UKRAINE / LONDON (IT BOLTWISE) – Gamaredon hat 2025 seine Angriffe auf die Ukraine spürbar intensiviert und dabei neue Schadsoftware sowie Cloud-Dienste als Tarnschicht eingesetzt. Laut ESET zielte die Kampagne vor allem auf das Abgreifen vertraulicher Informationen und kritischer Daten. Besonders auffällig sind Kombinationen aus Phishing mit eingebetteten Archiven, HTA-Downloadern, persistenter Ausführung über Windows-Startup-Mechanismen sowie der Umgehung über aktuell genutzte „Serverless“-Infrastruktur. Für Unternehmen bedeutet das: Monitoring von Cloud- und DNS-Signalen gewinnt genauso viel Gewicht wie klassischen Endpoint-Detections.

Die ukrainische IT-Landschaft sieht sich weiter einer professionell ausgebauten APT-Kampagne gegenüber: Gamaredon, ein Akteur mit Fokus auf Informationsdiebstahl, hat 2025 seine Aktivität nach Angaben von ESET deutlich erhöht und dabei nahezu ausschließlich die Ukraine ins Visier genommen. ESET beschreibt als Hauptziel die Gewinnung vertraulicher Informationen und anderer „kritischer Daten“, die den Interessen Russlands in einem langanhaltenden Konflikt dienen können. Entscheidend ist dabei weniger die reine Malware-Variante, sondern die Prozesskette: Gamaredon kombiniert Spear-Phishing, mehrstufige Downloader und Persistenz mit einer sehr gezielten Ausnutzung externer Infrastruktur, um das Erkennen zu erschweren.
Technisch beginnt die Infektionsphase häufig bei kuratierten Nachrichten, die auf Benutzerinteraktion setzen. ESET berichtet, dass Gamaredon dafür eingebettete Archive oder XHTML-Dateien verwendet, um gezielt zu laden und Aktionen anzustoßen. Anschließend kommen „Stealth Download“-Mechanismen zum Einsatz, die zunächst bösartige HTA-Downloader auf dem Endgerät platzieren und von dort aus weitere Komponenten nachladen. Unter den nachgelagerten Varianten nennt ESET auch PteroSand. In einigen Fällen wird zusätzlich eine Schwachstelle in WinRAR (CVE-2025-8088) ausgenutzt, um Dateien direkt in den Autostart-Ordner von Windows zu legen und so die Startausführung bei jedem Login zu gewährleisten.
Für die weitere Ausbreitung im kompromittierten Netzwerk setzt Gamaredon laut ESET auf Utility-Programme und eine ausgefeilte Bewegung über gemeinsam genutzte Laufwerke. Besonders relevant sind PteroLNK und PteroPaste: Diese Werkzeuge infizieren USB-Sticks und Netzlaufwerke mit schädlichen LNK-Dateien. Sobald ein Anwender eine solche Verknüpfung öffnet, startet das Kernmalware-Set automatisch und zieht weitere Komponenten nach. Damit verknüpft Gamaredon klassische Endpoint-Infektion mit einem „Transportlayer“ für die seitliche Verbreitung. In operativen Umgebungen mit wechselnden Geräten und häufig genutzten Austauschmedien kann das die Zeit bis zur Eindämmung massiv verkürzen.
Ein weiterer Baustein ist PteroSetup, eine ältere, VBScript-basierte Utility, die ESET bereits seit Januar 2021 beobachtet und als mittlerweile „deprecated“ einordnet. Interessant ist sie aber weiterhin, weil sie einen typischen Schwachpunkt in vielen Unternehmen ausnutzt: die Wechselwirkungen zwischen legitimen Installer-Paketen und austauschbaren Datenträgern. PteroSetup durchsucht Flash- und Netzlaufwerke nach regulären Installationsdateien und ersetzt sie durch selbstextrahierende 7z (SFX)-Archive. In solchen Archiven versteckt sich neben dem ursprünglichen Installer auch ein bösartiger VBScript-Loader. Aus Sicht der Verteidigung ist das vor allem deshalb problematisch, weil die Dateihierarchie „normal“ aussieht, der Loader aber den eigentlichen Schadcode startet.
