WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Wien stellt zum Ende des Schuljahres 2025/26 die multiprofessionellen Teams an Pflichtschulen ein. Gleichzeitig soll ab dem Schuljahr 2026/27 der Bundes-Chancenbonus die zusätzliche psychosoziale Unterstützung absichern. Die Stadt nennt keinen abrupten Schnitt in der Versorgung, doch Kritiker sehen Lücken bei personeller Kontinuität und Versorgungssicherheit. Parallel baut Wien mit School Nurses und Pflegekräften ein medizinisch geprägtes Betreuungsnetz auf, während die Debatte um den psychosozialen Anteil weitergeht.

Die Stadt Wien bereitet eine grundlegende Umstrukturierung der psychosozialen Unterstützung an Pflichtschulen vor. Mit dem Ende des Schuljahres 2025/26 wird der Einsatz der bisherigen multiprofessionellen Teams eingestellt. Damit verschiebt sich nicht nur die Organisationsform der Hilfe, sondern auch der zeitliche Takt: Der Bundes-Chancenbonus greift erst ab dem Schuljahr 2026/27. Für betroffene Schülerinnen und Schüler sowie ihre Familien entsteht dadurch eine Übergangsphase, in der politische Entscheidungen über Finanzierung und Personalplanung unmittelbare Auswirkungen auf den Schulalltag haben können.
Wie das bisherige Modell in Zahlen funktioniert hat, zeigt sich an den Erhebungen zum Stichtag 27.6.2025. Von insgesamt 46 Beschäftigten waren 11 in Vollzeit und 35 in Teilzeit tätig; das entspricht einem Einsatzumfang von 34,5 Vollzeitäquivalenten. Ursprünglich wollte Wien ab Oktober 2024 17 multiprofessionelle Teams an 52 Schulstandorten aufbauen, um bis Ende 2026 rund 15.000 Kinder zu unterstützen. Anfang 2026 wirkte das Projekt zwar noch nicht wie ein vollständig abgeschlossenes Zielbild, doch die gemeldeten 46 Mitarbeitenden an 29 Standorten in drei Bezirken (34,5 Vollzeitäquivalente) machten deutlich, dass das Teamkonzept in der Fläche bereits Wirkung entfaltet hatte und nun wieder zurückgefahren wird.
Für den Systemwechsel setzt Wien auf das Modell des Bundes-Chancenbonus: Ab dem Schuljahr 2026/27 ist dafür ein jährliches Budget von 65 Mio. Euro vorgesehen. Ziel ist es, bundesweit bis zu 800 zusätzliche Vollzeitäquivalente an 400 Schulen zu schaffen; laut Planungen sollen davon 244 Volksschulen und 156 Mittelschulen profitieren. Rein rechnerisch betrifft das etwa 112.000 Schülerinnen und Schüler. In der politischen Kommunikation wird der Übergang als Maßnahme zur Vereinheitlichung und zur langfristigen Finanzierung beschrieben, allerdings bleibt die zeitliche Lücke bis zum Start des Bundesmodells ein Kernpunkt der Diskussion.
Genau daran entzündet sich der Widerstand. Die Kritik setzt dabei weniger am Prinzip „Bund finanziert“, sondern am Timing und an der personellen Substanz an: So wird von ÖVP-Seite die Entscheidung als verantwortungslos kritisiert. Harald Zierfuß verwies auf den Wegfall von 34 Vollzeitkräften und ordnete die Reduktion vor dem Hintergrund der vorhandenen Kapazitäten in der Schulsozialarbeit ein. Zum Vergleich nennt die Quelle Werte zur Situation an den öffentlichen Wiener Pflichtschulen: Am 1.10.2025 waren 74 Schulsozialarbeiter im Einsatz, was 58,19 Vollzeitäquivalenten entspricht. Insgesamt gibt es in Wien 469 Pflichtschulen; zusätzlich zeigt eine Anfragebeantwortung durch Abgeordnete Emmerling, dass im Vorjahr 58 Vollzeit-Schulsozialarbeiter tätig waren. Die Opposition argumentiert daraus, dass der Wegfall der zusätzlichen multiprofessionellen Teams die psychosoziale Basisversorgung schwächen könnte, bevor das Bundesmodell vollständig greift.
Wien versucht, die Umstellung parallel mit einem anderen Personalstrang abzufedern: den sogenannten School Nurses. Bis November 2026 sollen insgesamt 40 School Nurses an 37 Schulstandorten im Dienst sein. Die Ausbildung für dieses spezialisierte Personal wurde bereits in zwei Tranchen abgeschlossen, deren Lehrgänge im November 2025 und im Mai 2026 endeten. Zusätzlich sind derzeit zehn diplomierte Pflegepersonen der MA 15 im Einsatz, mit Schwerpunktarbeit in sonderpädagogischen Zentren. Damit entsteht in der Betreuungslage zwar ein sichtbarer medizinischer Ausbau, der Schwerpunkt liegt jedoch auf konkreten Gesundheitsanforderungen wie chronischen Erkrankungen, etwa bei Allergien, Diabetes oder Epilepsie, und auf Aufgaben rund um Prävention und Sicherheit.
Technisch betrachtet ist das Modellwechseln in der Schule vor allem ein Übergang in der Schnittstellenlogik zwischen Berufsgruppen: Multiprofessionelle Teams zielten darauf ab, psychosoziale Herausforderungen direkt am Standort zu adressieren. School Nurses und Pflegekräfte decken dagegen stärker medizinisch-pflegerische Bedarfe ab, inklusive Erster Hilfe, Begleitung bei Schulausflügen und Präventionsarbeit. Das kann Entlastung schaffen, wenn gesundheitliche Themen im Schulalltag eine klare Koordination brauchen, ersetzt aber nicht automatisch die psychosoziale Begleitung, die in der bisherigen Teamstruktur verankert war. Genau deshalb bleibt die Frage nach Versorgungssicherheit und personeller Kontinuität nach dem Auslaufen der Teams ein zentrales Thema der Wiener Bildungspolitik.
Für die Praxis bedeutet die Umstellung vor allem organisatorische Klarheit in der Übergangszeit: Eltern brauchen verlässliche Ansprechpartner, damit nicht erst bei akuten Problemen die Zuständigkeit geklärt werden muss. Gleichzeitig verschiebt sich die Planungslogik in Richtung Bundesrahmen, in dem zusätzliche Stellen über das Chancenbonus-Programm an Schulen kommen sollen. Während die Stadt keinen abrupten Schnitt in der Versorgung ankündigt, zeigt die Abfolge Ende 2025/26 bis Start 2026/27, wie eng Personal- und Budgetzyklen miteinander gekoppelt sind. Unabhängig davon, wie gut das Zusammenspiel zwischen psychosozialer Unterstützung und medizinischer Begleitung im Zielbild funktioniert, wird die Qualität in der Umsetzung an der Frage gemessen werden, ob die Übergangsphase in den Schulen tatsächlich „abgefedert“ wird – und ob die neu aufgesetzten Strukturen in der Fläche so ankommen, wie es die Zahlen im Papier versprechen.
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