HANNOVER / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Fallstudie aus Hannover zeigt, wie Künstliche Intelligenz in der Praxis Wissen im Unternehmen konserviert: Chatbots übernehmen die Einarbeitung neuer Mitarbeitender, Teams nutzen Tablets für den Kundendienst. Gleichzeitig liefern Wachstumsmodelle aus der KI-Branche extrem hohe Zahlen für die USA. Ökonomen halten solche Spannen für plausibel, aber nur unter sehr strengen Annahmen zur Automatisierung und Produktivitätssteigerung. Entscheidend bleibt deshalb nicht nur das Modelltempo, sondern die Umsetzung entlang der gesamten „Kette“ aus Software, Organisation und Energieversorgung.

Die Diskussion über KI und Wachstum wirkt oft wie ein Rennen um die nächste Kennzahl. Doch gerade in Deutschland verschiebt sich der Blick schnell von der Frage „Wie intelligent sind die Modelle?“ hin zu „Wie lässt sich das neue Können in Prozesse übersetzen?“. Ein Beispiel liefert die Schädlingbekämpfung aus Hannover: Als Sina Schaper nach schwerer Erkrankung ihres Vaters die Leitung übernahm, ging es nicht zuerst um neue Tools, sondern um das über viele Jahre angesammelte Erfahrungswissen im Betrieb. Sie integrierte KI in die Unternehmensabläufe, sammelte damit implizites Wissen der Mitarbeitenden und machte daraus eine sofort nutzbare Unterstützung für die Praxis. Heute dient ein Chatbot etwa dem Einarbeiten neuer Kolleginnen und Kollegen, und im Kundendienst können Mitarbeitende mit einem iPad Fragen an das System stellen. Der „Schaper-Schliff“ beschreibt dabei weniger die Technik als das Ergebnis: Ein Qualitätsniveau, das sich auch dann liefern lässt, wenn Neueinsteiger ohnehin häufig Quereinsteiger sind.
Genau an dieser Schnittstelle setzt der Streit über die gesamtwirtschaftliche Wirkung an. Auf der einen Seite stehen optimistische Szenarien aus der KI-Wirtschaft, die in der Breite stark beschleunigtes Wachstum in Aussicht stellen. So hat der Chef von Anthropic in einem öffentlichen Statement eine Welt skizziert, in der KI der entwickelten Wirtschaft deutlich zweistelliges Wachstum bringt. Gleichzeitig wurden in einem Szenariopapier mehrere Pfade modelliert: In einem mittleren Verlauf sollen die USA mit mehr als fünf Prozent pro Jahr wachsen, in einem Extremfall mit mehr als 15 Prozent. Solche Größenordnungen sind nicht nur politisch und unternehmerisch „laut“, sie erzeugen auch die falsche Erwartung, dass Wachstum sich quasi automatisch aus dem Fortschritt der Modelle ergibt.
Das zentrale Gegenargument kommt aus der Volkswirtschaftslehre und lautet: Zwischen theoretisch möglicher KI-Leistung und tatsächlich messbarem Output liegt eine Kette aus Annahmen. Der Ökonom Anton Korinek, der die ökonomischen Auswirkungen der KI bei Anthropic mitbetreut, nennt drei Stellhebel: wie schnell die Fähigkeiten der KI zunehmen, wie stark sie in der Wirtschaft tatsächlich eingesetzt werden und wie groß der Produktivitätsgewinn bei einer konkreten Aufgabe im Durchschnitt ausfällt. In den Modellen taucht damit zwar ein Spektrum von „wenig bis viel Effekt“ auf, allerdings bleibt ausgerechnet die mögliche Schadensseite in den Szenarien weitgehend außen vor: Wenn KI auch zerstören kann, etwa über Cyberangriffe, dann verändert das die Netto-Wirkung auf die Wirtschaft. Außerdem melden andere Ökonomen Zweifel an der Realitätsnähe der zugrunde liegenden Automatisierungsraten. Für ein substanzielles Szenario müssten demnach ungefähr 20 Prozent der Aufgaben KI-gestützt werden, drei Viertel davon müssten automatisiert sein, und die KI müsste die Produktivität dieser Aufgaben um mehr als die Hälfte erhöhen. Für das Extrem wären sogar etwa 30 Prozent der Aufgaben im Einsatz, 90 Prozent davon automatisiert, und die Produktivitätssteigerung müsste sich im Kern verdoppeln.
