BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Mehr als 100 Gründer und Manager fordern in einem offenen Brandbrief an Friedrich Merz einen Kurswechsel: weniger Bürokratie, schnellere Gründungen und neue Anreize für Investitionen. Im Zentrum stehen konkrete Hebel wie flexiblere Rahmenbedingungen für Top-Talente, Mitarbeiterbeteiligungen und die Frage, wie der Staat stärker als Nachfrager für Innovation auftreten kann. Zusätzlich verlangen sie den Aufbau eigener KI-Infrastruktur, um Abhängigkeiten von US-Konzernen zu reduzieren. Die Botschaft: Wenn Deutschland zögert, droht der Standort bei Zukunftsmärkten den Anschluss zu verlieren.

Mehr als 100 Gründer und Führungskräfte deutscher Tech-Unternehmen haben Friedrich Merz einen Brandbrief geschrieben – und dabei vor allem eines adressiert: Tempo. In der Argumentation der Unterzeichner wird deutlich, dass sich der Standortdruck nicht nur aus dem Alltag der Startup-Teams ergibt, sondern aus einer politisch-ökonomischen Gesamtkonstellation. Hohe Energiekosten, zähe Verwaltungswege und ein als zu schwerfällig beschriebener Rahmen für Kapital, Beteiligungen und Unternehmensgründungen treffen eine Branche, die im internationalen Wettbewerb in Wochen statt in Quartalen plant. Der Brief wirkt damit wie ein Weckruf aus dem Markt heraus: Deutschland müsse wieder für Gründer, Investoren und Talente attraktiv werden.
Initiiert wurde die Initiative vom Startup-Verband; zu den Unterzeichnern zählen laut Bericht Vertreter bekannter digitaler Unternehmen wie Flix, Zalando und Home24. Interessant ist die inhaltliche Breite: Sie reicht von Steuer- und Kapitalfragen bis zu konkreten Operativthemen wie „Gründen in 24 Stunden“. Damit verschiebt sich die Debatte weg von reinen Wohlklängen der Startup-Politik hin zu messbaren Prozess- und Implementierungsfragen. Denn selbst ein gutes Geschäftsidee-„Pitch“-Deck verliert an Wirkung, wenn Genehmigungen, Registereinträge oder wiederkehrende Berichtspflichten zu lange dauern. Gerade in Phasen, in denen Kapital knapp kalkuliert wird, entscheidet diese Zeitachse darüber, ob Wachstum finanziert werden kann.
Ein zentraler Forderungskomplex betrifft Investitionsanreize. Die Gründer plädieren dafür, dass Teile der Altersvorsorge künftig auch in junge Wachstumsunternehmen fließen dürfen – ein Hebel, der in der Logik von „mehr langfristiges Kapital“ argumentiert. Gleichzeitig soll der Zugang für große institutionelle Investoren erleichtert werden, etwa indem Banken, Versicherungen und Fonds leichter in Startups investieren können. In der Praxis bedeutet das regulatorische und strukturelle Änderungen: Produktdesign, Risikobewertung und Compliance-Anforderungen müssen so ausgestaltet sein, dass Investitionen nicht an formalen Hürden scheitern. Technisch und organisatorisch wären hierfür vor allem standardisierte Reporting- und Due-Diligence-Prozesse wichtig, um die Vergleichbarkeit und Prüfkosten zu senken.
Auf der Unternehmensseite knüpfen die Unterzeichner an Mitarbeiterbeteiligungen und Arbeitsflexibilität an. Sie fordern, dass Beschäftigte in Startups unkompliziert Anteile erhalten können, weil die heutige steuerliche Behandlung als zu kompliziert gilt. Ergänzend sollen Startups bei Top-Qualifikationen flexibler einstellen und bei Bedarf auch kündigen können. Diese Punkte sind weniger „Arbeitsmarktpolitik“ im abstrakten Sinn als vielmehr ein Engineering-Problem der Unternehmensführung: Wie lassen sich Anreizsysteme so gestalten, dass sie Talente binden, ohne dass rechtliche Unsicherheiten oder kurzfristige Kosten die Skalierung bremsen? Im internationalen Vergleich setzen etwa die USA oder das britische Ökosystem häufig früher auf employee equity als Standardmechanik – Deutschland müsste hier laut Branchenlogik die Reibung reduzieren, um nicht nur Kapital, sondern auch Humankapital schneller zu aktivieren.
Auch die staatliche Rolle wird konkret adressiert. Die Gründer wollen, dass die öffentliche Hand Startups stärker als Auftragnehmer auswählt und so Nachfrage schafft, statt Innovation nur über Förderprogramme indirekt zu begleiten. Das ist strategisch relevant: Öffentliche Beschaffung kann als „First Customer“ wirken, wenn Ausschreibungen nicht überproportional hohe Eintrittsbarrieren besitzen. Wettbewerbsanalysen zeigen, dass Standorte mit klaren, wiederholbaren Vergabekorridoren schneller Lernkurven für neue Anbieter ermöglichen. Ergänzend fordern die Unterzeichner ein Programm zur besseren Ausgründung aus Universität und Forschung, weil Labore zwar Ideen liefern, aber der Transfer in den Markt oft an Finanzierung, Risikoteilung und administrativen Hürden hängt. Historisch ist dieser Strukturbruch immer wieder aufgetreten: Zwischen Forschungsinteresse und Unternehmensrealität stehen häufig Fragen nach IP-Rechten, Geschäftsmodellen und Kapitaltraktion.