Der auffälligste Wandel betrifft jedoch die Infrastruktur und damit die Art, wie Gamaredon die Befehls- und Kontrollkanäle (C2) verbirgt. ESET beschreibt, dass die Gruppe 2025 deutlich stärker auf Drittanbieter-Tools setzte: Tunneling-Services und serverless Computing-Plattformen wurden zu zentralen Bausteinen, um die „echte“ Backend-Infrastruktur zu verschleiern. Die Logik dahinter ist im Kern ein Sicherheits-Engineering-Problem: Wenn C2-Kommunikation nicht direkt aus dem Netzwerk heraus erfolgt, sondern über legitime, schwer korrelierbare Vermittlungsdienste, sinkt die Signalqualität für klassische Blacklist- oder IP-basierte Abwehr. Das passt zu ESETs Einschätzung, dass die Operatoren wahrscheinlich dauerhaft verfügbar sind, auch weil Updates typischerweise vor russischen und krimtauglichen Feiertagen auftauchten und währenddessen ausblieben.
Markt- und Branchenbezug ergibt sich daraus, dass moderne Sicherheitsarchitekturen immer noch häufig an „Endpoint zuerst“ denken, während APTs „Cloud first“ operieren. Wie auch bei anderen bekannten Gruppen im Ost-Europa-Umfeld zeigt sich, dass die Abwehr nicht nur bekannte Exploits oder Downloader erkennen muss, sondern ganze Kommunikationspfade verstehen sollte. Ein Vergleich mit etablierten APT-Realitäten wie Sandworm- oder APT28-nahen Mustern (jeweils mit Schwerpunkt auf Tarnung, Persistenz und operativer Disziplin) verdeutlicht: Malware bleibt austauschbar, aber die Signalgebung über DNS, dynamische DNS-Dienste, Cache-Mechanismen, Cloud-Storage und Tunnel wirkt länger. Experten wie Zoltan Rusnak betonen deshalb die Bedeutung von „Flexibilität“ und kontinuierlichen Updates: Viele Anpassungen entstehen nicht im Code selbst, sondern in der Art, wie Daten extrahiert und zurückgeführt werden.
Für Unternehmen bedeutet das in der Praxis vor allem eine Verschiebung in der Detektionsstrategie. Security-Teams sollten nicht nur HTA/Downloader-Pfade, Autostart-Einträge oder LNK-verknüpfte Ausführungen überwachen, sondern auch die „saubere“ Umgebung beobachten, die Angreifer als Deckung nutzen. ESET beschreibt den Einsatz legitimer Dienste als Datenabflusskanäle und als „dead spots“, die zugleich Informationen über den C2-Server liefern und das Umleiten von Malware in Richtung bereits verborgener Infrastruktur erlauben. Ergänzend wird „digitaler Cache“ verwendet, um Datenzugriffe zu puffern oder Zeitfenster für Interaktion zu verschleiern. Damit werden Cloud-Logging, DNS-Telemetrie und Proxy-Visibilität zu zentralen Bausteinen der Incident-Response.
In die Zukunft gelesen ist zu erwarten, dass Gamaredon seinen Ansatz weiter in Richtung Modularität und weniger „sichtbaren“ Endpunktaufenthalt optimiert. ESET hebt hervor, dass die Gruppe trotz relativ einfacher Malware zunehmend kreative Missbräuche legitimer Dienste einsetzt und dadurch die Analyse erschwert. Für die Verteidigung heißt das: Hardening und Patch-Management (etwa gegen spezifische Archiver- und Parsing-Bausteine wie WinRAR-Lücken) bleibt Pflicht, allein reicht es aber nicht. Ebenso wichtig ist die Abstimmung zwischen Endpoint-Schutz, Cloud-Detection und Identitäts-/Rechtekonzepten, um Persistenzmechanismen wie Startup-Ordner und laterale Ausführung über austauschbare Medien zu begrenzen. Wenn serverless und Tunneling weiter dominieren, werden dynamische, regelbasierte Korrelationen aus mehreren Telemetriequellen zur neuen Norm.
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