Damit wird auch verständlich, warum „Silicon Valley“ allein das deutsche Wachstumsproblem nicht behebt. Ein Teil der Debatte dreht sich um den Unterschied zwischen disruptiven Tech-Erzählungen und dem konservativen Denken in marginalen Veränderungen. Der Ansatz von Analysten aus der Wirtschaftswissenschaft fragt: Selbst wenn KI neue Möglichkeiten eröffnet, bleibt Wachstum an Engpässen gebunden – etwa bei Robotik, bei der Automatisierung auch physischer Arbeit, bei Akzeptanz und bei politischen Rahmenbedingungen. In den Modellen wird außerdem ein weiterer Punkt oft unterschätzt: KI kann zwar Tätigkeiten effizienter machen, aber sie sorgt nicht automatisch dafür, dass Menschen ihr Ausgabeverhalten „linear“ in die gleiche Richtung verschiebt. Die klassische Analogie funktioniert hier ähnlich wie bei technologischen Effizienzgewinnen in der Landwirtschaft: Wenn Lebensmittel günstiger werden, kaufen Menschen nicht zwangsläufig doppelt so viel, sondern verlagern den Konsum. Und selbst dort, wo KI menschliche Interaktion indirekt unterstützt, bleibt der Mensch häufig der limitierende Faktor – etwa in Bereichen, in denen Servicequalität unmittelbar aus persönlicher Bedienung oder echter künstlerischer Leistung entsteht.
Ein weiterer Hebel ist Tempo, und Tempo hängt nicht nur an Software, sondern an Infrastruktur. Künstliche Intelligenz kann zwar in vielen Fällen auch auf „gängigen“ Endgeräten laufen, aber ein nachhaltiger Ausbau erfordert Rechenzentren, leistungsfähige Chips und stabile Energieversorgung. Genau hier setzt die Skepsis an, dass sich die Verbreitung schneller einstellt als die gesellschaftlichen und genehmigungsrechtlichen Prozesse nachziehen können. Wenn Ben Moll darauf verweist, dass sich mit der Zeit vieles „gehen wird“, dann meint er im Kern: Die Wachstumskurve hängt vom schwächsten Glied in der Kette ab. Diese Logik wird durch Rechnungen von Charles Jones unterstrichen, wonach selbst bei enormen Softwaremöglichkeiten die langfristige Wachstumswirkung deutlich begrenzt bleiben kann, wenn man historische Automatisierungstrends als Orientierung nimmt. Aus Unternehmenssicht heißt das: Der Weg zur produktivitätswirksamen KI läuft nicht über das beste Modell allein, sondern über die Fähigkeit, neue Funktionen in bestehende Abläufe zu integrieren, Datenflüsse aufzubauen und Rollen im Betrieb real anzupassen.
Für Deutschland kommt hinzu, dass die Engpässe nicht nur technologischer Natur sind. Luis Garicano, der den organisatorischen und politischen Rahmen betont und selbst Erfahrung aus der europäischen Politik mitbringt, beschreibt die Flaschenhälse als zweigeteilt: Unternehmensorganisation und Politik. Unternehmensinterne Prozesse ändern sich oft langsam; zwischen einer grundlegenden Erfindung und messbaren Effekten in den Wachstumsdaten vergehen demnach Jahrzehnte. Zusätzlich prägen politökonomische Gleichgewichte den Handlungsspielraum: Wenn etwa bestimmte Tätigkeiten trotz existierender Technologie bis in Alltagsroutinen hinein „analog“ bleiben, sinkt die Geschwindigkeit, mit der Produktivitätsgewinne volkswirtschaftlich sichtbar werden. Garicano nennt als pragmatische Perspektive sogar einen Weg, der nicht zwangsläufig Spitzenmodelle selbst bauen muss: Ein Land könne auch zeitversetzt arbeiten, etwa mit offenen Modellen, solange dadurch Wettbewerb, Preisdruck und damit breite Nutzbarkeit erhalten bleiben.
Am Ende entscheidet nicht, ob das nächste KI-Modell gegenüber dem aktuellen noch einen Sprung macht, sondern was die nächste Umsetzungsrunde in der Fläche tatsächlich verändert. Ben Moll räumt zwar ein, dass KI-Fortschritte bei den Fähigkeiten der Modelle vermutlich kontinuierlich mehr oder weniger „richtig“ ausfallen, stellt aber die zweite Frage in den Mittelpunkt: Was bedeutet das konkret für den Rest der Wirtschaft? Wenn die realen Einsatzquoten und Automatisierungsspielräume kleiner sind als in den optimistischen KI-Szenarien, verschiebt sich die Wirkung von „plötzlich zehnmal so reich“ hin zu graduellen Effekten. Die Anthropic-Forscher um Anton Korinek werden deshalb in der eigenen Logik eher moderater: KI erhöht Produktivität zwar überall ein Stück, aber über Jahre summiert sich das eher in Zehntelprozentpunkten als in zweistelligen Wachstumsraten. Trotzdem kann das für Mittelständler relevant sein, weil selbst kleine Produktivitätsgewinne die Fähigkeit verbessern, Personalengpässe zu überbrücken und Servicequalität zu stabilisieren – genau wie bei Sina Schaper. Nach Jahren mit schwachem Wachstum ist schon ein moderater Schub in der Breite ein spürbarer Fortschritt.
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