LONDON (IT BOLTWISE) – Nach einem kräftigen Lauf geraten KI-Hardware-Aktien laut CIO Richard Reyle unter Druck, weil die anfängliche Euphorie bei Halbleitern nicht automatisch in dauerhaft steigende Renditen mündet. Er verweist auf eine Rotation weg von überlaufenen Momentum-Trades und plädiert stattdessen für zwei vergleichsweise günstige Sektoren. Gesundheitswerte rund um GLP-1-Therapien sowie Banken sollen davon profitieren, dass der Markt die Risiken der KI-Infrastruktur-Ausgaben neu bewertet. Für Anleger ist die Botschaft: Gewinne mitnehmen und die Wetten breiter streuen.

KI-Hardware-Aktien stehen an einem empfindlichen Punkt: Richard Reyle, Chief Investment Officer bei Questar Capital Partners und verantwortlich für 1,3 US-Milliarden Dollar (1,1 Milliarden Euro) Vermögen, sieht den Hype um die jüngsten Kursanstiege als überdehnt an. Im Kern geht es um eine Verschiebung im Marktregime. Wo Momentum-Trades im ersten Halbjahr besonders stark liefen, setzt jetzt eine Rotation ein, die vor allem Titel mit starkem Bewertungs- und Erwartungsanstieg trifft. Reyle ordnet das als „epischen Short“ ein und argumentiert, dass die Kurse bereits Bewegung zeigen, aber die strukturellen Risiken für die weitere Aufwärtsdynamik bleiben.
Technisch betrachtet ist die Stoßrichtung nachvollziehbar: KI-Infrastruktur hängt operativ an einer Kette aus Rechenleistung, Speichermedien und verketteter Liefer- und Rechenzentrumslogistik. Wenn Unternehmen ihre Investitionsbudgets nicht weiter beschleunigen, sondern das Wachstum verlangsamen, trifft das nicht nur die erwarteten Umsätze, sondern auch die Planungsannahmen der Märkte. Reyle stellt dabei nicht zwingend einen starken Rückgang der Ausgaben in den Vordergrund, sondern bereits eine „Verlangsamung des Ausgabenwachstums“. Genau diese zweite Ableitung ist für Bewertungsmodelle häufig entscheidend, weil sie die erwartete Gewinnkurve für das kommende Jahr nach unten korrigiert.
Als konkretes Benchmark-Signal nennt der CIO die starke Bewegung im Halbleiterumfeld im zweiten Quartal: Der iShares Semiconductor ETF stieg zwischen dem 30. März und dem 22. Juni um 111 Prozent, bevor der Index anschließend um 18 Prozent zurückging. Selbst nach dieser Korrektur liegt der Bereich 2026 weiterhin etwa 70 Prozent im Plus. Die Spannung entsteht dadurch, dass Anleger den Unterschied zwischen „Aktienrally“ und „fundamental tragfähigem Wachstum“ stärker gewichten. In solchen Phasen reagieren Bewertungen oft sensibel auf Veränderungen bei Bestellungen, Kapazitätsauslastung und Margenprognosen. Gerade Speicherhersteller und Chipunternehmen geraten in dieser Logik ins Zentrum der Rotation.
Reyle bringt zudem einen Erfahrungssatz aus der Immobilienblase Mitte der 2000er Jahre als Metapher ins Spiel: Nicht der plötzliche Einbruch, sondern die Verlangsamung einer vorher kräftigen Dynamik habe den Bruch ausgelöst. Übertragen auf die KI-Welt bedeutet das: Die Frage lautet, ob Bedarf und Preissetzung in der Lieferkette Schritt halten. Als Warnsignal nennt er, dass Meta überschüssige Rechenkapazität an andere Unternehmen verkauft. Solche Second-Hand- oder Umlagerungsmechanismen können darauf hinweisen, dass interne Kapazitätsplanungen kurzfristig weniger knapp sind als vom Markt eingepreist. Damit schrumpft der Spielraum für „immer weiter steigende“ Ausgabenfantasien.
Marktseitig verstärkt sich das Bild durch zwei weitere Faktoren, die Reyle anspricht. Erstens könnten günstigere KI-Modelle, die auf den Markt kommen, insgesamt zu einem Ausgabenrückgang führen und damit die erwartete Gewinnschwemme der Chiphersteller glätten. Zweitens nehmen Anleger wahr, dass die Renditen der Investitionen in KI-Infrastruktur nicht automatisch mit den Budgetsteigerungen steigen müssen. Für die Branche ist das ein Wettbewerbsthema: Während größere Plattform- und Cloud-Anbieter ihre eigenen Infrastrukturen optimieren, entsteht parallel Druck auf den Ausbauplan von Zulieferern, weil deren Absatz weniger linear wächst. Wettbewerber- und Benchmark-Druck entsteht zudem über Indizes und ETFs, die Kapital prozentual in ganze Segmente umschichten.
Auf der Suche nach gegenläufigen Chancen nennt Reyle zwei Trades: Gesundheitswerte und Finanzwerte. Im Gesundheitssektor konzentriert er sich auf Pharma, insbesondere auf Unternehmen, die von der steigenden Nachfrage nach GLP-1-Medikamenten profitieren. Bei Eli Lilly sieht er ein Kurspotenzial von 25 Prozent und argumentiert, dass der Gesundheitssektor historisch defensiver wirkt, wenn Markt und Konjunktur schwanken. Dazu kommt eine relative Bewertung: Der Gesundheitssektor werde mit einem erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 17,9 gehandelt, während der S&P 500 bei 20,3 liegt. Das ist für „Rotation“ wichtig, weil es den Unterschied zwischen kurzfristigem Momentum und längerem Investmenthorizont adressiert.
Zweiter Pfeiler sind Finanzwerte, vor allem Banken. Reyle begründet das mit einem möglichen Rückenwind durch einen „heißen IPO-Markt“ und ein höheres Kreditvolumen, was sich auf die Erlöse auswirken dürfte. Dass Banken bereits Rekordquartale gemeldet haben, liefert dem Argument kurzfristige Plausibilität. Zusätzlich betont er das wachsende Geschäft mit Vermögensverwaltung als strukturellen Gewinntreiber. Als Beispiele nennt er JPMorgan, das neue Filialen für die Vermögensverwaltung eröffne, sowie Morgan Stanley mit einem Rekordzufluss von 148 Milliarden Dollar (129 Milliarden Euro) an neuen Vermögenswerten im zweiten Quartal. In Bewertungsfragen erscheint auch hier der Abschlag: Für Finanzwerte nennt er ein erwartetes KGV von 15,6.
Für die Umsetzung bleibt die eigentliche Konsequenz: „Gewinne mitzunehmen“ und auf die Rückkehr zum Mittelwert zu setzen, statt die ausgedehnten Bewertungsprämien der KI-Hardware weiter zu finanzieren. Konkret nennt Reyle mehrere börsengehandelte Produkte als Zugang zu den Sektoren, darunter XLV für Health Care, PPH für Pharma, VFH für Financials und KBWB für Banken. Regulatorisch und datenschutzseitig ist der direkte Hebel zwar geringer als bei KI-Software, aber die Investitionslogik berührt dennoch die Unternehmenspraxis: Datensouveränität, Compliance und die Stabilität von Rechenzentrumsprozessen sind Faktoren, die in Stressphasen über Skalierungsvorteile entscheiden. In der nächsten Phase dürfte sich zeigen, ob KI-„Capex“ wieder kalkulierbarer wird und ob die Rotation dauerhaft bleibt oder nur ein Zwischenstopp vor der nächsten Re-Preisung ist.
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