LONDON (IT BOLTWISE) – Eine nordkoreanisch zugerechnete Hackergruppe nutzt KI-Avatare in gefälschten Zoom- und Teams-Meetings, um Krypto-Wallets auf den Geräten von Opfern aufzuspüren. Der Angriffsweg startet häufig über kompromittierte Telegram-Accounts und führt anschließend über kopierte Login-Seiten in eine weitere Phishing-Stufe. Technisch auffällig ist der Einsatz von Typosquatting-Domains, Browser-Wallet-Scans nach EIP-6963 sowie eine Clipboard-Manipulation nach dem ClickFix-Prinzip. Für Security-Teams zählt deshalb vor allem die Kombination aus Identitätsprüfung, Link-Validierung und härterer Endpunkt-Überwachung.

BlueNoroff, eine dem Lazarus-Komplex zugerechnete Hackergruppe, setzt aktuell auf einen Angriffsmix aus Social Engineering und gezielter Wallet-Enumeration. Im Kern geht es darum, Krypto-Wallets auf Endgeräten zu identifizieren und anschließend Schadsoftware zu platzieren. Auffällig ist dabei der Einsatz von KI-Avataren: In vorgetäuschten Videokonferenzen wirken die Angreifer als Gesprächspartner plausibel genug, um Gesprächspartner in eine Handlungsabfolge zu drängen, die technische Prüfungen auf der Opferseite überlagert. Für Unternehmen ist das weniger ein „neues Toolkit“ als vielmehr die konsequente Weiterentwicklung klassischer Phishing-Abläufe hin zu stärker überzeugenden Interaktionsmustern.
Der Einstieg wird in den beschriebenen Fällen oft über die Übernahme legitimer Telegram-Accounts vorbereitet. So entsteht ein Erstkontaktkanal, der deutlich weniger verdächtig wirkt als eine kalte Nachricht von unbekannten Absendern. Danach folgt die Einladung zu Zoom- oder Microsoft-Teams-Meetings, begleitet von Webseiten, die sich als Anmeldeseiten bekannter Dienste ausgeben. Das technische Ziel hinter dieser Inszenierung ist klar: Der Opferbrowser soll in eine täuschend ähnliche Oberfläche geführt werden, die Benutzerinteraktionen abgreift und die Grundlage für die nachfolgende Schadsoftware-Lieferung schafft. In diesem Schritt kommen zudem Typosquatting-Domains zum Einsatz, die kleine Schreibfehler nutzen, um Domain-Checks auf den ersten Blick auszutricksen.
Bevor eine eigentliche Payload ausgeliefert wird, arbeitet das Phishing-Kit gezielt die installierten Wallet-Erweiterungen im Browser ab. Dabei wird sowohl der Standard EIP-6963 als auch auf ältere, sogenannte Legacy-Methoden zurückgegriffen, um vorhandene Krypto-Erweiterungen zu erkennen. Diese Entscheidung ist sicherheitstechnisch relevant, weil sie die Erfolgsquote erhöht: Selbst wenn ein Nutzer aktuellere Wallet-Kompatibilität nutzt, kann das Kit die notwendigen Hooks finden; und falls ältere Integrationen noch aktiv sind, werden auch diese ausgenutzt. Ergänzend wird ein ClickFix-Ansatz beschrieben, bei dem die Zwischenablage (Clipboard) des Nutzers manipuliert wird, um die Ausführung bösartiger Befehle wahrscheinlicher zu machen. Genau solche Zwischenablage-basierenden Tricks sind in der Praxis schwer zu blocken, weil Nutzer Routinen wie Kopieren und Einfügen ansonsten als harmlose Produktivitätsschritte betrachten.
