LONDON (IT BOLTWISE) – Eine große Längsschnittstudie aus Japan zeigt, dass Alkoholkonsum über fünf Jahre oft erstaunlich stabil bleibt. Forscher ordneten Erwachsene anhand wiederholter Angaben zur Trinkhäufigkeit in vier Muster ein. Höhere Ausprägungen bei Extraversion gingen dabei mit häufigerem Trinken einher, während Gewissenhaftigkeit eher mit selteneren Konsumroutinen verbunden war. Damit rückt Persönlichkeit als möglicher Indikator für gesundheitlich relevante Risikogruppen in den Fokus.

Wer die eigenen Trinkgewohnheiten langfristig verändern will, sieht sich häufig mit einem Henne-Ei-Problem konfrontiert: Liegt es an äußeren Umständen – oder an stabilen Eigenschaften der Person? Genau diese Frage greift eine aktuelle, große Studie aus Japan auf und untersucht, ob sich Trinkmuster im Zeitverlauf tatsächlich nur wenig bewegen und ob die Persönlichkeit nach dem „Big Five“-Modell dabei eine Rolle spielt. Die zentrale Botschaft lautet nicht, dass Persönlichkeit allein alles erklärt, aber dass bestimmte Merkmale konsistente Zusammenhänge mit der langfristigen Häufigkeit des Alkoholkonsums zeigen. Für Public-Health-Planungen ist das deshalb interessant, weil man mit einem frühen Signal potenziell gezielter ansetzen könnte, statt erst zu reagieren, wenn Risiken bereits manifest sind.
Der theoretische Rahmen basiert auf den fünf Dimensionen des Big-Five-Modells: Extraversion beschreibt die Tendenz zu Geselligkeit und Aktivität, Agreeableness die Ausprägung von Kooperation und Mitgefühl. Gewissenhaftigkeit umfasst unter anderem Organisation, Selbstdisziplin und Beharrlichkeit. Negative Emotionalität wird häufig als Neurotizismus verstanden und steht für eine Neigung, Stress und negative Stimmungslagen stärker zu erleben. Open-mindedness schließlich beschreibt Neugier und Offenheit für neue Erfahrungen. Das Entscheidende an der Studie: Die Forschenden betrachten nicht nur Einzelmessungen, sondern nutzen wiederholte Angaben über einen Zeitraum, um Muster zu erkennen, die im Durchschnitt über alle Teilnehmenden unscharf wirken würden.
Methodisch arbeiteten die Autorinnen und Autoren mit einem Datensatz, der erwachsene Bewohner Japans zwischen 2019 und 2023 begleitete. Insgesamt nahmen 14.271 Personen an der Untersuchung teil, wobei 2019 zunächst ein standardisiertes Big-Five-Persönlichkeitsinstrument ausgefüllt und außerdem demografische Informationen erhoben wurden – darunter Alter, Geschlecht und Haushaltsnettoeinkommen. Über die folgenden fünf Jahre gaben die Teilnehmenden ihre Trinkhäufigkeit auf einer achtstufigen Skala an, die von „nie“ bis „fast jeden Tag“ reichte. Für die Auswertung kam eine Latent-Class-Analyse zum Einsatz: Statt zu unterstellen, alle folgten einem gemeinsamen Durchschnittstrend, identifiziert die Methode „natürliche“ Untergruppen anhand wiederkehrender Reaktionsmuster. Die Analyse ergab vier Gruppen: ein größter Cluster mit etwa 27 % der Stichprobe, der sich durch Abstinenz oder sehr seltenes Trinken auszeichnet; daneben eine monatliche Gruppe mit knapp 24 %, eine wöchentliche mit rund 26 % und schließlich eine tägliche Gruppe mit ungefähr 23 %.
