SAN FRANCISCO / LONDON (IT BOLTWISE) – UCSF- und Samsung-Forschung kombiniert 24/7-Wearables mit Tablet-Interventionen, um digitale Biomarker für kognitiven Abbau über das ganze Erwachsenenalter hinweg zu finden. Im TAH-DA-Programm sollen Daten aus einer einjährigen, passiven Messung zusammen mit kognitisch herausfordernden Neuro-Games dabei helfen, Muster für ein früheres Erkennen von Demenzrisiken zu entwickeln. Zusätzlich testen die Teams, ob evidenzbasierte digitale Behandlungen die kognitive Leistungsfähigkeit messbar stabilisieren. Damit verschiebt sich die Messung von Gehirnalterung vom Labortermin in den Alltag – mit allen technischen und regulatorischen Herausforderungen, die mobile Gesundheitsdaten mit sich bringen.

UCSF Neuroscape und Samsung bringen eine longitudinale Studie an den Start, die den Blick auf „Gehirnalterung“ bewusst aus dem Kontrollraum heraus in den Alltag verlagert. Das Projekt heißt Technology for Aging Health – Digital Approaches (TAH-DA) und setzt auf kontinuierliches, passives Monitoring über ein ganzes Jahr. Ziel ist es, digitale Biomarker zu identifizieren, die Veränderungen in Gedächtnis- und Kognitionsleistungen vorhersagen können, bevor klassische klinische Tests diese Effekte zuverlässig sichtbar machen. Besonders ambitioniert ist die Stichprobenarchitektur: Es sollen pro Jahrzehnt 200 Erwachsene im Alter von 40 bis 89 aufgenommen werden, damit die Entwicklung nicht nur an Extremgruppen gemessen wird.
Technisch basiert TAH-DA auf einem Konsumenten-ähnlichen Setup, das dennoch hohe Datendichte liefern soll. Teilnehmende erhalten eine Galaxy Watch, die rund um die Uhr Gesundheitsmetriken aufzeichnet und dabei unter anderem Herzfrequenz, EKG-Daten, Blutdruck, Blutsauerstoff (SpO2), Körperzusammensetzung per BIA sowie Hauttemperatur und Aktivitätswerte erfasst. Ergänzend werden Schlafparameter und Schlafarchitektur detailliert dokumentiert. Im Hintergrund geht es dabei weniger um einzelne Werte als um Muster über Zeit: Minute Veränderungen können in Routinen wie Schlafphasen, Schrittaktivität oder Herzratenvariabilität als „Vorzeichen“ auftauchen. Diese Daten werden anschließend in predictive Algorithmen übersetzt, die mit dem Studiendesign verknüpft sind.
Parallel zur passiven Erfassung arbeiten die Forschenden mit aktiven Tablet-Interventionen. Auf einem Galaxy Tab A9 absolvieren Teilnehmende kognitiv fordernde digitale Neuro-Games, die von Neuroscape entwickelt und als evidenzbasiert beschrieben werden. Anders als generische „Brain Teaser“ sollen die Spiele gezielt neuronale Netzwerke adressieren, die bei alterstypischem Abbau besonders betroffen sind – etwa im Bereich exekutiver Funktionen, Arbeitsgedächtnis und kognitive Kontrolle. Um neuroplastische Veränderungen über die Zeit zu kartieren, kommen zusätzlich digitale kognitive Assessments an drei Zeitpunkten zum Einsatz: vor Beginn, direkt nach der Interventionsphase sowie neun Monate später. So entsteht ein Bezug zwischen Biomarker-Signalen und beobachteter Leistungsentwicklung.
