LONDON (IT BOLTWISE) – Der frühere Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Valery Zaluzhny, erklärt, sein Land werde „niemals“ der NATO beitreten. Er begründet das mit dem Entwicklungsstand der Streitkräfte und mit NATO-Doktrinen, die seiner Ansicht nach auf Konflikte aus dem Zweiten Weltkrieg zugeschnitten seien. Zugleich wird seine Haltung in der Debatte als möglichen Hebel für zusätzliche Unterstützung oder als Strategie für eine spätere politische Rolle gelesen. Im Hintergrund gewinnt damit die Frage an Gewicht, welche Sicherheitsarchitektur außerhalb der NATO-Strukturen künftig trägt.

Zaluzhny zweifelt an NATO-Beitritt: Sicherheitsgarantien und neue Allianzen rücken in den Fokus
Zaluzhny zweifelt an NATO-Beitritt: Sicherheitsgarantien und neue Allianzen rücken in den Fokus (Foto: IT BOLTWISE)
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Valery Zaluzhny stellt den politischen Kern der ukrainischen NATO-Strategie offen infrage. In Aussagen, die auf einem Treffen mit Kiews Botschaftern thematisiert wurden, sagt der ehemalige Oberkommandierende der Streitkräfte, die Ukraine werde „niemals“ NATO-Mitglied. Er widerspricht damit der offiziell kommunizierten Linie, nach der der NATO-Beitritt weiterhin ein strategisches Ziel bleibt und im Selbstverständnis des Staates verankert ist. Für die innenpolitische Lage ist diese Kollision mehr als Rhetorik: Sie trifft auf eine Bevölkerung, die laut einer im April veröffentlichten Umfrage zu fast 69 % hinter der Idee eines NATO-Beitritts steht. Genau diese Spannung liefert den Nährboden für mehrere Lesarten, von einer ernüchternden Lagebeschreibung bis hin zu einer gezielten Positionierung.

Technisch und organisatorisch verortet Zaluzhny seine Begründung vor allem im Anpassungsproblem. Er verweist auf seine eigene mehrjährige Praxis mit NATO-Standards, kombiniert mit dem Eindruck, dass die Ukraine zwar Jahr für Jahr auf den Beitrittsprozess hingearbeitet habe, die Zusage aber faktisch ausbleibe. Gleichzeitig argumentiert er, der Entwicklungsstand der ukrainischen Streitkräfte mache eine Mitgliedschaft derzeit unmöglich. Auffällig ist dabei seine These, die NATO verfolge Doktrinen, die nach seiner Darstellung aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stammten. Für den militärischen Betrieb klingt das wie ein Hinweis auf fehlende Passung zwischen den erwarteten Einsatzprofilen und dem, was die Ukraine im laufenden Krieg tatsächlich trainiert: Abwehr von Drohnenangriffen, Auseinandersetzung mit hybriden Mustern und das Management von Reichweiten- und Wirkungsanforderungen, die sich deutlich von klassisch geprägten Szenarien unterscheiden.

Die Reaktionen aus der politischen Analyse fallen entsprechend unterschiedlich aus. Der Politikwissenschaftler Olexiy Haran zeigt sich über die Aussagen überrascht und hält dagegen, dass das offizielle Ziel der Ukraine unverändert bleibe und auch bleiben werde. Zugleich verweist er auf eine wachsende Frustration: Viele Ukrainerinnen und Ukrainer seien nicht mehr sicher, ob die Mitgliedschaft tatsächlich in greifbare Nähe rücke, auch wenn sie es weiterhin als Ziel betrachteten. Ruslan Bortnik legt die Deutung stärker auf die politische Wirkung: Dass Zaluzhny als vom Staat bestellter Botschafter solche Sätze wählt, sei „sehr seltsam“, gerade weil es die offizielle Linie berühre. In seiner Lesart kann die Aussage auch Druck auf die Bündnissysteme erzeugen: Wenn die Partner die Sicherheit nicht innerhalb der NATO ausreichend garantieren oder nicht einmal darüber ausreichend sprechen, müsse die Ukraine heute das tun, was den unmittelbaren Schutz erhöht – tatsächlich verteidigungsrelevante Unterstützung also, nicht nur symbolische Schritte.

