LONDON (IT BOLTWISE) – Google Cloud führt ein neues Benennungsschema für Hackergruppen ein, das aus zwei Wörtern besteht und Herkunft beziehungsweise Motivation schneller lesbar macht. Damit sollen Bedrohungsberichte für Security-Teams leichter nachzuvollziehen sein, besonders beim Triage-Prozess und beim Austausch zwischen Analysten. Gleichzeitig bleibt die Zuordnung zu staatlichen oder kriminellen Akteuren an gründliche Belege gebunden. Der Rollout startet mit den aktivsten Gruppen und wird schrittweise erweitert, ohne frühere Namen aus der Suche zu entfernen.

Im Kern geht es um etwas scheinbar Widersprüchliches: Wer Angreifer präzise einordnen will, braucht eine möglichst einheitliche Sprache. Google Cloud ändert deshalb, wie es Hackergruppen benennt, die es in seinen Threat-Intelligence-Auswertungen beobachtet. Statt eines Flickenteppichs aus historisch gewachsenen Labels sollen künftig Namen verwendet werden, die bereits beim ersten Blick Kontext liefern. Die Umstellung wird von der Google Threat Intelligence Group ausgerollt, nachdem Mandiant und die Threat-Analysis-Aktivitäten von Google zusammengeführt wurden. Das klingt nach reiner Dokumentationspflege, adressiert aber ein sehr praktisches Problem: Unterschiedliche Forschungsteams ordnen denselben Cluster teils mit unterschiedlichen Kurzbegriffen ein, während kompakte Bezeichnungen ohne Zusatzinformation wenig über Ursprung, Motive oder beobachtete Aktivitäten verraten.
Technisch betrachtet wird damit nicht ein neues Malware- oder Angriffsmodell eingeführt, sondern ein Prozessschritt in der Kommunikation. Die neue Logik folgt einem klaren Schema: Jede Gruppe erhält ein einprägsames, zweigliedriges Kryptonym. Das erste Wort identifiziert die konkrete Gruppierung und kann dabei einen Begriff behalten, der bereits in früheren öffentlichen Auswertungen vorkam. Wo kein etablierter Begriff existiert, generieren Forschende zunächst einen zufälligen Namen und überprüfen ihn anschließend, um Bias zu vermeiden. Das zweite Wort liefert die erwartbare Einordnung über die Art des Kontexts: CASTLE steht für Aktivitäten, die mit der Volksrepublik China in Verbindung gebracht werden; ION für Iran; NEPTUNE für Nordkorea; RELIC für Russland; COMET für cyberkriminelle Aktivität. Wichtig ist dabei die Einschränkung, dass solche Namensbestandteile nicht automatisch „Gewissheit“ bedeuten, sondern als schneller Einstieg dienen, ohne die Qualität der tatsächlichen Bewertung zu ersetzen.
Für Verteidiger ist das vor allem dann relevant, wenn Zeitdruck entsteht, etwa bei der ersten Bewertung nach einem Incident. Google Cloud argumentiert, dass klarere Labels die Triage beschleunigen und die interne Kommunikation zwischen Analysten verbessern können. Gleichzeitig soll die externe Berichterstattung weniger verwirrend werden, weil weniger abgleichende Hintergrundarbeit nötig ist. In der Praxis bleibt Attribution aber eine eigenständige Aufgabe: Das neue Benennungssystem „ersetzt“ nicht die sorgfältige Zuordnung, weil weiterhin Verhalten, Infrastruktur und Zielprofile analysiert werden müssen, bevor man eine Gruppe zuverlässig mit einer staatlichen oder kriminellen Kampagne verknüpft. Gerade deshalb ist die Abgrenzung zur historischen Kennzeichnung wichtig: Kurze Bezeichnungen wie APT1 oder rein sequentielle Nummern liefern zwar Wiedererkennung, aber kaum belastbaren Kontext, der in frühen Phasen helfen würde.
