LONDON (IT BOLTWISE) – Whatnot verhandelt Berichten zufolge eine neue Finanzierungsrunde, die das Unternehmen auf etwa 20 Milliarden US-Dollar bewerten könnte. Das würde die zuletzt privat angesetzte Bewertung deutlich anheben und die Dynamik im Livestream-Handel untermauern. Der US-Anbieter betreibt eine Live-Auktions- und Marketplace-Plattform mit Fokus auf Sammlerstücke und Enthusiasten-Kategorien. Gleichzeitig bleiben die Vorwürfe rund um potenziell rechtswidrige Vertriebsmechaniken ein Risiko für das Vertrauen im Markt.

Wenn Livestream-Commerce in den USA nicht mehr nur als Trend, sondern als durchinvestiertes Geschäftsmodell durchgehen soll, braucht es genau solche Signale wie eine potenziell sprunghaft steigende Unternehmensbewertung. Whatnot, 2019 in Los Angeles gegründet, befindet sich Berichten zufolge in Gesprächen über frisches Kapital zu einer Größenordnung von rund 20 Milliarden US-Dollar. Die Verhandlungen laufen noch, die Konditionen könnten sich damit ebenso ändern wie die konkrete Höhe der Runde. Für den Markt ist das vor allem deshalb relevant, weil eine solche Neubewertung nicht nur Wachstum erzählt, sondern auch die Zahlungsbereitschaft neuer und bestehender Investoren für ein Format bestätigt, das parallel in anderen Regionen schon stärker etabliert ist.
Technisch und operativ baut Whatnot auf einem klaren Mechanismus auf: Verkäufer listen Produkte in Echtzeit und Nutzer können in einem Livestream-Kontext direkt mitbieten oder kaufen. Einnahmen entstehen dabei nicht über klassische Werbeumsätze, sondern über einen prozentualen Anteil an jeder Transaktion. Genau diese Transaktionslogik macht das Modell in Zahlen messbar, weshalb die genannten Kennwerte besonders ins Gewicht fallen: Für das Vorjahr nennt Whatnot rund 8 Milliarden US-Dollar an Live-Verkäufen. Zusätzlich berichtete das Unternehmen, dass sein GMV (Gross Merchandise Value) im laufenden Jahr bereits die Marke von 6 Milliarden US-Dollar überschritten habe; das entspricht laut Quelle einer mehr als Verdopplung gegenüber 2024, in dem 3 Milliarden US-Dollar GMV ausgewiesen wurden.
Die mögliche Bewertung von etwa 20 Milliarden US-Dollar wäre ein deutlicher Sprung gegenüber der letzten privat kommunizierten Bewertung. Im Rahmen der Series F im Oktober 2025 erhielt Whatnot laut Quelle einen Unternehmenswert von 11,5 Milliarden US-Dollar; gleichzeitig lag die bisher insgesamt eingeworbene Summe bei ungefähr 968 Millionen US-Dollar. Die Runde wurde demnach gemeinsam von DST Global und CapitalG angeführt, mit Beteiligungen von Andreessen Horowitz, Sequoia Capital und Lightspeed Venture Partners. Aus strategischer Sicht zeigt das vor allem: In einer Phase, in der der Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Conversion-Raten härter wird, setzen größere Investmenthäuser weiter auf die Skalierungsfähigkeit eines spezialisierten Marktplatzes statt auf eine rein breit angelegte E-Commerce-Variante.
Mit Blick auf den Wettbewerb steigt zugleich der Druck, nicht nur Nutzerwachstum zu liefern, sondern auch die Qualität der Shopping-Erfahrung zu sichern. In China gilt Livestream-Commerce bereits als dominanter Retail-Kanal, während die Adoption in den USA noch im Ausbau steckt. Parallel investieren Rivalen stärker in creator- und livestreamgetriebene Formate – genannt werden unter anderem TikTok Shop, Amazon Live und eBay Live. Damit konkurriert Whatnot nicht nur um Plattformnutzung, sondern auch um Creator-Ökosysteme, Logistikreife und die Fähigkeit, in Echtzeit verlässliche Kaufanreize zu schaffen. Gerade bei Sammlerstücken und Enthusiasten-Kategorien ist das Zusammenspiel aus Vertrauen, Abwicklung und Transparenz besonders kritisch: Der Kunde erwartet nicht nur ein Angebot, sondern Gewissheit über Artikelzustand und Lieferfähigkeit.
Ein zusätzlicher Risikofaktor liegt in den Vorwürfen, mit denen Whatnot „früher in diesem Jahr“ konfrontiert wurde. Den Angaben zufolge soll das Unternehmen Verkäufern erlaubt haben, „randomized box breaks“ und „randomized repack breaks“ durchzuführen – also Mechaniken, bei denen versiegelte Pakete mit Sammelobjekten zufallsbasiert geöffnet bzw. gehandelt werden. Dabei geht es in der Berichterstattung auch um Vorwürfe im Zusammenhang mit einem illegalen Glücksspielbetrieb und um Verstöße gegen den RICO Act. Solche Themen können die Nutzerakzeptanz und die Bereitschaft von Plattformpartnern beeinflussen, weil auch ohne eine bereits entschiedene rechtliche Bewertung ein Imageschaden entstehen kann; den Vorwürfen zufolge kann genau das Auswirkungen auf die weitere Skalierung haben.
Aus Branchenperspektive wäre eine erfolgreiche Funding-Runde damit mehr als nur ein Finanzierungsereignis. Sie würde Investorenvertrauen in ein Geschäftsmodell signalisieren, das bereits erhebliche Umsatzvolumina im Live-Kanal vorweisen kann und in der Lage scheint, GMV-Wachstum in spürbare Größenordnungen zu übersetzen. Gleichzeitig würde das Unternehmen damit auch Mittel bereitstellen, um im operativen Wettbewerb nachzulegen: etwa bei Tools für Verkäufer, bei der Performance des Livestream-Marktplatzes oder bei Maßnahmen, die die Integrität von Verkaufsmechaniken stärken. Für Entscheider in E-Commerce- und Plattformunternehmen ist das ein klarer Hinweis darauf, dass Liveformate zunehmend wie „Retail-Infrastruktur“ behandelt werden – nicht als kurzlebiger Social-Commerce-Test.
Ob die Runde in der beschriebenen Größenordnung tatsächlich zustande kommt, hängt nun an den finalen Konditionen und daran, wie sich Verhandlung, Bewertung und rechtliche bzw. regulatorische Unsicherheiten zeitlich überlappen. Für Whatnot ist die Ausgangslage jedenfalls sichtbar: Wachstum in Kennzahlen, ein etabliertes Nischenprofil und ein Wettbewerbsumfeld, in dem große Player mit Livestream-Funktionen aggressiv nachziehen. Wenn es gelingt, die Balance aus Wachstum, Creator-Ökonomie und Plattform-Compliance weiter stabil zu halten, könnte eine neue Finanzierung den nächsten Skalierungsschritt wahrscheinlicher machen. Damit bleibt die Frage spannend, ob Livestream-Shopping in den USA tatsächlich in Richtung der Reife gelangt, die man aus etablierten Märkten bereits kennt.
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