LONDON (IT BOLTWISE) – Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger will die Arbeitszeitregelungen in Deutschland grundlegend modernisieren. Im Kern fordert er eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden, um mehr betriebliche Flexibilität zu ermöglichen. Als Vergleich dient ihm die EU-Perspektive, die eine 48-Stunden-Woche bereits erlaubt. Parallel deutet die Bundesregierung weitere Schritte zur Senkung von Fehlzeiten und zu einer Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag an.

Die Debatte um die Modernisierung des deutschen Arbeitszeitrechts gewinnt neue Schärfe: Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger bringt eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden ins Spiel. Sein Argument zielt weniger auf eine generelle Ausweitung der Belastung, sondern auf eine andere Logik bei der Planung. Während heute stark tagesbezogen reguliert wird, soll die Betrachtung stärker auf die Woche verschoben werden, damit Unternehmen Schwankungen in Auftragslage, Projektdruck oder Schichtmodellen besser abfedern können.
Technisch knüpft Dulger an zwei Ebenen an. Auf EU-Ebene verweist er darauf, dass die Richtlinien bereits eine wöchentliche Arbeitszeit von 48 Stunden zulassen. In Deutschland dagegen limitiert das Arbeitszeitgesetz im Regelfall die tägliche Arbeitszeit auf 8 Stunden und lässt nur unter bestimmten Voraussetzungen eine Ausweitung auf maximal 10 Stunden zu – allerdings gekoppelt an einen zeitlichen Ausgleich. Dulger sieht genau diese tägliche Fixierung als Bremse für moderne Arbeitsabläufe: Wenn Personal- und Produktionsplanung kurzfristig reagieren muss, ist die starre Tageslogik in der Praxis oft schwerer zu handhaben als eine wochenbezogene Obergrenze.
Damit rückt ein Detail in den Fokus, das in der Umsetzung regelmäßig unterschätzt wird: Sobald die Arbeitszeit nicht mehr primär über den Tag, sondern über die Woche gesteuert werden soll, verschiebt sich die Verantwortung in die Planung und in die Dokumentation. Unternehmen müssten dann nicht nur Schichtmodelle neu denken, sondern auch Zeiterfassung, Nachweisführung und Ausgleichslogik sauber aufsetzen, damit aus der Flexibilisierung kein administratives Risiko wird. In der aktuellen Debatte spielt zudem die Frage hinein, wie Arbeitszeitmodelle sich auf das Belastungsgefühl auswirken – auch Dulger argumentiert mit dieser Perspektive.
Die politische Dimension kommt dazu, weil Dulgers Initiative offenbar auf Resonanz stößt. Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte an, er erwarte im kommenden Herbst einen entsprechenden Gesetzentwurf von Arbeitsministerin Bärbel Bas. Konkrete Eckpunkte zum Umfang der Änderung wurden noch nicht vollständig genannt, aber die Signalwirkung ist klar: Das Arbeitszeitrecht könnte in eine Phase der Neujustierung gehen. Für Arbeitgeber, Betriebsräte und die HR-Abteilungen bedeutet das vor allem eines – bis dahin werden bestehende Modelle wahrscheinlich stärker daraufhin geprüft, welche Bestandteile sich rechtssicher umbauen lassen, ohne die bisherigen Schutzmechanismen für Beschäftigte zu unterlaufen.
Flankierend verbindet die Koalition Arbeitszeitfragen mit Maßnahmen zur Senkung von Fehlzeiten. Nach Angaben aus der laufenden Diskussion ist dabei die Einführung einer Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag geplant. In vielen Betrieben folgt eine ärztliche Bescheinigung bisher häufig erst nach dem dritten Tag, sofern keine abweichenden Regelungen existieren. Eine frühere Nachweispflicht würde organisatorisch vor allem die Schnittstellen zwischen Beschäftigten, Personalabteilungen und Krankenkassen/Arztpraxen betreffen. Gleichzeitig verschärft sie die Debatte, wie Unternehmen Fehlzeiten reduzieren wollen, ohne die Meldekultur zu belasten oder unbeabsichtigt falsche Anreize zu schaffen.
Auch jenseits der konkreten gesetzlichen Ausgestaltung zieht Dulger einen europäischen Vergleich heran. Er führt aus, dass die Krankheitsquoten in Ländern wie Belgien und Italien niedriger seien als in Deutschland, und deutet dabei einen Zusammenhang zwischen Arbeitszeitmodellen und Belastungssituation an. Wie tragfähig solche Quervergleiche im Detail sind, hängt in der Praxis stark von Faktoren wie Gesundheitsversorgung, Arbeitsorganisation, Branchenstruktur und Erhebungsmethoden ab. Dennoch zeigt die Argumentationslinie, worauf es der Wirtschaft vor allem ankommt: Nicht nur auf Stundenobergrenzen, sondern auf ein Gesamtbild aus Planungssicherheit, Arbeitsintensität und erwartbarer Gesundheit im Verlauf der Zeit.
Unabhängig von einer möglichen Reform drohen bereits heute finanzielle Risiken, wenn geltende Vorgaben zur Arbeitszeitdokumentation nicht korrekt umgesetzt werden. Für Unternehmen ist das ein wichtiger Realitätscheck: Flexibilität ist nur dann verwertbar, wenn sie sich in belastbare Nachweise übersetzen lässt. Genau hier entscheidet sich, ob Reformen im Alltag Wirkung entfalten oder ob sie neue Reibungen erzeugen. Mit Blick auf den Herbst wird deshalb besonders relevant, wie ein Übergang von tagesbezogener zu wochenbezogener Steuerung gestaltet werden könnte – etwa durch klare Regeln für Ausgleichszeiträume, verständliche Dokumentationspflichten und belastbare Leitplanken für die Praxis.
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