LONDON (IT BOLTWISE) – Die BaFin zieht zum 1. Juli 2026 eine klare Linie gegen Payment for Order Flow (PFOF) und sorgt mit MaRisk 10.0 gleichzeitig für neue Spielregeln im Risikomanagement. Für viele Institute rücken auch KI-Risiken und Cybersicherheit stärker in den Fokus, während Parallelaufsichten konkrete Maßnahmenpläne einfordern. Zusätzlich kommt es zu einer rechtsverbindlichen Anordnung wegen Schwächen in der Geldwäschebekämpfung. Insgesamt steigt damit der Druck, Prozesse, Systeme und Verantwortlichkeiten schneller zu modernisieren.

BaFin verschärft KI- und Aufsichtsregeln: PFOF-Aus ab Juli
BaFin verschärft KI- und Aufsichtsregeln: PFOF-Aus ab Juli (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Finanzaufsicht BaFin setzt ihre Regulierungspraxis spürbar unter Zeitdruck und verknüpft dabei drei Themen, die in Bankenhäusern meist getrennt geplant werden: Risikomanagement, Handelsausführung und Cyber-/KI-Risiken. Seit dem 1. Juli 2026 ist in Deutschland das Payment for Order Flow (PFOF) beendet. Dahinter steckt ein Grundsatzkonflikt, der in der Praxis beim Order-Routing schnell zum Compliance-Thema wird: Broker dürfen nicht deshalb Zahlungen erhalten, um Kundenorders „umzuleiten“, wenn die Weiterleitung nicht nachweislich im besten Interesse der Kundinnen und Kunden geschieht. Die Übergangsfrist endete am 30. Juni, und die BaFin knüpft daran direkt die Erwartung, dass Geschäftsmodelle angepasst werden müssen.

Technisch und prozessual bedeutet der PFOF-Stop vor allem eins: Order-Routing braucht belastbare Kriterien, die nicht über finanzielle Anreize „verschoben“ werden können. Ein Aufsichtsschreiben vom 22. Juli 2026 benennt dabei drei Umgehungs-Tricks, die nicht toleriert werden. Für Unternehmen ist das weniger eine Frage von einzelnen Verträgen als von Systemlogik und Entscheidungswegen in der Ausführungsstrecke: Routing-Entscheidungen müssen nachvollziehbar dokumentiert, regelmäßig überprüft und in die Governance eingebettet werden. Wo früher oft nur die Vergütung und die Orderausführung als getrennte Kontrolle betrachtet wurden, rückt nun die durchgängige Kette vom Kundenauftrag bis zur tatsächlichen Ausführung stärker in den Mittelpunkt.

Parallel dazu schafft BaFin mit MaRisk 10.0 konkretere Rahmenbedingungen für das Risikomanagement. Am 30. Juni 2026 veröffentlichte die Aufsicht die finale Version, die Umsetzungsfrist endet am 1. Januar 2027. Die Neuerungen drehen sich insbesondere um Nachhaltigkeitsrisiken und Anpassungen für kleinere Institute. So fällt für bestimmte Kapitalanforderungen der zehnjährige Referenzzeitraum für ESG-Risiken weg; außerdem dürfen Institute mit zusätzlichem Eigenkapitalpuffer in Höhe von zwei Prozent (CET1) ihre Strategie- und Kapitalplanung künftig nur noch jährlich überprüfen, statt häufiger. Ergänzend wird ein Auslagerungsregister eingeführt, und die Risikocontrolling-Funktion wandert auf die zweite Führungsebene. Insgesamt werden 43 der insgesamt 51 Änderungen aus der Branche als positiv bewertet.

Damit wird deutlich, wie eng die Aufsicht inzwischen verknüpft: „Risikomanagement“ ist nicht nur eine Modellfrage, sondern auch ein Baustein für organisatorische Kontrolle. Das Auslagerungsregister wirkt dabei wie ein strukturelles Werkzeug, um Dienstleister- und Outsourcing-Risiken besser sichtbar zu machen. Wenn das Risikocontrolling auf eine höhere Führungsebene gehoben wird, verändert sich zudem die Durchgriffsstärke der zweiten Linie – und damit auch die Erwartung, wie schnell Schwachstellen eskalieren dürfen, bevor sie zu echten Verlustereignissen werden. Für kleinere Institute sind die Erleichterungen daher nicht bloß Komfort, sondern auch ein Signal, wo die Aufsicht den größten Nutzen erwartet: in der zielgerichteten Umsetzung, nicht in der reinen Dokumentationslast.

