LONDON (IT BOLTWISE) – Eine staatlich unterstützte Spionagekampagne nutzte einen damals unbekannten Fehler im Zimbra-Webmail-Client, um über bösartige E-Mails Zugriff auf Postfächer zu bekommen. Die Methode erfordert offenbar nur das Anzeigen der Nachricht, weil der Schadcode beim Rendern im eingeloggten Session-Kontext läuft. Betroffen sind insbesondere Zimbra Collaboration 10.0 bis zu bestimmten Patchständen sowie 10.1-Versionen vor einem späteren Fix. Entscheidend für Verteidiger: Das Update stoppt das nächste Ausnutzen, widerruft aber nicht automatisch, was der letzte Payload bereits aus den Konten gezogen hat.

Zimbra-Classic-Web-Client: Zimbra-Zero-Day CVE-2025-66376 ermöglicht Mail-Diebstahl und 2FA-Scratch-Codes
Zimbra-Classic-Web-Client: Zimbra-Zero-Day CVE-2025-66376 ermöglicht Mail-Diebstahl und 2FA-Scratch-Codes (Foto: IT BOLTWISE)
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Eine im Detail beschriebene Kampagne zeigt, wie robust sich Angriffe auf den „letzten Meilen“-Zugriff in Unternehmenspostfächern auswirken können: Ein russisch verknüpfter Spionageverbund las über Monate hinweg West-E-Mails in Zimbra-Webmail, indem er eine Schwachstelle ausnutzte, die zum Zeitpunkt der ersten Angriffe noch nicht öffentlich bekannt war. Zentral ist die Technik „view-based exploit“: Laut dem von mehreren Behörden veröffentlichten Advisory genügt das bloße Öffnen bzw. Anzeigen einer präparierten Nachricht im betroffenen Webclient. Damit wird der klassische Sicherheitsreflex („Kein Klick, keine Ausführung“) zumindest in diesem Szenario durchbrochen, weil die Payload direkt im Rendering-Kontext der eingeloggten Session anspringt.

Technisch verortet sich der Angriff im Stored-XSS-Umfeld der Zimbra-Classic-UI. Die Schwachstelle trägt die Kennung CVE-2025-66376 und nutzt eine stored cross-site scripting Lücke im Classic UI Webmail-Client. Ein präpariertes HTML-E-Mail-Format missbraucht die Art, wie CSS über @import verarbeitet wird, um innerhalb einer authentifizierten Webmail-Session JavaScript auszuführen. Auffällig ist dabei der Widerspruch in der Bewertung: Während die NVD-Charakterisierung das erforderliche User-Interaction-Moment als gegeben ansieht (CVSS 6,1), kommt die MITRE-Logik auf einen höheren Wert (CVSS 7,2) und gewichtet die Interaktionsannahme anders; die Sicherheitsforschung ordnet das Verhalten als „zero-click“ ein, weil beim Rendern der Nachricht bereits Code ausgeführt wird und sonst keine zusätzliche Aktion notwendig ist.

Die betroffenen Zimbra-Builds sind dabei relativ klar eingegrenzt: Zimbra Collaboration 10.0 ist vor 10.0.18 verwundbar, Zimbra 10.1 vor 10.1.13. Zimbra schloss die Lücke am 6. November 2025. Später nahm CISA die Schwachstelle am 18. März 2026 in das Known Exploited Vulnerabilities-Verzeichnis auf, was in der Praxis regelmäßig als Hinweis dient, dass reale Ausnutzung stattgefunden hat oder weiterhin möglich ist. Sicherheitsanbieter wie Unit 42 und Proofpoint ordnen die Ausnutzungsdauer ebenfalls ein: Proofpoint beschreibt, dass der Exploit zumindest fünf Monate lang als unbekannte Schwachstelle aktiv war, bevor der Fix existierte.

