LONDON (IT BOLTWISE) – In einer aktuellen Sicherheitsanalyse wurde ein offen zugänglicher Delivery-Server entdeckt, auf dem ein komplettes KI-gestütztes Phishing-Toolkit mitsamt Testnotizen lag. Rapid7 beschreibt, wie der Betreiber die Kampagne nicht nur ausrollte, sondern sie im selben Repository parallel weiterentwickelte – inklusive fehlgeschlagener Experimente und detaillierter Abdeckungslogik. Besonders brisant: Ein WebDAV-Working-Directory-Hijack startet signierte Windows-Binaries ohne typische Warnhinweise, bis Microsoft die Lücke im Juni 2025 schloss. Jetzt zeigt das Material, wie der Angreifer die Methode auf weitere 59 Kandidaten ausdehnt und damit die nächste Welle bereits vorformatiert.

Offener Server enttarnt WebDAV-Phishing: KI-gestütztes Toolkit mit 59 Testfällen
Offener Server enttarnt WebDAV-Phishing: KI-gestütztes Toolkit mit 59 Testfällen (Foto: IT BOLTWISE)
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Ein offener Delivery-Server hat einen Blick auf die „Build-Pipeline“ eines Phishing-Betriebs freigegeben: Zwischen 1.048 Dateien fand sich nicht nur fertiger Schadcode, sondern ein vollständiger Werkzeugkasten mit Lure-Templates, Testszenarien, Builder-Notizen und zwei zusammenhängenden Kampagnenketten. Entscheidend ist, dass das Material einen Entwicklungszustand dokumentiert – mit Logauszügen, gescheiterten Experimenten und einer Testsystematik, die man eher aus Software-Engineering als aus Angreifer-Handbüchern kennt. Im Zentrum steht ein WebDAV-basiertes Vorgehen, das Windows-Fehlannahmen ausnutzt und über eine.url-Verknüpfung signierte Binaries missbraucht, um schrittweise zum Infostealer zu gelangen.

Technisch baut das Muster auf dem WebDAV-Working-Directory-Hijack auf, einer Schwachstelle, die Check Point bereits im Zusammenhang mit einem CVE-Set beschrieb und die später im CISA-KEV-Katalog auftauchte. Die Idee wirkt simpel, aber sie ist effektiv: Eine.url-Shortcut startet eine legitime, signierte Windows-Anwendung. Gleichzeitig wird das „Working Directory“ so gesetzt, dass Windows auf einer vom Angreifer kontrollierten WebDAV-Freigabe eine scheinbar lokale Abhängigkeit findet. In der Originalkette startet die Verknüpfung ein Internet-Explorer-Diagnose-Tool; dieses lädt dann Helper-Komponenten wie eine Route-Logik per Dateiname, sodass Windows die Angreifer-Datei statt die System32-Version priorisiert. Dass Microsoft im Juni 2025 nachgezogen hat, zeigt: Die Lücke war real in Produktion und nicht nur ein theoretisches PoC.

Wo es über den reinen Payload hinausgeht, ist die Skalierungslogik. Laut Rapid7 konzentrierte sich der „ausgereifte“ Testset auf CVE-2025-33053, doch daneben lag ein Verzeichnis mit kleineren Kandidatensets für weitere Dateihandling-Probleme, darunter MSHTML- und NTLM-bezogene Schwächen. Noch wichtiger: Ein „comprehensive test kit“ vergrößerte die WebDAV-Hijack-Idee auf 59.url-Dateien. Statt bestätigter Hijacks waren es Kandidaten: Je Shortcut existiert eine Theorie, warum die Arbeitsverzeichnishijack auch bei anderen signierten Binaries funktionieren dürfte – inkl. einer tierierten Reihenfolge der Tests. Der Kontext liefert auch die Motivation: Windows 11 24H2 entfernt die Internet-Explorer-Komponente, wodurch die ursprüngliche Kette bricht. Der Betreiber reagiert darauf, indem er die Methode auf neue Windows-Bestandteile überträgt.

Der Markt- und Prozessbezug wird in den Artefakten besonders sichtbar. Rapid7 beschreibt READMEs, Lure-Generierung und Matrix-ähnliche Testauswertungen, die in Format, Wortwahl und dem auffälligen Emoji-Stil stark an LLM-Ausgaben erinnern. Dazu kommt eine _MAPPING.csv, die Testdateien konkret mit Zielbinaries verknüpft. Auch die Kommentare und Ordnernamen – etwa „testik“ – deuten auf einen russischsprachig geprägten Arbeitskontext hin, ohne dass die Person klar identifiziert wird. Als Wettbewerbs-Referenz ordnet Rapid7 den Workflow als „LLM-Produktteam“-Ansatz ein: Anstelle eines klassischen Malware-Operators wirkt das Repository wie eine Engineering-Umgebung, die generative KI für Produktion, Prüfung und Dokumentation nutzt. Der Vergleich mit etablierten Agenten-Ansätzen wie CodeRRR/Claude Code oder Copilot CLI ist dabei eher methodisch als quelloffenheitsbezogen.