In der Gesamtbetrachtung blieben diese Trinkmuster über die fünf Jahre weitgehend stabil. Allerdings fiel nach 2020 eine leichte Abnahme der Trinkfrequenz in den monatlichen, wöchentlichen und täglichen Gruppen auf. Als plausibler Hintergrund wird die COVID-19-Pandemie beschrieben, weil sie soziale Routinen veränderte und den Zugang zu Bars und Restaurants einschränkte. Für die Interpretation ist das wichtig, denn es macht deutlich, wie sehr Umweltfaktoren die kurzfristige Entwicklung beeinflussen können, während die über lange Zeit „geprägten“ Verhaltenscluster offenbar eher zäh sind. Genau hier passt die Persönlichkeitserklärung hinein: Wer zu welchen Clustern gehört, lässt sich statistisch teilweise aus der Ausgangsausprägung der Big-Five-Merkmale vorhersagen – aber nicht in dem Sinne, dass Persönlichkeit automatisch die Ursache für Trinkverhalten liefert.
Bei der Zuordnung zu den höheren Trinkfrequenzgruppen zeigte sich ein konsistenter Effekt zugunsten von Extraversion: Höhere Werte sagten die Zugehörigkeit zu Gruppen mit häufigerem Konsum voraus. Das entspricht bisherigen Ergebnissen aus der Forschung, nach denen extrovertierte Menschen häufiger in soziale Situationen geraten, in denen Alkohol eine Rolle spielt. Gewissenhaftigkeit wirkte dagegen bremsend: Höhere Werte waren mit geringeren Chancen verbunden, in den mittleren monatlichen oder wöchentlichen Kategorien zu landen, wenn man sie mit der abstinenten Gruppe vergleicht. Die Autorinnen und Autoren führen das auf Facetten der Gewissenhaftigkeit zurück – etwa Ordnungsliebe oder Durchhaltevermögen –, die möglicherweise zwischen sporadischem Trinken und klarer eingebetteten Konsumroutinen unterscheiden. Ergänzend fanden sie, dass höhere Werte in Agreeableness und Open-mindedness eher mit der Zugehörigkeit zu den Zwischenclustern zusammenhingen, während negative Emotionalität (Neurotizismus) als einzige Big-Five-Dimension keinen statistisch signifikanten Zusammenhang mit der Clusterzuordnung zeigte.
Neben psychologischen Merkmalen spielten auch demografische Faktoren eine Rolle: Männer und Personen mit höherem Haushalts-einkommen hatten höhere Chancen, in die häufigeren Trinkgruppen zu fallen. Die Studie macht dabei aber zugleich deutlich, wie stark ihre Aussagen an die Datenqualität gebunden sind. So beruhte die Trinkhäufigkeit ausschließlich auf Selbstauskünften; die Befragungen erfassten weder die Trinkmenge pro Anlass noch die Intensität von Trinkepisoden. Das bedeutet, dass jemand, der täglich nur ein Getränk konsumiert, statistisch in derselben Häufigkeitskategorie landet wie eine Person, die jeden Tag deutlich mehr trinkt. Hinzu kommt: Die Datenerhebung fiel in die Pandemiezeit, und Beobachtungsdaten können nur Korrelationen, keine Ursachen belegen. Genauer heißt das: Als unvoreingenommene Risikoabschätzung taugen solche Ergebnisse eher, um Hypothesen zu schärfen und Zielgruppen zu priorisieren.
Für die Einordnung in den Markt- und Versorgungskontext ist auch relevant, dass frühzeitige medizinische Interventionen bei problematischem Trinkverhalten in Japan laut der Darstellung häufig nicht breit in der Primärversorgung verfügbar sind. Die Idee, Persönlichkeit als Indikator für Gruppen mit dauerhaft höherer Trinkfrequenz zu nutzen, zielt daher auf präzisere Präventionsstrategien. Gleichwohl bleibt der nächste Forschungsstep klar: Künftige Arbeiten sollten objektivere Messgrößen kombinieren, die sowohl Kontext als auch exakte Mengen erfassen, um aus „wie oft“ ein besseres Bild von „wie viel und wie riskant“ zu machen. Außerdem wäre ein Vergleich mit kulturell unterschiedlich geprägten Populationen nötig, weil Trinkgewohnheiten stark von lokalen Normen und politischen Rahmenbedingungen abhängen. Das Paper mit dem Titel „Infrequent, monthly, weekly, or daily? Big Five traits of longitudinal drinking-frequency profiles“ stammt von Matsuri Okamoto und Atsushi Oshio und liefert damit einen wichtigen Baustein für die Frage, wie stabil Persönlichkeitseffekte über die Zeit hinweg im Alltag sichtbar werden.
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