Markt- und industriepolitisch ist TAH-DA ein klares Signal: Remote Trials werden von reinen Fragebogen- oder App-Experimenten zu datenintensiven, quasi klinisch orientierten Studien weiterentwickelt. Für die Distribution und das Studiomanagement nutzt das Projekt eine klinische Trial-Plattform von Neuroscape (Nexus), die Enrollment, Einwilligung, Diagnostik sowie digitale Interventionen online abbilden soll. Zudem werden weitere Partner integriert, darunter Helpsquad für einen KI-Chatbot und eine virtuelle Assistenz sowie didit.me zur Unterstützung bei Identitätsverifikation. Wettbewerber verfolgen zwar ähnliche Visionen, aber oft mit anderer Schwerpunktsetzung: Apple hat etwa mit ResearchKit/Research-Ansätzen wiederholt auf mobile Datenerfassung gesetzt, während andere Digital-Health-Initiativen stärker auf reine App-basierte Messungen oder „Behavioral Tasks“ setzen. TAH-DA kombiniert hingegen Biometrik und Interventionslogik in einem großen, skalierbaren Setup.
Historisch lohnt sich der Vergleich mit klassischer Neuroforschung: Viele Studien nutzen stark vereinfachte Reize, starre Laborsituationen und Momentaufnahmen, weil kontrollierte Bedingungen die Varianz reduzieren. Genau diese Kopplung an Laborkomplexität wollen die Teams lösen, um die „Messbarkeit“ kognitiver Veränderungen in realen Lebenskontexten zu erhöhen. Aus Branchenanalysen ergibt sich dabei ein wiederkehrendes Muster: Je näher ein Ansatz an alltagstaugliche Sensorik rückt, desto stärker steigt zwar die Datenrealität, gleichzeitig aber auch die Herausforderung bei Datenqualität, Missing Values und Störfaktoren wie unterschiedlichem Bewegungsverhalten oder Gerätenutzung. TAH-DA versucht, diese Spannung über die lange Laufzeit und das Dekaden-Design in robuste Muster zu übersetzen, statt nur kurzfristige Effekte zu berichten.
Für Unternehmen und Entwickler ist das Vorhaben außerdem interessant, weil es praktische Anforderungen an KI-Entwicklung im Gesundheitsumfeld sichtbar macht. Ein zentrales Thema ist die Verarbeitung „sensibler“ Rohdaten aus Wearables: EKG-Serien, Schlafsegmentierung und biometrische Zusammenhänge benötigen saubere Signalverarbeitung, Kalibrierungslogik und häufig eine sorgfältige Normalisierung zwischen Teilnehmenden. Dazu kommt ein MLOps-Aspekt: Wenn Algorithmen über viele Monate lernen oder Validierungen wiederholbar sein sollen, braucht es nachvollziehbare Pipelines, Versionierung und Monitoring. Nicht zuletzt stellt sich die Frage nach Datenschutz und regulatorischer Einordnung. In der Praxis bedeutet das: Einwilligungsmanagement, Zweckbindung, Datenminimierung und Sicherheitsmaßnahmen, die zu europäischen und US-amerikanischen Vorgaben passen, etwa im Sinne von GDPR-nahem Denken bei personenbezogenen Gesundheitsdaten, auch wenn die konkrete Rechtsgrundlage im Projektvertrag im Detail liegen muss.
Blickt man nach vorn, kann TAH-DA den Weg für „präventive“ digitale Medizin ebnen – nicht als Ersatz für Kliniken, aber als Frühwarn- und Interventionslayer. Die erwartete Wirkungskette lautet: Passives Monitoring liefert kontinuierliche Biomarker, digitale Assessments geben Leistungsstand und die Tablet-Intervention versucht, durch evidenzbasiertes Training Abbaupfade zu verlangsamen oder zu modulieren. Wenn die Studie tatsächlich signifikante Zusammenhänge zwischen biometrischen Mustern und späteren kognitiven Veränderungen belegt, wird das Entwicklerteams in KI-gestützten Gesundheitssystemen neue Spielräume eröffnen, etwa für risikobasierte personalisierte Trainingspläne oder für klinische Triage-Workflows. Gleichzeitig wird die nächste Hürde sichtbar: Die Modelle müssen generalisierbar bleiben, auch wenn Gerätepopulationen, Nutzungsgewohnheiten und Gesundheitszustände stark variieren.
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