DORTMUND/BÜNDE – Wer ab Januar Zigarren oder Zigarillos kauft, könnte spürbar tiefer in die Tasche greifen. Bei einer Umsetzung eines Vorhabens aus den Koalitionsfraktionen würden laut Branchenverband deutlich mehr Steuern anfallen. Der Geschäftsführer des Bundesverbandes der Zigarrenindustrie, Bodo Mehrlein, rechnet mit einem Preisschub von 50 bis 60 Prozent. Besonders Fachhändler und Beschäftigte in einer Nischenbranche sehen dem Bericht zufolge einem harten Nachfrageeinbruch entgegen.

Ab Januar könnte sich die Preislandschaft für Zigarren und Zigarillos in Deutschland deutlich verschieben. Hintergrund ist ein mögliches Vorhaben der Koalitionsfraktionen im Bundestag, das nach Angaben des Bundesverbandes der Zigarrenindustrie zu erheblich höheren Steuern führen könnte. Auf der Fachmesse Intertabac in Dortmund warnte der Geschäftsführer Bodo Mehrlein davor, dass daraus keine moderaten Anpassungen werden, sondern ein starker Impuls für höhere Endkundenpreise. In der Logik des Tabaksteuerrechts ist genau das der entscheidende Punkt: Steueränderungen wirken nicht als Randkorrektur, sondern landen unmittelbar im Produktpreis, weil sie als Bestandteil der Bemessungsgrundlage ausgestaltet sind.
Mehrlein nennt als Größenordnung eine Spanne von 50 bis 60 Prozent bei den Preisen. Besonders anschaulich macht er die Wirkung an einem konkreten Beispiel: Kostet eine beispielhafte Zigarre derzeit 10 Euro, könnten es bei einer Steueranpassung „vielleicht 16 Euro“ werden. Diese Relation ist technisch vor allem deshalb relevant, weil sie zeigt, dass selbst bei gleichbleibender Vertriebsmarge und unveränderten Herstellungskosten der Kaufpreis in einem Schritt nach oben wandert. Bei einer Branche, die stark über Markenwert, Sortimentsdichte und Verfügbarkeit im Fachhandel gesteuert wird, kann so eine Preisschwelle schnell zur psychologischen Barriere werden. Wenn die Einstiegshürde steigt, verschiebt sich das Nachfrageverhalten häufig in Richtung seltenerer Käufe oder stärkerer Ausweichreaktionen.
Die Sorge aus der Branche speist sich dabei nicht nur aus abstrakter Angst vor höheren Preisen. Laut Mehrlein kämpft die deutsche Zigarrenindustrie aktuell ohnehin bereits mit schwächelnder Nachfrage, verstärkt durch eine ungünstige Wirtschaftslage und steigende Alltagskosten. Als Treiber nennt er unter anderem hohe Spritpreise an der Zapfsäule. Der Effekt wird damit zweistufig beschrieben: Zuerst drücken Kostenanstiege die Kaufkraft, dann verstärkt ein möglicher Steuer-Schub diesen Druck. In der Konsequenz könnten sich Verbraucher an anderer Stelle einschränken und dann eben auch auf die Packung Zigarillos oder die „gute Zigarre“ verzichten, so die Argumentation des Verbandes.
Auch die Struktur der Branche macht die potenziellen Auswirkungen konkret. In Deutschland gibt es den Verbandsangaben zufolge sieben Firmen, die Zigarren herstellen; vier davon sitzen in Bünde, eine in Minden-Lübbecke (NRW). Ergänzt werden diese Produzenten durch 15 Importeure, die Ware aus dem Ausland in Deutschland vermarkten. Insgesamt werden für die Branche etwa 1.640 Beschäftigte genannt. Die Produktions- und Lieferkette ist dabei stark international ausgerichtet: Der Tabak der hierzulande hergestellten Zigarren und Zigarillos komme größtenteils aus Lateinamerika und Indonesien. Damit hängt die Kostenbasis zwar auch von Transport- und Rohstofffaktoren ab, die Steueränderung wäre aber ein inländischer Hebel, der unabhängig davon sofort auf den Endverbraucherpreis durchschlägt.
Für das Arbeitsmarkt- und Händler-Setup wird es aus Sicht der Branche besonders kritisch. Mehrlein verweist auf den Umfang des Absatzes: Pro Jahr würden in Deutschland rund zwei Milliarden Zigarillos und Zigarren verkauft; beide Produkte fallen laut den Angaben in dieselbe Steuerkategorie, daher unterscheidet der Staat nicht zwischen ihnen. Entscheidend ist, dass bei einer Preiserhöhung der Umsatz nicht automatisch proportional mitwächst, sondern die Menge sinken kann. Genau darauf zielt Mehrlein ab, wenn er sagt, der Verlust von Arbeitsplätzen wäre wohl unvermeidlich, sollte das Koalitionsvorhaben nicht wesentlich abgeschwächt werden. Zusätzlich nennt er rund 500 Fachgeschäfte, die Zigarren und Zigarillos verkaufen, und beschreibt als Risiko einen „Kipp-Punkt“: Wird die Ware preislich so teuer, dass die Nachfrage rapide einbricht, kann das die Branche nach unten reißen.
Für Marktbeobachter liegt in der Debatte weniger die Frage, ob Steuern wirken, sondern wie schnell und wie stark sich Nachfragekurven verschieben. Bei Konsumgütern mit einem gewissen Anteil „diskretionärer“ Käufe reagieren viele Kundensegmente empfindlich auf Preisänderungen, vor allem wenn zugleich die Stimmungslage durch gesamtwirtschaftliche Faktoren gedämpft ist. Zudem entsteht für Händler ein kurzfristiger Liquiditätseffekt, wenn Käufer Käufe vorziehen oder Lagerbestände kurzfristig umgeschichtet werden. Unternehmen in der Lieferkette stehen dann vor der Wahl, die Auswirkungen über Sortimentspolitik, Staffelpreise oder Absatzkanäle abzufedern – oder aber die Nachfrageverluste in Kauf zu nehmen. Ob sich im politischen Prozess am Ende tatsächlich eine harte Ausgestaltung durchsetzt, bleibt daher der zentrale Unsicherheitsfaktor: Nicht jede Steuererhöhung führt automatisch zu derselben Nachfrageelastizität, aber die Richtung und die Größenordnung, die Mehrlein nennt, würden das Risiko für Preisdruck und Umsatzrückgänge deutlich erhöhen.
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