BRASILIEN / INDIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue modulare Malware namens TELEPUZ verbreitet sich über kompromittierte Websites, die ClickFix-Lures mit Clipboard-„Befehle einfügen“-Workflows koppeln. Nach dem Ausführen von PowerShell lädt das Schadprogramm eine zweite Stufe, die eng mit dem Vidar Stealer-Ökosystem zusammenhängt. TELEPUZ spürt Sandbox- und VM-Umgebungen auf, schaltet Sicherheitsüberwachung unter Windows ab und baut anschließend eine WebSocket-Command-and-Control-Verbindung auf. Für Unternehmen wird damit weniger die einmalige Infektion zum Risiko, sondern die potenzielle MaaS-Fähigkeit, die Angreifer schnell nachrüstet.

Die neue modulare Malware TELEPUZ zeigt, wie schnell sich aus Web- und Social-Engineering-Angriffen ein vollwertiger Initial-Loader entwickeln kann. Ausgelöst wird die Kette nicht durch klassischen Drive-by-Exploit-Code, sondern über ClickFix: Webseiten, die Nutzer zu „praktischen“ Korrekturen verleiten, indem sie bösartige Skripte oder Kommandos in die Zwischenablage injizieren und anschließend zum Einfügen und Ausführen anleiten. Seit Ende April 2026 berichten Sicherheitsforscher über wiederkehrende Aktivitäten, wobei besonders die tägliche Zahl der Builds, die u. a. in VirusTotal sichtbar wurde, auf aktives Engineering hindeutet. Das Muster macht TELEPUZ zugleich zur zweiten neu beobachteten Bedrohung, die mit ClickFix-Propagation verknüpft wurde – nach SCMBANKER.
Technisch sitzt der Hebel bei Clipboard Hijacking, auch Pastejacking genannt. Das Angriffsdesign nutzt eine typische Browser-Interaktionshürde aus: Der Nutzer führt eine „Notfallkorrektur“ aus, während die Seite im Hintergrund den entscheidenden Inhalt in die Zwischenablage vorbereitet. Laut Elastic Security Labs setzt der ClickFix-Flow bei TELEPUZ auf die Ausführung von PowerShell, das wiederum einen zweiten Stage-Payload von einer Remote-URL lädt. Diese zweite Stufe wird als Go-Variante des bekannten Vidar Stealers beschrieben, der im kompromittierten Endpunkt typischerweise sensible Daten sammelt und zusätzliche Module nachlädt. Der eigentliche Start erfolgt über einen Stager, der TELEPUZ (telepuz.dll) mittels rundll32.exe anstößt.
Damit wird eine wichtige Designlinie sichtbar: TELEPUZ ist leichtgewichtig und modular, geschrieben in C, und die beobachteten Varianten deuten auf eine Entwicklung durch einen Solo-Entwickler oder ein sehr kleines Team hin. Gleichzeitig legt die stabile Einreichungsrate im Virus-Testing-Ökosystem nahe, dass das Angebot zumindest teilweise in einem Malware-as-a-Service-Ansatz organisiert ist. Das erklärt auch, warum Analysten bei den C2-Domains zunächst eine überschaubare Anzahl sehen, aber die Updates in kurzen Intervallen zunehmen. Wettbewerbsseitig ist die ClickFix-Schiene ein Indikator für standardisierte Initialzugriffe; SCMBANKER liefert dafür den Referenzfall, während TELEPUZ die spätere Payload-Kapazität erweitert.
Für die Abwehrplanung ist die Kombination aus Ausweichmechanismen und Telemetrieabschaltung zentral. TELEPUZ nutzt mehrere Obfuscation-Techniken, etwa Garbage-Instructions, Import-Name-Hashing, String-Verschlüsselung sowie indirekte Systemaufrufe. Danach folgen Anti-VM- und Geolocation-Checks: Hardwaregrenzen wie weniger als zwei CPUs oder unter 2 GB RAM sowie zu wenig Plattenspeicher führen zu sofortigem Abbruch. Zusätzlich wird der Locale-Identifier (LCID) gegen eine hartcodierte Liste von Ländern aus dem Commonwealth of Independent States abgeglichen; ebenso werden Benutzername und Computername gegen typische Sandbox- und Research-Identifier gematcht. In Summe ist das nicht nur „Angriffsvermeidung“, sondern eine gezielte Optimierung auf Umgebungen, die zu echter Monetarisierung führen.
