BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger warnt vor zusätzlichen zweistelligen Milliardenkosten durch eine für dieses Jahr angekündigte Rentenreform. Besonders kritisch sieht er die vorgesehene Kapitalrente: Arbeitgeber und Beschäftigte sollen dafür jeweils zusätzlich zwei Prozent des Bruttoeinkommens zahlen. Dulger verlangt im Gegenzug Beitragsentlastungen an anderer Stelle, damit die Arbeit nicht weiter verteuert wird. Parallel übt er scharfe Kritik an Plänen, die Steuer- und Sozialversicherungsfreiheit von Minijobs im Grundsatz auszuhebeln.

Arbeitgeberpräsident Dulger fordert Korrekturen bei Rentenreform: Arbeit darf nicht teurer werden
Arbeitgeberpräsident Dulger fordert Korrekturen bei Rentenreform: Arbeit darf nicht teurer werden (Foto: IT BOLTWISE)
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Rainer Dulger, Arbeitgeberpräsident, macht die nächste politische Baustelle in der Rentendebatte fest: Die geplante Reform müsse nach seiner Auffassung noch einmal nachgeschärft werden, weil sie Unternehmen und Beschäftigte zusätzlich spürbar belasten könnte. Im Zentrum steht dabei nicht das Grundziel der Reform, sondern die konkrete Kostenlogik. Dulger verweist auf eine noch für dieses Jahr angekündigte Umsetzung, die seiner Ansicht nach zu weiteren Kosten in der Größenordnung „zweistelliger Milliarden“ führen kann. Für ihn ist die politische Botschaft dabei zu einseitig: Es reiche nicht, wenn die Regierung das Vorhaben kommunikativ feiert, während die finanzielle Last im Arbeitsmarkt ankommt.

Technisch und finanziell dreht sich die Debatte um eine neue Kapitalrente als zusätzliche Säule zur bestehenden gesetzlichen Rentenversicherung. Laut den genannten Plänen sollen Arbeitgeber und Beschäftigte über den normalen Rentenbeitrag hinaus jeweils zwei Prozent des Bruttoeinkommens einzahlen. Diese Zusatzbeiträge sollen ab einer 2028 beginnenden Übergangsphase sukzessive Wirkung entfalten und in individuellen Versichertenkonten Kapital aufbauen, das am Kapitalmarkt angelegt wird. Ziel der Maßnahme ist, dass ab 2040 steigende Erträge das Rentenniveau verbessern – sogar über den heutigen Wert von 48 Prozent hinaus. Dulger knüpft daran eine betriebswirtschaftliche Gegenrechnung: Schon nach dem ersten öffentlichen Entwurf hatte er eine Mehrbelastung von mehr als 40 Milliarden Euro pro Jahr für Unternehmen und Beschäftigte angeführt. Damit bleibt für ihn die zentrale Frage offen, wie die Politik die neue kapitalgedeckte Logik finanziert, ohne die Lohnnebenkosten spürbar zu erhöhen.

Damit wird die Reform für Dulger vor allem zu einer Frage der Systemarchitektur: Wer kapitalgedeckte Vorsorge stärken wolle, müsse die Beitragsbelastung an anderer Stelle senken. Er fordert also keine Abschaffung des Ansatzes, sondern eine Verschiebung der Kostenbasis. Seine Kritik trifft damit einen Punkt, der in vielen Reformdiskussionen in Deutschland umstritten bleibt: In einem Umfeld, in dem Demografie und Beitragszahlerdruck zusammenspielen, können zusätzliche Umlageschritte oder neue Abgaben politisch als „Teilnahme am Zukunftskapital“ verkauft werden – betriebsseitig erscheinen sie aber als unmittelbare Kostensteigerung pro Beschäftigungsverhältnis. Dulger formuliert deshalb deutlich, dass die Rente nicht „sicherer“ werde, wenn Arbeit strukturell teurer wird. Für Arbeitgeber bedeutet das: Die Reform sollte stärker auf Entlastungen und Anreize setzen, statt Lasten dauerhaft zu verlagern.

Inhaltlich setzt Dulger aber nicht nur bei der Kapitalrente an, sondern auch bei einzelnen Stellschrauben, die eher auf dem Arbeitsmarkt als im Rentensystem selbst wirken. Besonders scharf kritisiert er die Idee, die Steuer- und Sozialversicherungsfreiheit von Minijobs grundsätzlich abzuschaffen. Dulger sagt dabei, er beschäftige selbst Minijobber, darunter auch einige Rentner. Diese Gruppe arbeite nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern wolle „dazuverdienen“, zum Team gehören und einmal pro Woche im Betrieb präsent sein. Genau an dieser Motivation macht sich für ihn die praktische Wirkung fest: Wenn Minijobs aus dem steuer- und sozialrechtlichen Sonderstatus herausgezogen würden, könnten Beschäftigungsformen verdrängt werden, die im Alltag für geringe Stundenvolumina bislang relativ unbürokratisch sind. Dulger argumentiert gleichzeitig mit einem anderen Narrativ: Minijobs verdrängten keine regulären Stellen, sondern seien insbesondere ein Instrument gegen Schwarzarbeit. In der Logik heißt das: Niedrige Hürden für legale Beschäftigung könnten die Schattenwirtschaft eindämmen.

Auch bei den Renten-Zugangsvoraussetzungen verlangt Dulger Korrekturen. Er bewertet die Vorschläge der Rentenkommission zwar grundsätzlich als Arbeit, die „den demografischen Wandel“ anerkenne und eine abschlagsfreie Frühverrentung beenden wolle. Gleichzeitig bleibt er skeptisch, etwa bei der vorgeschlagenen Abschaffung der abschlagsfreien Rente für „besonders langjährig Versicherte“ mit 45 Berufsjahren. Zulasten der Reform sieht er außerdem das Tempo beim Anstieg des Rentenalters: Der Plan, das Rentenalter bis 2041 auf 67,5 Jahre zu erhöhen, gehe „in die richtige Richtung“, aber nicht schnell genug. Hier prallen zwei Perspektiven aufeinander: Während aus Sicht der Reformbefürworter die Anpassung an die Lebenserwartung politisch stufenweise und sozialverträglich sein soll, sehen Arbeitgeber eine zu langsame Folgeanpassung, die den Aufwand und die Belastung später stärker kumulieren könnte.

Für die politische Umsetzung zeichnet sich nach Dulgers Darstellung ein Spannungsfeld ab: Kanzler Friedrich Merz und Sozialministerin Bärbel Bas hatten nach Entgegennahme des Abschlussberichts im Juni angekündigt, die Elemente des Reformvorschlags „eins zu eins“ umzusetzen. Merz betont dabei, dass das Paket nur als Gesamtkonzept funktioniere. Dulger hält dagegen, dass ein solches Gesamtpaket in der Praxis nur dann tragfähig wird, wenn einzelne Korrekturen vorgenommen werden, statt alle Bausteine unverändert durchzuwinken. Seine Metapher „Ein Parlament ist schließlich kein Notariat“ zielt darauf, dass politische Verantwortung nicht darin bestehen darf, bestehende Kommissionsvorschläge automatisch zu bestätigen. Für Unternehmen und Beschäftigte wird die Debatte damit zu einem konkreten Erwartungstest an den Gesetzgebungsprozess: Entweder gelingt die Kostenverschiebung so, dass die Zusatzbeiträge der Kapitalrente mit Entlastungen an anderer Stelle einhergehen – oder die Akzeptanz sinkt, weil die Reform als Belastungsprogramm für Arbeit wahrgenommen wird.


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