld ist damit nicht „KI statt Chief of Staff“, sondern „KI als Verstärker“: Wenn die Rolle stärker daten- und informationsgetrieben arbeitet, kann sie Entscheidungsqualität erhöhen, statt nur Zeit zu sparen.

Auch für Karrierepfade wirkt die Rolle wie ein Beschleuniger. In den geschilderten Beispielen wird der Chief of Staff teils als Sprungbrett in spätere Management- oder sogar CEO-Funktionen beschrieben, weil die Position einen Querschnitt über die Organisation bietet und damit Netzwerke sowie Prozessverständnis erweitert. Es gibt sogar Fälle, in denen ein Chief of Staff Projekte koordiniert, die operativ weit über reine Büroarbeit hinausgehen – etwa die Abstimmung technischer Entwicklung mit Produktanforderungen oder die Unterstützung bei strategischen Wachstumsinitiativen. Gleichzeitig bleibt die Rolle für manche Entscheider nicht automatisch attraktiv: Ein CEO formuliert den Grundgedanken pointiert als Ablehnung einer „Zwischenebene“ zwischen ihm und seinen Teams. Doch selbst diese Skepsis akzeptiert, dass ein zusätzlicher Ratgeber im Einzelfall wertvoll sein kann – vor allem dann, wenn er oder sie nicht als Blockade, sondern als klar definiertes Koordinationswerkzeug wahrgenommen wird.

Für Unternehmen ergibt sich daraus eine konkrete Management-Frage: Wie wird aus dem „trusted sounding board“ eine messbar wirksame Funktion? Entscheidend sind weniger Titel als Erwartungen – etwa welche Entscheidungswege der Chief of Staff priorisiert, welche Abstimmungen er oder sie zwischen Einheiten anstößt und wie die Rolle die Umsetzung strategischer Ziele nachhält. Je komplexer die Agenda, desto stärker wird die Rolle zu einer Art Orchestrator, der Informationsflüsse in Richtung des CEOs ausrichtet. Damit verschiebt sich auch das Talentprofil: Gefragt sind Menschen, die sowohl Kommunikationsdisziplin als auch Organisationsverständnis mitbringen und die neue Werkzeugwelt rund um KI-gestützte Arbeitsabläufe praktisch beherrschen. In Summe ist der Trend daher weniger Bürokratie-Fieber als ein Versuch, Führung in Zeiten permanenten Wandels wieder in klaren Takt zu bringen.


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