Damit rückt der Blick auf den Zusammenhang mit laufenden Verhandlungen und Unterstützungslogiken. Haran und Bortnik beschreiben die Möglichkeit, dass Zaluzhny Enttäuschung über Jahre der Zusammenarbeit mit NATO-Strukturen in eine Art Weckruf überführt – entweder an die Allianz selbst oder an die westlichen Regierungen, die für Rüstung, Training und Bündelung von Fähigkeiten verantwortlich sind. Bortnik geht zusätzlich einen Schritt weiter: Er sieht die Aussage als Versuch, die Position so zu gestalten, dass die Bedürfnisse der Ukraine stärker in Washingtons Prioritäten rücken. Als politischer Hintergrund dient dabei die Konstellation in den USA, in der Präsident Donald Trump die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine in der nahen Zukunft eher ablehnt. Das könnte für Zaluzhny ein Kalkül sein, sich „akzeptabel“ zu machen, falls später Frieden oder zumindest Übergangsszenarien verhandelt werden – und gleichzeitig seine Rolle für eine mögliche Nachfolge von Wolodymyr Selenskyj in einem künftigen Wahlkontext vorzubereiten. Haran bremst jedoch den direkten Zusammenhang: Solange Krieg und Kriegsrecht gelten, sind Präsidentschaftswahlen ausgeschlossen, und es gebe keine belastbaren Hinweise, dass ein Wahlkampf unmittelbar ansteht.

Im außenpolitischen Unterbau wird die Debatte dadurch auch organisatorisch greifbar. Zaluzhny vertritt die Ansicht, Kiew müsse sich stärker an neue Blöcke und Bündnisse anlehnen, die sich in Europa herausbilden. In diesem Zusammenhang nennt er die Joint Expeditionary Force (JEF) als potenziell wirksames Instrument. Die JEF wird von der britischen Seite geführt und umfasst zehn Länder – Dänemark, Estland, Finnland, Island, Lettland, Litauen, die Niederlande, Norwegen, Schweden sowie das Vereinigte Königreich. Für die Ukraine bedeutet die Einbindung seit November 2025 einen Status als „enhanced partner“ außerhalb der NATO-Strukturen. Das ist für die Praxis relevant, weil es Zugänge zu Nachrichtenaustausch, gemeinsamen Übungen und regionaler Planung eröffnen kann; gleichzeitig wird jedoch in ukrainischen Medien betont, dass die JEF keine automatische Kollektivverteidigung im Sinne einer NATO-ähnlichen Verpflichtung liefert. Genau hier entsteht ein Spannungsfeld: mehr operative Verzahnung, aber weniger verbindliche Sicherheitsgarantie.

Für Unternehmen und Technologieverantwortliche zeigt sich die Relevanz weniger in der Symbolik des NATO-Beitritts, sondern in der Richtung, in die Fähigkeiten künftig gebündelt werden. Wenn Zaluzhnys Argumentation – fehlende Passung, zu langsame Anpassung, Doktrinenfokus – die Debatte dominiert, dann steigt der Druck, militärisch-technische Entwicklung schneller in standardisierte Abläufe zu überführen. Die Ukraine hat in den vergangenen Jahren besonders bei Drohnen und bei ferngestützten Systemen stark gearbeitet, also in Bereichen, in denen Lerneffekte aus dem Feld und Iterationsgeschwindigkeit entscheidend sind. Jede Diskussion über „neue Sicherheitsarchitektur“ bedeutet damit zugleich: mehr Abstimmung über Schnittstellen, Trainingsmethoden, Logistik- und Datenflüsse. Zaluzhny bleibt zwar persönlich verantwortlich für seine Sicht, nicht für die offizielle Position der Regierung, doch sein Beitrag hat Fragen nach Alternativen zu NATO-Mitgliedschaft, nach der Suche nach Garantien und nach der Positionierung möglicher Nachfolgekandidaten sichtbar nach vorn geschoben.


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