Besonders deutlich wird die Technologiekomponente, wenn es um „Eigene KI-Infrastruktur“ geht. Die Unterzeichner verlangen Server, Rechenkapazität und eigene KI-Modelle, um unabhängiger von US-Konzernen zu werden. Dahinter steckt eine reale Architekturentscheidung: Wer KI-Workloads betreibt, muss nicht nur Rechenzentren beschaffen, sondern auch Datenflüsse, Sicherheitskonzepte, Modell-Training, Inferenzkosten und Betriebskontrollen zusammenführen. Im Kern geht es um zwei Ebenen – Data Governance und Model Governance. Unternehmen brauchen klare Regeln für Datennutzung, Zugriff und Aufbewahrung, während gleichzeitig Fragen zu Modellqualität, Dokumentation und Risiken (z. B. Drift, Bias, Prompt-Missbrauch) operativ beherrscht werden müssen. Historisch gab es bereits Initiativen zu Rechenkapazität und Forschungsclouds; der Unterschied heute ist, dass der Markt immer stärker auf KI-Produktionsfähigkeit statt nur auf Forschungssprints achtet.
Gerade im Markt dürfte der Zeitpunkt nicht zufällig sein. Die Debatte über Reformen wird in dem Brief als über Jahre gewachsen beschrieben – von den Folgen der Corona-Pandemie über den Ukraine-Krieg bis zu neuen Handelskonflikten und dem Wettbewerb mit China. Dadurch entsteht ein mehrdimensionaler Kostendruck: Energie, Lieferketten und Finanzierung wirken gleichzeitig. Branchenbeobachter betonen, dass KI- und Softwareunternehmen besonders empfindlich auf „Time-to-Market“ reagieren, weil Wettbewerbsvorteile oft nur in einer begrenzten Phase skaliert werden können. Laut Experten aus dem Startup-Umfeld führt Bürokratie nicht nur zu verzögerten Gründungen, sondern erhöht auch die „Burn-Rate“ indirekt, weil Recruiting, Rechtsberatung und Compliance länger einkalkuliert werden müssen. Der Brief versucht daher, diese Effekte in Reformforderungen zu übersetzen.
Ein Vergleich mit anderen Ökosystemen verdeutlicht, warum gerade diese Stellhebel gewählt wurden. Viele erfolgreiche Regionen haben in den letzten Jahren entweder „Investment-Fahrpläne“ für Frühphasen etabliert oder die Unternehmensgründung so standardisiert, dass der formale Aufwand sinkt. UK, die USA und Teile Nordwesteuropas gelten hier als Referenzpunkte, weil sie Beteiligungsmodelle und Investorenstrukturen schneller in steuerlich/administrativ handhabbaren Bahnen abbilden. Deutschland wird in der aktuellen Argumentation nicht als „unfähig“, sondern als zu langsam beschrieben. Zudem nennt der Brief einen Sicherheits- und Unabhängigkeitsaspekt: Wenn KI-Systeme in hochsensiblen Unternehmens- und Verwaltungsprozessen eingesetzt werden, steigt der Bedarf an verlässlicher Kontrolle über Infrastruktur und Datenwege. Das betrifft nicht nur Datenschutz, sondern auch Lieferketten für Rechenleistung, Softwarekomponenten und Anbieterabhängigkeiten.
Aus regulatorischer Sicht berührt die Forderung nach schnellerer Gründung, flexibleren Kündigungsregeln und unkomplizierter Mitarbeiterbeteiligung mehrere Ebenen: Steuerrecht, Arbeitsrecht, Gesellschaftsrecht und Vollzugslogik in Behörden. Hier entsteht eine Herausforderung, die sich nicht wegoptimieren lässt: Reformen müssen sowohl Investorenvertrauen als auch Rechtssicherheit gewährleisten. Gleichzeitig ist Daten- und KI-Sicherheit in der Unternehmenspraxis ein Muss, insbesondere wenn KI-Infrastruktur aufgebaut wird, die mit Unternehmensdaten trainiert oder darauf zugreift. Unternehmen werden dafür voraussichtlich stärker dokumentationspflichtige Prozesse benötigen, etwa bei Zugriffskontrollen, Löschkonzepten, Rollen- und Protokollmanagement. Wenn der Staat zugleich bei Ausschreibungen stärker auf Startups setzt, müssen auch Vergabe- und Datenschutzanforderungen konsistent und planbar sein, damit Innovation nicht im letzten Moment wegen formaler Compliance scheitert.
In die Zukunft gedacht hängt die Wirkung des Brandbriefs vor allem an der Umsetzbarkeit und an messbaren Zielen. Wenn „24 Stunden“ für Gründungen ernst gemeint sind, müssen Prozesse digitalisiert, Schnittstellen vereinheitlicht und Zuständigkeiten klar orchestriert werden – sonst bleiben Zeitversprechen politisch, aber nicht operativ. Beim Thema Investitionen ist entscheidend, wie schnell neue Kapitalwege in realen Investmentprodukten ankommen und wie hoch der administrative Aufwand für Unternehmen und Investoren tatsächlich bleibt. Bei KI-Infrastruktur schließlich wird der Erfolg davon abhängen, ob es gelingt, Rechenleistung mit sicheren Betriebsstandards und einem tragfähigen Modell-Lifecycle zu verbinden, statt nur Kapazität aufzubauen. Branchenexperten erwarten, dass die nächste Runde der Debatte nicht nur über Programme, sondern über Architekturentscheidungen, Betriebskosten und Vertrauensmodelle geführt wird.
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