LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie ordnet problematische Liebesdynamiken entlang eines Spektrums ein statt sie als binäre Störung zu betrachten. Klinisch betroffene Personen berichten stärkere Beziehungspanik und ein höheres Maß an Bindungsangst als Menschen, die „nur“ ein Risiko zeigen. Gleichzeitig zeigen beide Gruppen ähnliche Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation und im Selbstbild. Entscheidend für die Schwere scheint vor allem die Kombination aus intensiver Trennungsangst und starkem Bedürfnis nach Zusicherung zu sein.

In der Praxis der psychologischen Diagnostik führt eine scheinbar alltägliche Frage oft zu großen Herausforderungen: Ab wann ist intensive romantische Bindung problematisch – und wann entwickelt sich daraus eine ernsthafte, behandlungsbedürftige Liebesabhängigkeit? Neue Ergebnisse aus dem Umfeld einer klinisch-psychologischen Forschung betonen genau diese Trennlinie. Statt Love Addiction als klar abgrenzbare Kategorie zu behandeln, argumentieren die Autorinnen und Autoren für ein Spektrum, in dem emotionale Unsicherheit und Bindungsangst mit zunehmender Schwere deutlich ansteigen. Für Betroffene und Behandler ist das relevant, weil es die Blickrichtung verschiebt: Nicht nur das beobachtbare „Kleben“ an der Beziehung zählt, sondern vor allem die psychologischen Mechanismen dahinter.
Das Grundmodell setzt bei einer zentralen Beschreibung an: Liebesabhängigkeit ist ein Muster aus zwanghaftem Suchen nach Nähe und abhängiger Involvierung in einer romantischen Beziehung. Im Alltag kann das bedeuten, dass Bestätigung, Beruhigung und Kontakt zum Partner zur absoluten Priorität werden und andere Lebensbereiche – Freundschaften, Arbeit, eigene Interessen – in den Hintergrund rücken. Neu an der Argumentation ist weniger die Alltagsnähe der Beschreibung, sondern die Systematisierung: Die Studie unterscheidet Personen ohne Risiko, Personen mit Risiko anhand von Selbstberichten sowie klinisch behandelte Patientinnen und Patienten. Damit lässt sich prüfen, ob psychologische Merkmale stufenweise „mitwachsen“ oder ob bestimmte Faktoren erst im klinischen Bereich relevant werden.
Technisch-methodisch setzen die Forschenden auf einen „bottom-up“-Zugang. Hintergrund: Für Love Addiction existieren aktuell keine standardisierten diagnostischen Kriterien, die direkt in etablierten psychiatrischen Handbüchern verankert wären. Entsprechend wäre ein Vorgehen, bei dem Teilnehmende in starre Diagnoseboxen gepresst werden, wenig robust. Stattdessen messen die Autorinnen und Autoren emotionale, personale und relationale Dimensionen so, wie sie in der Realität vorkommen. Dazu gehörten Skalen zur Emotionsregulation, zur Persönlichkeit bzw. zum Selbstbild (u. a. Identität, Selbststeuerung, Empathiefähigkeit und Intimitätsfähigkeit) sowie relationale Variablen wie Bindungsangst. Der Vergleich zwischen den Gruppen zeigt dann, welche Ebenen eher „ähnlich“ bleiben und welche sich tatsächlich zur klinischen Schwere hin abheben.
Die Studie bezieht Daten von 152 Erwachsenen in Italien mit einem Durchschnittsalter von etwa 33 Jahren. 70 Teilnehmende bildeten die Gruppe ohne Risiko. 53 Personen wurden als risikobehaftet eingestuft, weil ihre Werte in einem Fragebogen zu Sucht-ähnlichen Verhaltensmustern hoch waren – etwa wenn sich „Entzugssymptome“ zeigen, sobald der Kontakt zum Partner fehlt, oder wenn Beziehungskonflikte den Alltag stark beeinträchtigen. Die klinische Gruppe umfasste 29 Personen, die wegen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit Love Addiction aktiv in Behandlung waren, so wie es Fachleute in der jeweiligen Versorgungssituation feststellten. Alle Teilnehmenden beantworteten eine Batterie an Fragebögen; für die Auswertung kontrollierten die Forschenden zusätzlich Alter und Geschlecht, um demographische Verzerrungen zu reduzieren.
Beim Vergleich der Ergebnisse fällt eine differenzierte Musterbildung auf: Sowohl die risikobehaftete als auch die klinische Gruppe berichten deutlich mehr Schwierigkeiten beim Umgang mit negativen Emotionen als die Nicht-Risiko-Gruppe. Auch beim Persönlichkeitsprofil zeigen sich im Schnitt größere Beeinträchtigungen im Selbstgefühl und in zwischenmenschlichen Aspekten, ebenfalls im Vergleich zur Gruppe ohne Risiko. Entscheidend ist jedoch, dass sich zwischen risikobehafteten Personen und klinisch behandelten Patientinnen und Patienten in allgemeinen Bereichen der Emotionsregulation und der Persönlichkeitsfunktion keine statistisch signifikanten Unterschiede zeigen. Aus dieser Konstellation folgt eine wichtige Lesart: Bestimmte Vulnerabilitäten sind bereits im Risikobereich klar vorhanden – die klinische Zuspitzung scheint eher an anderer Stelle zu entstehen.