Wenn TELEPUZ „durchkommt“, rückt die Inhibierung von Sicherheitskontrollen in den Vordergrund. Die Routine deaktiviert Monitoring über unhooking von NTDLL, schaltet Antimalware Scan Interface (AMSI) sowie Event Tracing for Windows (ETW) ab und entfernt DllNotification-Callbacks, die Prozesse beim Laden und Entladen von DLLs melden. Direkt danach folgen Debugger-Erkennung und Crash-Auslösung, um dynamische Analyse zu erschweren. Auch der Prozesskontext wird geprüft: Das Malware-Parent-Profil wird gegen erwartete Runner wie rundll32.exe und svchost.exe validiert. Für die Privatsphäre und Compliance in Unternehmen ist das besonders relevant, weil solche Techniken neben Datendiebstahl häufig auch „Spurenvermeidung“ einschließen und damit Auditierbarkeit und Incident-Forensik erschweren.
Auf Operations-Ebene baut TELEPUZ eine eindeutige Opferkennung, indem Hardware-Serial, Computernamen und das Betriebssystem-Installationsdatum verkettet werden. Anschließend startet es parallel zwei Threads: einen zur Privilegsteigerung inklusive Windows-Service-Installation und einen zur C2-Kommunikationsschleife. Für die Elevation wird COM Elevation Moniker genutzt; für SYSTEM-Rechte wird token theft bei mehreren vordefinierten Prozessen versucht, darunter spoolsv.exe, msdtc.exe, WmiPrvSE.exe und svchost.exe. Die Persistenz erfolgt über Registry-Änderungen, sodass Windows die Malware in einer neuen svchost.exe-Instanz lädt. Beim C2-Setup versucht TELEPUZ bis zu zehn Verbindungsversuche und weicht dann über mehrere, teils verschlüsselte Fallback-Quellen aus – unter anderem über Telegram- und Steam-Profile, DNS-Abfragen sowie einen Polygon-Smart-Contract. Die Befehle laufen über WebSockets mit optionalem TLS; Fähigkeiten reichen von File-Enumeration und Command Execution bis zu Screenshot-Capture, Web-Injection sowie Cookie-Extraktion in Chromium-basierten Browsern. Daneben nutzt ein Browser-Injection-Modul das Chrome DevTools Protocol (CDP) und WebDriver BiDi, um auch JavaScript-Aktionen gegen Browserkontexte auszuführen.
Für die Zukunft spricht einiges dafür, dass TELEPUZ stärker in Richtung „automatisierte Kampagnenfähigkeit“ skaliert. Die bisherige Zahl aktiver C2-Domains wirkt zwar begrenzt, doch die hohe Build- und Updatefrequenz deutet auf frühe MaaS-Reife hin. Gleichzeitig zeigen die Hinweise, dass Stage-Domains über Cloudflare geschützt waren, während die C2-Server als kompromittierte Websites in Brasilien und Indien identifiziert wurden, was auf eine Logistik- und Hosting-Härtung der Betreiber schließen lässt. Regulatorisch verschiebt das den Fokus: Wer personenbezogene oder sicherheitsrelevante Daten verarbeitet, braucht nicht nur Endpoint-Schutz, sondern auch Kontrollen gegen unautorisierte Clipboard-/Pastejacking-Workflows, privilegierte Service-Installationen und Browser-Profilzugriffe. Absehbar ist, dass Anbieter künftig stärker in Telemetrie-Korrelation investieren müssen, die nicht ausschließlich auf ETW/AMSI-Signale setzt, um Abschaltversuche dieser Art zu überstehen.
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