Während der Umstieg läuft, sollen frühere Namen nicht abrupt verschwinden. Google betont, dass ältere Bezeichnungen weiterhin im Threat-Intelligence-Portal auffindbar bleiben – inklusive Verknüpfungen zu MITRE ATT&CK-Mappings sowie Aliases anderer Anbieter. Das ist mehr als Bequemlichkeit: Viele Teams nutzen bestehende Monitoring-Regeln, Incident-Notes und Suchabfragen über Jahre hinweg. Wenn Benennungen plötzlich nicht mehr identisch wären, müsste jedes Team die eigenen Artefakte neu harmonisieren. Auch Gruppen, die sich noch in frühen Ermittlungsphasen befinden, behalten zunächst ein „UNC“-Label für „uncategorized“. Diese Zurückhaltung ist methodisch sinnvoll, weil sie eine tentative Einschätzung nicht fälschlich als „abgeschlossen“ erscheinen lässt. Wer die neuen Namen einsetzt, sollte sie deshalb als Navigationshilfe verstehen – nicht als Abkürzung für eine abschließende Attribution.
Damit ein einheitliches Namensschema nicht zur falschen Sicherheit führt, liegt der Fokus auf Vergleichbarkeit und Evidenztrennung. Security-Teams sollen deshalb den Actor-Label gegen Indikatoren der Kampagne abgleichen: Tools, Opferprofil, zeitliche Muster und technische Infrastruktur. Zudem sollen ältere Aliases während der Übergangszeit weiter in Suchläufen genutzt werden, um Kontinuität in der Wissensbasis zu behalten. Google empfiehlt außerdem, Mapping-Entscheidungen zu dokumentieren und die zugrunde liegende Sicherheit bzw. Confidence nachvollziehbar zu machen, insbesondere wenn öffentliche Berichte mehrere überlappende Namen verwenden. Hier setzt auch die Idee an, dass Verteidiger MITRE-ATT&CK-Techniken zur Strukturierung einer Untersuchung nutzen können, ohne daraus automatisch eine eindeutige Zuschreibung der handelnden Person oder Gruppe abzuleiten.
Der größere Nutzen liegt in einer gemeinsamen Sprache, die sich schneller merken lässt und gleichzeitig Raum für Unsicherheit lässt, bis neue Belege hinzukommen. Genau an dieser Stelle entsteht in Unternehmen oft ein Engpass: Nicht die Fähigkeit zur technischen Analyse fehlt, sondern der Abgleich von Begriffen über Rollen hinweg – zwischen Detection Engineering, Incident Response und Management-Kommunikation. Wenn Labels klarer werden, sinkt die kognitive Last, und auch Nicht-Spezialisten können Bedrohungsberichte besser lesen, etwa bei Unterscheidungen zwischen staatsnaher Aktivität und finanziell motivierten Kampagnen. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt von „nur“ Zuordnungssignalen hin zu besserer Verständlichkeit. Gleichzeitig gilt: Klare Terminologie verhindert keine Intrusion. Sie kann jedoch helfen, Befunde schneller auszutauschen und Prioritäten für Maßnahmen besser zu setzen, bevor sich hinter dem Vorfall neue Taktiken, Techniken und Prozeduren zeigen.
Für die nächsten Monate ist daher entscheidend, wie Teams die Umstellung operativ in ihre Arbeitsabläufe integrieren. Wer heute mit älteren Aliasen arbeitet, sollte Suchräume und Playbooks parallel anpassen, bis die neuen zweiwertigen Kryptonyme als Referenz in den eigenen Prozessen „ankommen“. Gerade in Branchen mit hoher Ticket- und Incident-Rate entscheidet dann oft weniger das Modell, sondern die Konsistenz im Umgang mit Labels: Welcher Name wird in Tickets referenziert, welche Indikatoren werden in Berichten dokumentiert, und wie wird die Confidence-Klasse kommuniziert, wenn es Überschneidungen zu früheren Clustern gibt. Genau diese Abstimmung macht den Unterschied zwischen schneller Orientierung und potenziell missinterpretierten Schlussfolgerungen.
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