Genau dort setzt der Hauptbefund an. In den relationalen Maßen verschlechterte sich das Bild stufenweise entlang der drei Gruppen. Die Bindungsangst nahm messbar in Abhängigkeit von der Schwere der Liebesabhängigkeit zu: Die Nicht-Risiko-Gruppe zeigte die niedrigsten Werte, die Risikogruppe lag dazwischen, und die klinische Gruppe erzielte die höchsten Werte. Das spricht dafür, dass eine intensive Angst vor dem Verlassenwerden und ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Zusicherung besonders charakteristische Marker für die schwerere, klinisch relevante Form sind. Dazu passt auch der Aussagekern aus dem Interview mit Patrizia Velotti, Direktorin des Emotions, Regulation and Relationships LAB und Professorin für klinische Psychologie an der Sapienza University of Rome:
„Love Addiction is increasingly discussed both clinically and in the general public, but there is still considerable debate about what it actually represents, “ betont sie. Weiter ergänzt sie: „Rather than assuming from the outset that it is simply a behavioral addiction, we wanted to examine the psychological processes associated with it from a bottom-up perspective, looking simultaneously at emotion regulation, personality functioning, and relational processes.“ Gerade diese Gleichzeitigkeit wird in den Daten sichtbar – mit dem Unterschied, dass die Emotions- und Persönlichkeitsdimensionen eher parallel zum Risiko anziehen, während die relationale Zuspitzung besonders deutlich Richtung Klinik verläuft.
Velotti ordnet die Befunde auch gegen den möglichen Missverständnisrahmen ab. Sie warnt davor, die Ergebnisse als Beleg zu lesen, dass intensive romantische Bindung an sich bereits pathologisch ist. „The construct remains debated, and our results are better understood as evidence for a dimensional and relational pattern of difficulties rather than for a discrete disorder, “ so der Tenor. Damit steigt der Nutzen für die Praxis: Statt eine einzelne Schwelle zu suchen, können Therapiekonzepte stärker daran ausgerichtet werden, wie Menschen ihre Gefühle innerhalb der Beziehung verarbeiten. Die Studie zeigt zudem, dass sowohl Risikopersonen als auch klinisch Betroffene in der Beziehung weniger klare Wahrnehmung und weniger Bewusstheit für die eigenen Emotionen berichten als die Nicht-Risiko-Gruppe. Genau diese emotionale „Unschärfe“ könnte erklären helfen, warum Zusicherung und Nähe kompensatorisch immer stärker werden – selbst wenn daraus langfristig Leidensdruck entsteht.
Gleichzeitig bleiben Limitationen, die man bei der Übertragung in Diagnostik und Versorgung nicht unterschätzen sollte. Die klinische Stichprobe war mit 29 Patientinnen und Patienten relativ klein, wodurch sich die Generalisierbarkeit einschränken kann. Zudem waren die Teilnehmenden überwiegend weiblich; dadurch bildet die Studie möglicherweise nicht alle Dynamiken ab, die bei Männern auftreten. Und weil die Untersuchung zu einem Zeitpunkt erhoben wurde, kann sie keine klare Kausalrichtung liefern: Ob Bindungsangst Love Addiction verstärkt oder ob die Entwicklung der Abhängigkeit die Bindungsangst nach oben treibt, bleibt offen. Für die nächste Forschungsphase liegt daher eine klare Agenda auf der Hand: Längsschnittstudien, die Veränderungen über Zeit verfolgen und die psychologischen Pfade von Bindung, Emotionsregulation und Beziehungsmustern genauer auseinandernehmen.
Für Unternehmen und Beratungsstellen mit Fokus auf psychische Gesundheit oder Mitarbeiterunterstützung liegt ein praktischer Mehrwert ebenfalls auf der Hand: Die Ergebnisse liefern ein Modell, das sich besser in Prävention übersetzen lässt als eine reine „Symptomliste“. Wenn klinische Schwere besonders mit Bindungsangst und Trennungsfurcht zusammenhängt, sollten Screening- und Interventionsangebote weniger nur auf den sichtbaren Beziehungsstress schauen, sondern gezielt auf emotionale Verarbeitung und das Bedürfnis nach externer Beruhigung. Die neue Veröffentlichung mit dem Titel Psychological and Psychopathological Features of Love Addiction: A Cross-Sectional Study wurde von Roberta Gabriella Cavalli, Arianna Teverini, Viviana Ferrà und Patrizia Velotti verfasst. Insgesamt stützt sie die zentrale These, dass Love Addiction als relationales Muster am besten verstanden wird – und dass die entscheidende Trennlinie weniger im „zu viel Lieben“ liegt als in der Art, wie Gefühle in romantischen Beziehungen reguliert und abgesichert werden.
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