Der Blick auf KI-Risiken kommt dabei nicht aus der Ecke „Zukunftsmusik“, sondern wird europäisch bereits als handfeste Gefahr eingestuft. Der Europäische Ausschuss für Systemrisiken (ESRB) hat am 7. Juli 2026 sogenannte Frontier-KI-Modelle (FAIMs) als Quelle schwerwiegender systemischer Cyberrisiken klassifiziert. Die Risikobewertung stieg von „erhöht“ auf „schwerwiegend“. Der Grund: Solche Modelle können Sicherheitslücken eigenständig entdecken und innerhalb von Minuten Exploits entwickeln. Aus Unternehmenssicht ist das ein Shift in der Bedrohungslogik, weil Angriffszyklen dadurch kürzer werden und Sicherheitsmaßnahmen stärker „automatisierbar“ gedacht werden müssen – etwa beim Monitoring, bei der Erkennung von Anomalien und bei der schnellen Verteilung von Patches.

Auch die konkreten Aufsichtserwartungen folgen diesem Muster. Die Europäische Zentralbank verlangt von bedeutenden Instituten bis zum 31. Oktober 2026 einen umfassenden, vom Vorstand genehmigten Cybersicherheits-Aktionsplan mit Fokus auf KI-Risiken. Zudem forderte Polens Aufsichtsbehörde KNF Banken am 22. Juli auf, das Schwachstellenmanagement und die Überwachung von IT-Dienstleistern zu verschärfen. Grundlage ist der Digital Operational Resilience Act (DORA), der seit Anfang 2025 vollständig gilt. DORA zielt dabei weniger auf einzelne Tools als auf die betriebliche Widerstandsfähigkeit: von Incident-Handling über Kontrollmechanismen für Dienstleister bis hin zu belastbaren Prozessen, um Ausfälle und Cyberereignisse schneller einzudämmen.

Wie konsequent diese Themen umgesetzt werden, zeigt auch die Durchsetzung im Bestand. Am 22. Juli 2026 erteilte die BaFin eine rechtsverbindliche Anordnung gegen die Helaba wegen schwerwiegender Mängel bei der Geldwäschebekämpfung. Die Aufsicht stellte systemische Kalibrierungsprobleme in der Transaktionsüberwachung fest: Daten aus der Handelsfinanzierung, aus Unternehmenskrediten und aus Korrespondenzbankgeschäften seien nicht ausreichend eingebunden. Die Helaba muss ihre Überwachungssysteme umbauen, monatliche Fortschrittsberichte vorlegen und unabhängige Prüfer mit der Kontrolle beauftragen. Für Compliance-Verantwortliche ist das ein deutliches Signal: Technik- und Datenintegration sind keine „Nice-to-have“-Optimierungen, sondern zentral für die Wirksamkeit von Kontrollsystemen.

Ergänzend verhandelt die EU gerade über Entlastungen, die das Tempo der Compliance-Umsetzung beeinflussen können. Am 22. Juli 2026 veröffentlichte die EU-Kommission einen Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit von Banken. Ziel ist, regulatorische Lasten zu senken und den Binnenmarkt zu stärken; konkrete Gesetzesvorschläge werden für das erste Quartal 2027 erwartet. Unterstützt wird das Vorhaben von Finanzministern mehrerer Länder in einem gemeinsamen Arbeitspapier, in dem unter anderem die Behandlung von Software-Vermögenswerten überprüft, Kapitalpuffer vereinfacht und Nachhaltigkeitsberichtspflichten reduziert werden sollen. Bankenverbände begrüßen grundsätzlich die Stoßrichtung, warnen aber vor einem spürbaren Anstieg der Kapitalanforderungen für kleine und mittlere Institute. Für die Praxis heißt das: Institute müssen parallel sowohl „harte“ Umsetzungsfristen aus der Aufsicht als auch mögliche EU-weite Regelanpassungen im Blick behalten, weil sich Prioritäten in Modellierung, Dokumentation und Governance innerhalb weniger Quartale verschieben können.


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