Auf Kampagnenebene wird die Verbindung zur Praxis schnell greifbar. Das MDR-Alert führt zu einer Typosquatting-Domain „gobf[.]mx“, die einen mexikanischen National-ID-Flow (CURP) nachbildet. Der Trigger ist eine fake „Record Retrieval“-Seite: Ein Klick startet eine search-ms: -Abfrage, die den WebDAV-Share des Angreifers öffnet. Dort landet der Nutzer in einer Windows-Explorer-Ansicht, die auf.scr-Dateien filtert. Eine zentrale Masche kombiniert dabei Namens-Tricks: Ein CURP-ähnliches PDF-Layout soll Vertrauen erzeugen, während eine.scr-Datei geliefert wird. Durch RTL-Override (U+202E) liest der Name wie „.pdf.exe“ oder „.pdf.scr“ – je nach Anzeige – und der Inno-Setup-Installer entpackt anschließend einen Loader, der eine.NET-Infostealer-Komponente „in memory“ nachlädt und dabei einen signierten Prozess missbraucht (u. a. über einen Qihoo-360-ähnlichen Mechanismus).

Die Infostealing-Kette zielt auf hochwertige Daten: Kryptowallets, Browser- und Browserdaten, Session-Cookies sowie Telegram-Sessions. Parallel dokumentiert Rapid7 eine zweite Kampagnenstruktur namens „DlrtyGames“, die einen anderen Weg nutzt: Über ein trojanisiertes DLL-Sideloading in Verbindung mit einem signierten Ubisoft-Binary wird eine modulare.NET-RAT nachgeladen. Für die Einordnung in die „Kill-Chain“ ist außerdem relevant, was als „Launch Event“ zählt. Rapid7 sieht im Delivery-Panel 77.098 Requests in rund 5,5 Tagen (20. bis 26. Juni 2026, UTC) von 3.892 IPs aus 101 Ländern; davon entfallen 82,5% der Traffic-Anteile und 96,9% der Launch-Aktivität auf Mexiko. Die 97,7% durch einen einzelnen CURP-Lure beziehen sich auf Auslieferungssignale und nicht auf verifizierte Infektionen – und der Musterabgleich (Cluster in mexikanischen Arbeitszeiten) legt nahe, dass ein Teil der Zugriffe eher echten Nutzern als automatischem Scanning entspricht.

Für Verteidiger verschiebt sich der Fokus damit: Der Juni-2025-Patch schließt den ursprünglichen iediagcmd-Pfad, aber das 59-Dateien-Set zeigt, dass der Betreiber die gleiche Working-Directory-Idee auf weitere signierte Kandidaten abbildet. Rapid7 empfiehlt daher, die von ihnen veröffentlichten Indikatoren für die beiden Kampagnen zuerst zu blockieren – inklusive C2-Endpoints und Hashes. Doch selbst wenn IOCs nicht greifen, nennt das Material das Verhalten, das man in Telemetriedaten früh erkennen sollte: Start des WebClient-Dienstes und Zugriffe von davclnt.dll auf Remote-Hosts; anschließend ein signiertes Binary, das ein Child-Prozess-Image startet, dessen Pfad auf einen WebDAV- oder UNC-Share zeigt. Dazu kommen Namensindikatoren wie RTLO, Doppel-Endungen und Auffüllung vor.exe/.scr. Genau diese Muster sind für enterpriseweite Detection-Workflows über mehrere Endgeräteklassen hinweg wertvoll.

Der Ausblick richtet sich auf den systematischen Charakter des Angriffs. Wenn ein Angreifer „commodity“ KI-Coding-Agents so nutzt, dass Testkits, Mapping-Tabellen und Lure-Templates wie Produktartefakte funktionieren, verschiebt sich der Aufwand vom Exploit-Bau zur Wiederverwendung von Engineering-Prozessen. Für Organisationen bedeutet das: Incident Response und Secure Development Lifecycle müssen stärker auf „Agenten-ähnliche“ Delivery-Logiken reagieren, etwa durch EDR-Korrelation zwischen Web-Intent, WebDAV-Zugriffen und Child-Spawn-Pfaden. In regulatorischer Hinsicht bleibt das Thema außerdem datenschutzrelevant, weil Infostealer häufig personenbezogene Konten- und Sessiondaten erfassen; hier sind Logging-Richtlinien und Aufbewahrungsfristen so zu gestalten, dass Compliance und Forensik zusammenpassen. Die nächsten Schritte werden vermutlich weniger „eine große Lücke“ sein, sondern mehrere schnelle Varianten innerhalb derselben generativen Pipeline – passend zu Windows-Update-Zyklen und neuen Zielbinaries.


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