LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Erhebung nennt 52,4 Milliarden gestohlene Browser-Cookies weltweit und ordnet sie als zunehmend wirksame Grundlage für Account-Hijacking ein. Gelangen Cookies in falsche Hände, können Angreifer aktive Logins imitieren und damit Profile sowie Unternehmenszugänge übernehmen. Die Studie macht zugleich deutlich, dass selbst installierte Sicherheitssoftware in vielen Fällen nicht verhindert, dass Malware Browser-Daten ausliest. Als Gegenmaßnahme rückt die passkey-basierte, passwortlose Absicherung in den Fokus.

Die aktuelle Sicherheitslage im Web bekommt ein neues, besonders hartnäckiges Schlagwort: Account-Hijacking auf Basis gestohlener Browser-Cookies. Cookies sind im Alltag unsichtbar, aber technisch entscheidend, weil Browser damit Sitzungen im Hintergrund fortführen. Wenn Angreifer diese Sitzungsinformationen übernehmen, müssen sie nicht zwingend Passwörter erraten oder Phishing-Angriffe bis in den Moment des Login-Prozesses durchziehen. Stattdessen können sie bestehende Authentifizierung „nachbauen“ und so auf eingeloggte Konten zugreifen, ohne die klassischen Zugangsdaten zu kennen.
Wie massiv der Effekt sein kann, beschreibt eine Untersuchung, die über 12 Monate erstellt wurde und die Zahl gestohlener Cookie-Datensätze weltweit beziffert: 52,4 Milliarden. Laut Analyse übersteigt die Menge entwendeter Cookies die kombinierte Zahl gestohlener Passwörter, Dateien und Zahlungsdaten um das 4,6-fache. Technisch ist das plausibel, weil Cookies oft langlebige Sitzungen repräsentieren und deshalb für Täter besonders „nutzbar“ sind: Ein einmal erbeuteter Cookie kann mehrere Zugriffe ermöglichen, bis die Sitzung abläuft oder der Cookie serverseitig invalidiert wird. Genau hier liegt der operative Unterschied zum Passwortdiebstahl, bei dem ein Wechsel sofort die Wirksamkeit des alten Secrets begrenzt.
Die Studie ordnet auch konkrete Angriffslogik ein: Cookies enthalten Sitzungssignale, die beim nächsten Seitenaufruf als Beweis dienen, dass der Client gerade noch Teil einer gültigen Session ist. Gerät diese Beweiskette in die Hände Unbefugter, können Angreifer Login-Zustände vortäuschen und damit private Profile ebenso wie Unternehmenszugänge kompromittieren. Besonders kritisch bleibt dabei der Zeitraum nach einem Passwortwechsel: Wenn die betroffenen Sitzungscookies nicht explizit ungültig gemacht werden, können Angreifer den Zugriff fortsetzen. Für Betreiber von Accounts heißt das in der Praxis, dass ein „Password Reset“ allein nicht immer ausreichend ist, wenn die Session-Hygiene nicht sauber umgesetzt wird.
Gleichzeitig rückt die Studie Passkeys als Barriere gegen unbefugte Logins in den Mittelpunkt. Passkeys ersetzen das klassische Passwort-Modell durch kryptografische, nutzergebundene Authentifizierung, typischerweise mit Public-Key-Verfahren und einer Bindung an den jeweiligen Endpunkt oder den zugehörigen Account-Kontext. Dadurch wird es für Angreifer deutlich schwerer, nur mit gestohlenen Daten aus einer Sitzung oder einem Formularzugriff die nächste Authentifizierungsrunde zu bestehen. Wichtig ist: Passkeys sind nicht automatisch „Cookie-freundlich“ oder lösen jedes Cookie-Problem, aber sie verändern die Sicherheitsannahmen hinter dem Login-Prozess und reduzieren die Angriffsfläche, die aus dem Missbrauch von Passwort-Äquivalenten entsteht.
Der Bericht liefert zudem eine geografische Verteilung, die für Priorisierung in Security-Programmen relevant ist. Indien wird mit 4,68 Milliarden gestohlenen Cookies als Land mit der höchsten Fallzahl genannt, gefolgt von Brasilien und den USA. In Australien wurden laut Untersuchung 231 Millionen gestohlene Cookies erfasst, womit das Land auf Platz 34 der globalen Statistik rangiert. Solche Kennzahlen sind nicht gleichbedeutend mit „härterem Angriff“ auf Einzelnetze, geben aber Hinweise, wo besonders viele Cookie-Datensätze im Markt zirkulieren und damit auch wo Verteidigung, Detection und Aufklärung am dringlichsten sein könnten.
Besonders aufrüttelnd ist der Befund zur Effektivität herkömmlicher Schutzmaßnahmen auf Endgeräten: In über 96 % der Fälle, in denen Geräte infiziert wurden, war laut den Daten eine aktive Sicherheitssoftware installiert. Das deutet nicht darauf hin, dass Schutzprogramme wertlos wären, sondern darauf, dass spezialisierte Malware und Datenextraktion aus Browser-Umgebungen in der Praxis häufig besser funktionieren als viele Standard-Schutzannahmen. Angreifer können unter anderem über zeitlich abgestimmte Prozesse Cookies aus lokalen Speicherbereichen auslesen, Sessions in Browsern manipulieren oder Daten so abgreifen, dass klassische Signatur-Logik allein nicht genügt. Für Unternehmen bedeutet das, dass Endpoint-Security stärker mit Browser-/Session-Controls zusammengedacht werden muss, statt nur auf „Installiert heißt sicher“ zu setzen.
Die Reichweite der Angriffe wird als breit beschrieben: Betroffen seien nahezu alle großen digitalen Ökosysteme und Plattformen, darunter Dienste wie Google, Facebook und Microsoft. Auch im Bereich Social Media und Streaming nennt die Erhebung Plattformen wie Twitch, Netflix und YouTube als Ziel. Damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass ein und dieselbe Cookie-Quelle in unterschiedlichen Umfeldern wiederverwendet wird, was die Professionalisierung des Handels mit solchen Datensätzen weiter antreibt. Für Verantwortliche in IT und Security folgt daraus eine klare Botschaft: Der Schutz muss mehr Ebenen abdecken – von Session-Invalidierung nach relevanten Ereignissen über passwortarme bzw. passkey-basierte Authentifizierung bis hin zu Monitoring, das nicht nur Malware, sondern auch ungewöhnliche Session-Aktivitäten erkennt.
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