Für die Schadsoftware-Lieferung wird die Angriffskette plattformspezifisch ausgebaut. Unter Windows werden PowerShell-Loader verwendet, die explizit so konfiguriert sind, dass Erkennungsschichten, insbesondere im Umfeld von Windows Defender, umgangen oder verzögert werden. Das ist nicht nur eine reine „Ladefunktion“, sondern Teil der Umgehungslogik der gesamten Kette: Erst wenn die nachfolgenden Komponenten unauffälliger laufen, steigt die Chance auf einen vollständigen Durchlauf. Auf macOS werden wiederum gefälschte Installer eingesetzt, die einen Stealer enthalten. Für Security-Teams bedeutet das: Eine einheitliche „Signature-only“-Betrachtung greift zu kurz, weil der Nutzpfad je Betriebssystem unterschiedlich ausfällt und damit auch die Telemetriepfade, die man überwachen muss, auseinanderlaufen.
Die Kampagne wirkt dabei nicht breit gestreut, sondern auf Selektivität getrimmt. Sicherheitsanalysen nennen mehr als 80 Lookalike-Domains und über 100 dokumentierte Angriffsziele; etwa 80 % davon entfallen auf Unternehmen aus dem Krypto- und Blockchain-Umfeld. Insgesamt wurden über 100 Opfer in mehr als 20 Ländern beobachtet, was eine Mischung aus zielgerichteter Auswahl und gleichzeitig breiter geographischer Angreifbarkeit nahelegt. Besonders im Fokus stehen Entscheidungsträger: Rund 45 % der identifizierten Opfer sind CEOs oder Gründer. Zudem wird die Angriffsleistung als kritisch beschrieben, da eine vollständige Kompromittierung in unter 5 Minuten möglich sein soll. Das ist strategisch entscheidend, weil es den Zeitfenster-Effekt verstärkt: Wenn frühe Erkennung zu spät greift, bleibt zu wenig Zeit, um sowohl Benutzerinteraktionen als auch Endpunkt-Reaktionen zu stoppen.
Auch bei den Zeitachsen und forensischen Indizien wird der Betrieb als „aktiv“ eingeordnet. Zwischen dem 22.04.2026 und dem 15.07.2026 werden vier verschiedene macOS-Varianten der Schadsoftware beschrieben; das Phishing-Kit selbst soll im Zeitraum vom 31.05.2026 bis zum 14.07.2026 in fünf Versionen dokumentiert worden sein. Zusätzlich deuten Beobachtungen auf eine noch unvollständige Variante des Phishing-Kits für Google Meet hin. Forensisch wird berichtet, dass Quellcode-Analysen nach dem Aufdecken von JavaScript Source Maps stattfanden und die Aktivitäten vornehmlich in üblichen nordkoreanischen Geschäftszeiten verortet wurden. Für die Verteidigung ist das weniger „Krawall um Zeit“ als ein Hinweis auf Prozessdisziplin: Wer Angriffe kontinuierlich iteriert, muss nicht auf einen einzelnen Kampagnenpeak warten, sondern kann mehrere Erfolgskurven nutzen.
Praktisch sollten Unternehmen im Krypto-Umfeld vor allem die leicht angreifbaren Verbindungen zwischen Identität, Kommunikation und Endpunkt härten. Aus der beschriebenen Vorgehenslogik lassen sich als Prioritäten vor allem die Verifizierung von Meeting-Links und unaufgeforderte Kontaktanfragen über soziale Medien ableiten, ergänzt durch konsequente Checks von Zielseiten vor jeder Interaktion. Daneben wird deutlich, dass Endpunkt-Schutz nicht als „letzte Barriere“ verstanden werden darf: Da der Windows-Zweig über PowerShell-Loader und gezielte Defender-Konfiguration läuft und der macOS-Zweig gefälschte Installer mit Stealer-Logik nutzt, braucht es eine breit verteilte Telemetrie aus Prozess- und Browser-Events. Das Ziel ist, Auffälligkeiten so früh zu erkennen, dass der Angriff gar nicht erst in die Wallet-Enumeration und Clipboard-Trigger übergehen kann.
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