LONDON (IT BOLTWISE) – Angreifer ändern bei Hotel-WLANs die DNS-Einstellungen, um Nutzer auf gefälschte Microsoft-365-Loginseiten umzuleiten. Die Kampagne läuft nach bisherigen Beobachtungen seit mindestens Juni und trifft Beschäftigte quer durch Branchen, die unterwegs sind. Entscheidend ist, dass bei einer Variante sogar ein Device-Code-Flow missbraucht wird, ohne Passwörter abzufischen. Für Security-Teams bedeutet das: Selbst „MFA-geschützte“ Unternehmenszugänge können durch Session-Umleitung angegriffen werden.

Wer in einem Hotel oder Tagungszentrum mit dem Laptop ins WLAN geht, erwartet in der Regel nur ein wackeliges Captive-Portal oder langsames Roaming. Genau diese Annahme wird in einer laufenden Angriffskampagne ausgenutzt: Angreifer übernehmen die DNS-Konfiguration von WLAN-Gateways, sodass Anfragen an reale Microsoft-Login-Endpunkte auf Infrastruktur unter ihrer Kontrolle umgelenkt werden. Betroffen sind Microsoft-365-Zugänge, und da die Geräte typischerweise für Konferenz- und Reisecases genutzt werden, wirkt das Vorgehen wie ein „Ziel über den Aufenthaltsort“. Das erhöht die Reichweite, weil sich Angriffe nicht auf eine einzelne Branche beschränken lassen, sondern dort ansetzen, wo Mitarbeitende mit ihren Unternehmens-Accounts online gehen.
Die technische Kette startet nicht mit dem eigentlichen Phishing-Loginformular, sondern mit der Manipulation der Netzwerk-Namensauflösung. Sobald die Angreifer Administratorrechte auf dem kompromittierten Gateway erlangen, ändern sie DNS-Einträge so, dass legitime Domänenanfragen in der Praxis nicht mehr die erwarteten Server erreichen. In den beobachteten Fällen wurden mindestens vier Domänen registriert, die explizit nach Microsoft-Login-Umgebungen klingen (darunter m365-owa[.]com, owa-ms365[.]com, ms365-device[.]com und ms365-live[.]com). Für die betroffenen Nutzer sieht der Ablauf dann so aus, als würden sie ganz normal auf eine Microsoft-Seite wechseln. Stattdessen landen sie auf gefälschten Portalseiten und geben Zugangsdaten ein – ein klassisches Phishing-Szenario, nur mit dem entscheidenden Unterschied, dass das „Verbiegen“ der Zielauflösung vor dem Browser stattfindet.
Besonders kritisch wird es in einer Variante, in der ein Device-Code-Authentifizierungsflow missbraucht wird. Die Forscher beschreiben, dass Nutzer zwar auf einer gefälschten Microsoft-Seite einen Freigabe- oder Prompt-Schritt sehen, aber die eigentliche Bedeutung oft übersehen: Wer den Prompt autorisiert, genehmigt eine Sitzung, die vom Angreifer initiiert wurde. Dadurch kann ein gültiges OAuth-Token an den Angreifer-Kontext ausgegeben werden, ohne dass die Angreifer Passwörter auslesen oder Access-Token direkt abgreifen müssen. Das ist in der Praxis ein Umgehungsweg für Multi-Factor Authentication: MFA schützt zwar den Login gegen Credential-Theft, aber nicht zwingend gegen die Autorisierung einer fremd initiierten Sitzung durch den Nutzer – gerade wenn die Nutzerinteraktion als „legitime Bestätigung“ interpretiert wird.
Zusätzlich beobachteten die Untersucher in etwa einem Drittel der Fälle Versuche, Web Proxy Auto-Discovery (WPAD) zu missbrauchen. Unter Windows kann der Client bei Bedarf automatische WPAD-Lookups anstoßen, um eine Proxy-Konfiguration zu finden. Angreifer, die auf diese Mechanik reagieren, können dann theoretisch eine bösartige Proxy-Autokonfiguration (PAC-Datei) bereitstellen und so den Datenverkehr von Windows-Apps über einen Angreifer-Proxy umleiten – auch für Browser-Workloads wie Chrome. Wichtige Einordnung: Die Forscher konnten nicht verlässlich bestätigen, dass diese WPAD-basierten Umleitungen in allen Fällen erfolgreich waren. Trotzdem zeigt die Kombination aus DNS-Manipulation und potenzieller Proxy-Umleitung, wie „netzwerknahe“ Angriffe die Grenzen zwischen Transport, Namensauflösung und Anwendungsschicht verwischen.
Für die Incident-Response ist zudem relevant, was nicht hilft. Der Hinweis der Forscher ist klar: Die Nutzung öffentlicher DNS-Server wie 8.8.8.8 verhindert den Angriff nicht, weil das Gateway bereits die unverschlüsselte Namensanfrage abfängt und die Ziele vor der tatsächlichen Resolver-Weiterleitung fälscht. Daraus folgt, dass Schutzmaßnahmen vor allem dort ansetzen müssen, wo der Traffic auch tatsächlich kompromittiert werden kann: ReliaQuest empfiehlt unter anderem einen immer aktiven, full-tunnel-fähigen VPN-Ansatz sowie „encrypted DNS“ im strikten Modus. Darüber hinaus sollen Teams WPAD deaktivieren, Protokolle auf ungewöhnliche Aktivitäten prüfen und Device-Code-Authentifizierung im Microsoft Entra ID nur dann zulassen, wenn sie zwingend benötigt wird. Das adressiert nicht nur das konkrete DNS-Umleitungsproblem, sondern reduziert auch die Angriffsfläche im Authentifizierungsprozess.
Für Unternehmen ergibt sich daraus ein breiterer Sicherheitslernstoff, der über „Reise-WLANs“ hinausgeht. DNS-Hijacking und Session-Autorisierung zeigen, dass moderne Angriffsoberflächen nicht nur in E-Mail, Browser-Plugins oder Identitäts-Pipelines entstehen, sondern bereits am Übergang zwischen lokalen Netzwerken und Cloud-Services. Security-Teams sollten deshalb ihre Detection-Logik auf mehrere Ebenen prüfen: Welche Alerts feuern, wenn sich Quell-IP, Gateway-Kontext oder Auth-Flow-Typ plötzlich ungewöhnlich verhalten? Werden Device-Code-Ereignisse überwacht, und sind Ausnahmen klar definiert? Und vor allem: Wie gut lassen sich Annahmen über „MFA stoppt Credential-Theft“ in Tests verifizieren, bevor Angreifer sie im Feld durchspielen. Wenn Reise-Accounts in der Unternehmensstrategie eine Rolle spielen, müssen WLAN- und Auth-Controls als zusammenhängendes System behandelt werden – nicht als separate Checklisten.
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