Für Defender ist der wichtigste Punkt jedoch nicht nur die Patch-Historie, sondern der „Credential Persistence“-Effekt nach einem Update. Ein Patch schließt das Fenster, stoppt aber nicht rückwirkend das, was der Payload bereits erfolgreich aus einer Session herausgezogen hat. Proofpoint und Unit 42 berichten, dass die Angreifer gezielt Postfachbereiche der letzten rund 90 Tage angegriffen haben und darüber hinaus die im Browser gespeicherten Passwörter sowie 2FA-Recovery-Codes mitgezogen wurden. Dabei kam offenbar eine in den Zimbra-Web-APIs verankerte Kette zum Einsatz: Die Payload stiehlt zunächst Tokens und Metadaten über interne Endpunkte, zieht dann auch Scratch-Codes für die Zwei-Faktor-Erstellung und exfiltriert anschließend über DNS-Anfragen. Zusätzlich wird die Global Address List abgefragt, indem der Angreifer systematisch Zwei-Zeichen-Kombinationen ausprobiert, bis die Liste vollständig zurückkommt; abschließend wird ein Archiv der E-Mail-Historie im Umfeld der 90 Tage als TGZ weitergereicht.

Wie genau die Ausführung trotz Sanitizer gelingt, beschreibt die Analyse ebenfalls: Die Forschenden sprechen von „tag-splitting“, also dem Zerlegen von HTML/SVG-Tags in Fragmente, die der Zimbra-Sanitizer offenbar nicht als ausführbares Markup erkennt. Im beschriebenen Muster wird ein SVG onload-Fragment in einer display: none-div „versteckt“, dann werden die relevanten Teile mit manipulierten @import-Direktiven und HTML-Kommentaren auseinandergezogen. Übrig bleibt beim Zusammenfügen im Browser dann ein wieder erkennbares Konstrukt wie < svg onload=eval(atob(...))> , das der Browser letztlich ausführt. Proofpoint ordnet den JavaScript-Teil dabei als ZimReaper ein; die Forscher zählen außerdem mehrere Command-and-Control-Infrastruktur-Komponenten, wobei Unit 42 mindestens neun C2-IP-Adressen und neun Domains nennt, mit einer durchschnittlichen Live-Dauer pro Server von 35,4 Tagen.

Auch die Reaktionsempfehlungen lassen sich daraus ableiten, weil das Update die Kontenprüfung nicht ersetzt. Zimbra 10.0 ging laut Angaben am 31. Dezember 2025 in den End-of-Life-Bereich, wodurch 10.0.18 als „Notlösung“ statt als Ziel gelten muss; als aktuelle Basis wird 10.1.20 genannt, das am 20. Juli 2026 verfügbar war und weitere gespeicherte XSS-Lücken im Classic Web Client adressiert. Entscheidend ist zudem die Konto-Forensik: Nach einem kompromittierten Rendering sollten betroffene Mailboxen als potenziell durchgehend gefährdet behandelt werden, also Passwörter zurückgesetzt, aktive Sessions invalidiert und 2FA-Recovery-Scratch-Codes regeneriert werden. Proofpoint verweist außerdem auf technische Suchpunkte wie Audit-Log-Einträge zu CreateAppSpecificPassword und die Prüfung auf einen app-spezifischen Passwort-Namen (genannt wird „ZimbraWeb“), der IMAP/POP3/SMTP-Zugriff ohne erneute 2FA ermöglichen kann; daneben sollen SOAP-Aufrufe auf GetScratchCodesRequest und DNS-Traffic auf bekannte C2-Domains bzw. auf die charakteristisch langen Zufalls-Subdomain-Lookups auffällig sein.

Für das Lagebild ist abschließend relevant, dass die Telemetriedaten je nach Sichtweise unterschiedlich „laut“ sein können. Unit 42 beschreibt weiterhin aktives Targeting unpatchter ZCS-Instanzen, während Proofpoint seit Februar 2026 keine neuen Aktivitäten des Actors TA488 beobachtet haben will und das mit einer Disclosure-Kette sowie dem Rückbau eigener Infrastruktur erklärt. Welche Systeme und Institutionen ins Fadenkreuz gerieten, wird in der Veröffentlichung vor allem sektor- und regionsbezogen beschrieben: unter anderem Regierung, Verteidigung, Transport sowie Finanzinstitutionen in NATO-Ländern, Ukraine, den Commonwealth of Independent States und Teilen Afrikas; Proofpoint ergänzt zusätzlich US-bezogene Bereiche einschließlich wissenschaftlicher Einrichtungen und Elemente der Defense Industrial Base. Für Verteidiger bleibt die Schlussfolgerung deshalb klar: Patchen ist zwingend, aber erst die konsequente Konten- und Session-Härtung macht die Maßnahme in diesem Szenario vollständig wirksam.


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