HAMBURG / WIESBADEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Schufa speichert laut Recherchen neben aktuellen Score-Daten auch „historische“ Zahlungsinformationen. Betroffen sind Millionen Verbraucher in Deutschland, deren Kredit- und Mietchancen über Scoring-Modelle mitentscheiden. Seit März läuft zudem eine neue Berechnungsmethode mit zwölf Kriterien. Verbraucherschützer zweifeln daran, dass solche Alt-Daten streng auf Tests beschränkt bleiben, während Datenschutzfragen aktuell auch gerichtlich verhandelt werden.

Schufa nutzt neben Scores auch historische Zahlungsdaten – Streit um Datenschutz
Schufa nutzt neben Scores auch historische Zahlungsdaten – Streit um Datenschutz (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Schufa ist im Alltag für sehr viele Entscheidungen unsichtbar, aber spürbar: Ob ein Kredit genehmigt wird, ein Handyvertrag zustande kommt oder eine Wohnung überhaupt geprüft werden kann. Umso relevanter ist die Frage, welche Datenbasis hinter den Schufa-Scores steckt. Laut Recherchen von NDR und „Süddeutscher Zeitung“ betreibt die Schufa neben der offiziellen Datenbank in Wiesbaden zusätzlich eine zweite Sammlung „historischer Daten“ zu teils weit zurückliegenden Zahlungsvorgängen. Die Diskussion entzündet sich an der Frage, ob diese Alt-Informationen tatsächlich nur für kontrollierte Test- und Prüfschritte genutzt werden – oder ob sie faktisch in die Risikoberechnung einfließen.

Technisch betrachtet besteht der Kern der Kontroverse aus zwei Ebenen: den aktuellen Score-Daten und den ergänzenden historischen Zahlungsinformationen, die für neue Verfahren zur Risikoberechnung „abgesichert und überprüft“ werden sollen. Seit März 2024 verwendet die Schufa eine neue Berechnungsmethode mit zwölf Kriterien. Dabei kann etwa eine Rolle spielen, wie alt der älteste Bankvertrag und die älteste Kreditkarte sind, ob Zahlungsstörungen vorliegen und wie der Status bei Krediten ist. Damit diese neue Methodik als verlässlich gilt, nutzt die Schufa offenbar Testprozesse, bei denen die Score-Richtigkeit überprüft werden soll.

In der Marktlogik ist dieses Vorgehen nicht völlig überraschend: Datenanbieter wie die Schufa stehen in einem Wettbewerb um bessere Risikomodelle und schnellere Entscheidungen bei Banken und anderen Vertragsunternehmen. Neben der Schufa arbeiten auch andere Akteure im Umfeld der Bonitäts- und Auskunfteien, darunter Infoscore und Creditreform als etablierte Vergleichsnamen im deutschen Risikodaten-Ökosystem. Dennoch verschiebt sich die Belastung für Verbraucher dort, wo Alt-Daten lange nach einem tatsächlichen Zahlungsvorgang die Risikowahrnehmung beeinflussen könnten. Hinzu kommt, dass Scoring-Modelle oft in abgeschlossenen Prüf-Setups validiert werden, während der Regelbetrieb anschließend massenhaft wirken kann.

Verbraucherschutzorganisationen halten dagegen, dass „historische“ Daten nicht nur im Testlabor verbleiben sollten. Wie aus Berichten auf tagesschau.de hervorgeht, äußert Claudio Zeitz-Brandmeyer vom Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) Zweifel: Für die Unternehmen, die Zugriff auf diese Daten erhalten, sei es „verlockend“, die Informationen nicht nur für Tests, sondern tatsächlich für Kreditentscheidungen zu verwenden. Die Schufa bestätigt zwar, dass sie neben aktuellen Score-Daten weitere „historische“ Zahlungsdaten vorhält, betont aber eine Zweckbindung. Zugleich verweist sie darauf, dass Vergleichstests ausschließlich bei der Bankenaufsicht BaFin stattfinden sollen, sodass Datendetails nicht an Auftraggeber übergehen könnten.

Die rechtliche Dimension ist dabei ein weiterer Hebel: Gegen frühere Berechnungsverfahren sollen noch Prozesse beim Bundesgerichtshof anhängig sein. Solche Verfahren sind für Unternehmen nicht nur ein Compliance-Thema, sondern wirken direkt auf die Modellarchitektur. Wenn Gerichte klären, wie lange Daten zulässig sind, wann eine Löschung greifen muss und welche Verwendungszwecke im Scoring-Betrieb tatsächlich gedeckt sind, verändern sich regelmäßig auch interne Daten-Pipelines, Retention-Policies und Audit-Mechanismen. Genau hier liegt das Risiko eines „Daten-Drift“-Effekts: Sobald historische Daten in Trainings- oder Validierungslogiken verarbeitet wurden, muss lückenlos verhindert werden, dass sie indirekt im Produktivbetrieb wieder auftauchen.

Aus Sicht der Datensicherheit und Regulierung ist zudem entscheidend, welche Kontrollpunkte existieren. Die Schufa sagt, der Umgang mit den historischen Daten sei strikt auf Test- und Kontrollzwecke beschränkt. Datenschutzexperte Tim Wybitul wird in dem Zusammenhang mit einer differenzierten Argumentation zitiert: Daten müssten gelöscht werden, wenn sie für die Zwecke der Verarbeitung nicht mehr benötigt werden; Tests dienten der Überprüfung der Richtigkeit der Scores und seien damit ein wichtiger, legitimer Zweck. Der Hessische Datenschutzbeauftragte lehnte eine Stellungnahme mit Hinweis auf das laufende Verfahren ab. Das unterstreicht, dass die Bewertung durch Behörden stark davon abhängt, welche technischen Nachweise und Zugriffsbeschränkungen im Detail erbracht werden.

Für Banken, Telekommunikationsanbieter und Vermieter bedeutet die Diskussion vor allem eines: Scoring-Prozesse werden künftig noch stärker als „Governance“-Thema behandelt werden müssen. Unternehmen, die Scores beziehen, sollten vertraglich und technisch sicherstellen, dass Datengrundlagen nachvollziehbar bleiben und keine unzulässigen Zusatzverwendungen passieren. Vergleichstests nur bei BaFin könnten ein Baustein sein, ersetzen aber nicht die interne Dokumentation bei Empfängern. Gleichzeitig dürfte der Druck steigen, Scoring-Modelle so zu gestalten, dass sie weniger historisches Tieffenster benötigen und stattdessen robustere, zeitnahe Signale verwenden. In Zukunft ist daher mit weiterem Regulierungs- und Prüfaufwand zu rechnen – und mit einer stärkeren Nachfrage nach erklärbaren, auditierbaren KI-gestützten Risikomodellen im Kredit- und Vertragsbereich.


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