MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Im Münchner Wirecard-Verfahren rückt die Schlussphase deutlich näher: Das Landgericht München I will die Schlussplädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung in die vierte Oktoberwoche legen. Der Vorsitzende Richter Markus Födisch schlug vor, die Plädoyers als Block hintereinander zu hören, beginnend mit der Staatsanwaltschaft am 19. Oktober. Der Prozess gegen Markus Braun und zwei Mitangeklagte läuft seit dem 8. Dezember 2022, bisher wurden mehr als 270 Verhandlungstage absolviert. Nach den letzten Worten der Angeklagten soll dann nur noch der Richterspruch folgen.

Der Wirecard-Prozess im Münchner Strafrechtssaal tritt in eine Phase ein, in der sich aus Verfahrensarbeit plötzlich eine konkrete Taktung ergibt: Das Landgericht München I will die Schlussplädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung in der vierten Oktoberwoche ansetzen. Damit verschiebt sich der Fokus vom langen Beweis- und Verfahrensabschnitt hin zu dem Moment, der juristisch als letzte argumentative Weiche gilt. Vorsitzender Richter Markus Födisch brachte zugleich eine praktische Form der Beschleunigung ins Spiel: Die Plädoyers sollen möglichst geblockt und hintereinander stattfinden.
Dass die Schlussphase überhaupt so dicht vor der Tür steht, liegt auch an der Länge des Verfahrens selbst. Der Prozess gegen den früheren Vorstandschef Markus Braun sowie zwei Mitangeklagte läuft seit dem 8. Dezember 2022. Braun bestreitet nach wie vor alle Vorwürfe, und er sitzt bereits seit dem Kollaps des ehemaligen DAX-Konzerns vor sechs Jahren in Untersuchungshaft. In dieser Zeit hat die Kammer mehr als 270 Verhandlungstage absolviert, ein Signal dafür, wie umfangreich die gerichtliche Aufarbeitung der Geschehnisse über mehrere Jahre hinweg gewesen ist.
In der letzten Etappe wird zudem sichtbar, wie unterschiedlich die Parteien ihre Zeitplanung im Gerichtssaal gestalten. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidiger Brauns und des Kronzeugen Oliver Bellenhaus wollen jeweils einen ganzen Prozesstag plädieren. Braun selbst soll darüber hinaus einen eigenen ganzen Tag für das letzte Wort nutzen, während die Verteidiger des Ex-Chefbuchhalters und dritten Angeklagten die Plädoyers auf ein halbtägiges Format begrenzen wollen. Ein konkreter Urteilstermin wurde zwar nicht genannt, allerdings wird die Logik der nächsten Schritte klar: Nach den letzten Worten der Angeklagten fehlt dann nur noch der richterliche Ausspruch.
Födisch setzt dabei auch auf eine andere Rhythmik als in der bisherigen Schlussphase-Realität vieler Großprozesse. In den vergangenen Jahren verhandelte die Kammer üblicherweise an zwei Tagen pro Woche. Für die Schlussrunde erwartet das Gericht dagegen offenbar mehr Tempo, wie es in der Ankündigung anklingt: Andernfalls müsse man sich darauf einstellen, dass es noch Wochen dauere, bis das Verfahren durch sei. Der Vorschlag lautet, mit der Staatsanwaltschaft am 19. Oktober zu beginnen und die Plädoyers im Block abzuarbeiten. Diese taktische Reihenfolge ist mehr als nur organisatorisch, weil sie die emotionale und inhaltliche Dramaturgie des finalen Verfahrensabschnitts mitprägt.
Die inhaltliche Spannung speist sich indes aus einem grundlegenden Konflikt: Die Staatsanwaltschaft hält Markus Braun für den Haupttäter. In der Anklage beziffert sie den mutmaßlichen Schaden auf gut drei Milliarden Euro. Die Argumentation zielt darauf, dass über Jahre hinweg Umsätze in Milliardenhöhe erdichtet worden seien, um den ansonsten defizitären Konzern mithilfe hoher Bankkredite am Laufen zu halten. In diesem Narrativ steht weniger die einzelne Transaktion im Mittelpunkt, sondern die behauptete Systematik über einen längeren Zeitraum, was wiederum erklärt, warum die Beweisaufnahme im Gericht so langwierig wurde.
Braun dagegen zeichnet ein entgegengesetztes Bild: Er sieht sich als Opfer einer Betrügerbande um den früheren Vertriebsvorstand Jan Marsalek, der untergetaucht ist. Marsalek wird dabei nicht als Randfigur behandelt, sondern als zentraler Teil des Verteidigungsnarrativs, das die Schuldfrage vom Angeklagten weglenken soll. Oliver Bellenhaus, der in der Verfahrensdramaturgie als Kronzeuge auftritt, soll wiederum Braun als Mittäter und -wisser beschuldigen. Dass ein Freispruch für Braun ausgeschlossen sei, wird in der Darstellung als juristische Konsequenz beschrieben, sofern sich in den kommenden Wochen nicht „eine sensationelle Wende“ ergibt – ein Hinweis darauf, wie eng die Wahrscheinlichkeit in der aktuellen Verfahrensphase interpretiert wird.
Für Beobachter liegt der entscheidende Punkt nun nicht mehr darin, ob die Streitpunkte grundsätzlich verhandelt werden, sondern wann und in welcher Form das Gericht die abschließende Gesamtschau trifft. Die geplante Blockstruktur der Schlussplädoyers, die konkreten Daten im Oktober sowie die unterschiedlichen Plädoyer-Längen deuten auf eine klar gesteuerte Restdauer hin. Sobald die letzten Worte gesprochen sind, bleibt nur noch der Richterspruch als formaler Schlusspunkt. Damit bewegt sich das Verfahren in ein Kapitel, in dem sich Jahre juristischer Arbeit in wenige Gerichtstage verdichten.
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